The Raid

Räuber und Gendarm im Hochhaus. Der Waliser Gareth Evans dreht einen auf sein Grundgerüst heruntergebrochenen Actionfilm in Indonesien. 

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Der Werbeslogan von The Raid (Serbuan maut) bringt die Handlung des Films auf eine einfache Grundformel: ein skrupelloser Drogenboss, 20 Elite-Polizisten und 30 Stockwerke Hölle. Entscheidet man sich für eine ausführlichere Inhaltsangabe, fällt diese nur unwesentlich länger aus. In einem heruntergekommenen Hochhaus soll ein mit Anfängern besetztes Sonderkommando den Bösewicht im obersten Geschoss verhaften. Doch der kriegt Wind davon und sorgt dafür, dass die Einheit innerhalb kürzester Zeit auf ein paar Überlebende dezimiert wird. Die Jagd beginnt.

Wörtlich sollte man den schmissigen Slogan des Films zwar nicht nehmen – schließlich sind es eigentlich nur 15 Stockwerke, und der Drogenboss ist auch nicht allein, sondern verfügt über reichlich Kanonenfutter –, die Zuspitzung auf Zahlen verdeutlicht aber trotzdem, was dem Waliser Gareth Evans hier unter Berücksichtigung der drei aristotelischen Einheiten von Zeit, Ort und Handlung gelungen ist: ein auf seine Essenz reduzierter Actionfilm, ohne ornamentale Ausschmückungen, ohne doppelten Boden und mit einem ausgesprochen geringen Budget.

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The Raid ist ein Zwitterwesen, ein asiatischer Genrefilm, der für ein internationales Publikum funktionieren soll. Als indonesisch-amerikanische Koproduktion ist er nicht nur durch die Beteiligung beider Länder entstanden, sondern vereint auch die stilistischen Merkmale von geradlinigem amerikanischem Actionkino und seinem wagemutigeren Pendant aus Hongkong. Vor einigen Jahren kam der Regisseur nach Indonesien, um eine Dokumentation über Pencak Silat – eine nationale Kampfsportart – zu drehen. Statt das Land zu verlassen, ließ sich Evans erstmal nieder, drehte mit Merantau (2009) einen Martial-Arts-Film mit einheimischer Besetzung und knüpft mit The Raid nun an diese interkulturelle Begegnung an.

Der Erfolg hat sich schon eingestellt. Nachdem der Film auf Festivals begeistert aufgenommen wurde, dreht Evans bereits eine Fortsetzung, und auch ein amerikanisches Remake ist in Arbeit. Dabei wurden mit einer leicht vom Original abweichenden Fassung ohnehin schon Zugeständnisse an den amerikanischen Markt gemacht. Sony, zuständig für den US-Vertrieb, ersetzte beispielsweise den ursprünglichen Soundtrack durch Musik von Mike Shinoda, der mit seiner Emo-Metal-Band Linkin Park bei dem Musikriesen unter Vertrag ist. Ähnliche Bevormundungen des westlichen Publikums gab es auch schon bei Filmen aus Bollywood. Vielleicht bekommt der Zuschauer dann wenigstens mit der DVD-Veröffentlichung die Freiheit, zwischen beiden Fassungen zu wählen.

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Es mag finanzielle Ursachen haben, dass es in The Raid keine genreüblichen Materialschlachten und Pyro-Exzesse gibt. Evans weiß dieses vermeintliche Defizit aber gekonnt für das Konzept seines Films zu nutzen. Jegliche Action, egal ob mit oder ohne Waffen, entsteht aus der ausgeklügelt choreografierten Bewegung des menschlichen Körpers. Mit zunehmender Dauer und durch wechselnde Waffen verringert sich dann auch die räumliche Entfernung zwischen den Kontrahenten. Der Weg führt vom Maschinengewehr über Messer und Macheten bis zu den Fäusten. Interessant dabei ist auch, dass Evans einerseits mit einer distanzlosen Handkamera auf die Desorientierung des Zuschauers setzt und ihm gleichzeitig durch im Hintergrund platzierte Zimmernummern immer penibel mitteilt, in welchem Stockwerk man sich gerade befindet.

Bezeichnet man The Raid als eine reine Aneinanderreihung von Kampfszenen, liegt man gar nicht so falsch. Es ist schon faszinierend, wie wenig sich Evans beispielsweise für Figurenpsychologie interessiert. Am Rande kommt es zwar zum Drama zweier voneinander entfremdeter Brüder, und auch polizeiinterne Korruption wird angesprochen, wirklich relevant für den Film ist das alles aber nicht. Man kann The Raid ohne weiteres auf das Grundgerüst „Räuber und Gendarm im Hochhaus“ reduzieren, ohne das abwertend zu meinen. Mit so wenig Handlung einen beeindruckenden Actionfilm zu machen, ist durchaus eine Leistung.

The Raid 4

An einigen Stellen läuft der Film auch Gefahr, mit seinen ständigen Kugelhageln und Kloppereien in stumpfe Monotonie abzudriften. Doch Evans beweist rhythmisches Gespür für die Dramaturgie des Kampfes. Schwindelerregend inszenierte Duelle lösen sich mit suspensehaltigen Momenten und kurzen Verschnaufpausen ab. Tempi, Schauplätze und Waffen variieren endlos, und auch eine leicht perverse Vorliebe für ausgefallene Tötungsmethoden sorgt für die nötige Abwechslung. The Raid bleibt immer in Bewegung. Da ist es auch kein Wunder, dass man als Zuschauer nach einem derart strapaziösen Gefecht über mehrere Etagen erst mal fertig mit den Nerven ist. 

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