Tage des Terrors

Der Eröffnungsfilm vom 69. Festival von Venedig will Brücken schlagen, zwischen Muslimen und Christen, zwischen Pakistanis und Amerikanern. Nichts weniger als die Rückbesinnung auf Komplexität fordert Mira Nairs Romanadaption – und löst sie selbst nicht ein.

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Moderne Kriegsrhetorik und die Welt der Finanzen: Es ist eine bekannte und treffende Analogie, der sich Mohsin Hamids Roman Der Fundamentalist, der keiner sein wollte (The Reluctant Fundamentalist, 2007) bedient. Das titelgebende Wortspiel will den Reduktionismus, die Simplifizierungsstrategien unserer Wahrnehmung, Kommunikation und Politik in Frage stellen. Was ist das Fundamentale, das Changez Khan (Riz Ahmed) sich nur widerwillig zur Lebensphilosophie macht? Welche Werte werden da gegen welche anderen ausgespielt? In der Arbeit für eine New Yorker Unternehmensberatung ist das recht klar: Hier muss der Pakistani Changez für Margen und Profite eintreten, ganz gleich wie groß die Kollateralschäden sind. Auf der politischen Ebene geht es um Post-9/11-Traumata auf beiden Seiten und die Gefahr, Kampfeslogik von Feind und Freund in den Alltag zu übertragen.

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Die in New York lebende Inderin Mira Nair hat sich bereits in der Vergangenheit immer wieder kulturellen Identitätsfragen, wie etwa zuletzt in The Namesake (2006), angenommen. In ihrer Adaption Tage des Terrors liefert sie nun eine verdichtete Lebensgeschichte des jungen Changez, Princeton-Student, Finanzberater, Fundamentalist. William Wheelers Drehbuch hat sie um eine Action-Handlung in der Jetztzeit ergänzt, folgt aber ansonsten in vielerlei Hinsicht dem selbstgerechten Tonfall des Bestsellers. Am Anfang steht ein Gespräch: zwischen dem bereits seit einigen Jahren aus den USA heimgekehrten Pakistani und dem amerikanischen Journalisten Bobby (Liev Schreiber). Während Changez, inzwischen beliebter Professor, mit allen Ausschweifungen von seinem amerikanischen Traum und der Desillusionierung nach dem 11. September erzählt, brauen sich in Lahore Studentenproteste gegen die amerikanische Präsenz zusammen. Und ein Amerikaner wurde gerade von Extremisten entführt. Bobby verdächtigt Changez.

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Wo der Roman sich bemühte, die Gegenwart in der Schwebe zu halten, den Rahmen als reine Projektionsfläche verstehend, als sinnlich-gastlichen Empfang in der Fremde, der den westlichen Blick öffnet für andere Perspektiven, da steht im Film eine auf Politthriller gebürstete Story, die mehr schlecht als recht einen Anlass für Rückblenden bietet und die Dringlichkeit des Gesprächs behauptet. Um Werktreue kann es selbstredend nicht gehen – dafür ist die Vorlage selbst an vielen Stellen zu schwach, zu allgemein-ungenau, sich immer wieder in Anekdoten und nur halb zu Ende gedachten Argumenten verlierend. Doch statt entschlossenen Schrittes ins Filmische einzutauchen, manövriert Mira Nair Tage des Terrors in die Sackgasse des Alles-und-Nichts.

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Um jeden Preis will sie den Eindruck der Nähe zum Sprechtheater vermeiden, versucht mit allen Mitteln das Statische und das Philosophisch-Abstrakte der retrospektiven Schilderung zu verdecken, eher noch geht es um die kriminalistische Suche nach Indizien für die Schuld oder Unschuld von Changez. Die Rückblenden werden in dieser doppelten Bewegung zerrieben: Einerseits wirken sie im Vergleich zum dramatischen Rahmen irreal gemächlich, andererseits spult der Film in den über zwei Stunden Laufzeit in doch recht schnellem Tempo alle Stationen der Entwicklung durch – die Momentaufnahmen und psychologischen Erforschungen von Changez, seiner Freundin Erica (Kate Hudson) und deren Umfeld, fehlen. Nie verweilt Nair lange genug bei einer Situation und findet auch so gut wie keine prägnanten Bilder, um Substanzielles zu evozieren. Letztlich fehlt hinten wie vorne die Luft zum Atmen und erst recht der Raum für Komplexität. Unglücklicherweise hat sie dazu noch ein Ensemble zusammengestellt, bei dem Kiefer Sutherland leichterhand die beste Figur abgibt. Hauptdarsteller Riz Ahmed zieht sich zwar mit Charme und Doppelbödigkeit sehr ordentlich aus der Affäre, das aber vor allem, weil er im Kontrast zum alles andere als subtilen oder mehrschichtigen Spiel der B- bzw. C-Liga-Darsteller Liev Schreiber und Kate Hudson heraussticht.

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Tage des Terrors trägt die eigene Mission der friedlichen Verständigung wie einen Banner vor der Brust. Gut gemeint, freilich. Auswüchse des Finanzkapitalismus, Menschenverachtung, islamischer Extremismus. Ob Parallelen, Entsprechungen oder die Entwicklung einer Figur: Um sich solch großen Brocken zu widmen, braucht es schlicht sehr viel mehr Fingerspitzengefühl. Und Interesse fürs Detail. Denn nichts, was hier von Rhetorik und Methodik der Fundamentalismen geschildert wird, erlaubt einen wirklichen Einblick in die zerrissene Seele von Changez. Und das bei diesem klingenden Namen.

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