The Raging Grannies Anti Occupation Club

Vom Zionismus zum palästinensischen Befreiungskampf: Die von Iwajla Klinke porträtierten „Raging Grannies“ sind eher pragmatische Helferinnen als wütende Großmütter. Sie setzen sich für ein gleichberechtigtes Miteinander von Israelis und Arabern ein.

The Raging Grannies Anti Occupation Club

Hoffnung auf neue Gesprächsangebote und erneut verbitterte Enttäuschung durch wiederholte Anschläge, Entführungen, Racheakte wechseln sich in diesem scheinbar endlosen Kreislauf der Gewalt zwischen Israel und den Palästinensergebieten ab. Aus Perspektive der Abendnachrichten sind Drohgebärden und Blutvergießen im sogenannten Heiligen Land fast schon Alltag, und auch die sich ähnelnden Fernsehbilder verfestigen den Eindruck eines nicht aufzulösenden rituellen Schauspiels im Nahen Osten. Jeder Film, der etwas differenziertere Israelbilder auf die Leinwand oder Mattscheibe bringt, ist zu begrüßen, denn natürlich gibt es sie, die politischen Aktivisten beider Seiten, die Künstler, die Organisationen und uneigennützigen Helfer, die an Formen friedlichen Zusammenlebens arbeiten. 1994 hatte Andres Veiel in seinem sehenswerten Dokumentarfilm Balagan eine jüdisch-palästinensische Theatergruppe begleitet, die ein schrilles, düsteres Stück über den Holocaust auf die Bühne brachte. More than 1000 words (2006) von Solo Avital zeigte die gefährliche Arbeit des Fotografen Ziv Koren als ehrlicher Dokumentarist des israelisch-palästinensischen Krieges und seiner Opfer.

The Raging Grannies Anti Occupation Club

Iwajla Klinkes Protagonistinnen sind drei alte Damen zwischen Ende 70 und Anfang 80, die sich für Israels Rückzug aus den besetzen Gebieten engagieren und erweiterte Nachbarschaftshilfe leisten. The Raging Grannies Anti Occupation Club – das sind Hava, Pnina und Tamar. Alle drei emigrierten im Laufe der 30er Jahre aus Polen nach Palästina und erlebten die Gründung Israels aktiv mit; Hava war damals sogar Soldatin der paramilitärischen, zionistischen Haganah. Doch in Idealismus und Hoffnung auf den neugegründeten Staat mischten sich bald Erschrecken und Frustration über die aggressive Dauerkriegssituation und schließlich die Besetzungspolitik Israels. Jede der Frauen beschloss auf ihre Weise, die verhärteten Fronten mit einfachen solidarischen Akten zu unterlaufen: Pnina, Kommunistin und ausgebildete Krankenschwester, versorgt heute als Mitglied der „Ärzte für Menschenrechte“ jeden Sabbat Kranke in den Palästinensergebieten. Tamar setzt sich als Anwältin für in Israel inhaftierte Palästinenserinnen ein. Auch Hava besucht gefangene Frauen, singt und demonstriert für palästinensische Unabhängigkeit.

Vom täglichen Hass, der das Leben auf beiden Seiten des von Israel neugezogenen Grenzwalls so schwer macht, ist im Film wenig zu spüren. Nur einmal beschimpft ein Passant die Mahnwache haltenden Großmütter als „Huren Arafats“, die lieber Fotos von getöteten jüdischen Kindern schwenken sollten als Friedenssymbole. „Euch sollte man verbrennen“, ruft der Mann. Doch ansonsten versucht der Dokumentarfilm, die dicht unter der Oberfläche schwelenden Emotionen der verschiedenen Parteien nicht zusätzlich zu beschwören und vertraut auf die praktische, gemeinnützige Initiative und den hoffnungsvollen Mut der drei Frauen: „Wir werden Dutzende sein, Hunderte, Tausende!“

The Raging Grannies Anti Occupation Club

Regisseurin Klinke hat The Raging Grannies Anti Occupation Club selbst mit der DV-Kamera aufgenommen; sie stellt die Fragen und lenkt ihre Protagonistinnen manchmal hörbar zu den Antworten und Geschichten, die ihr zu dokumentieren wichtig erschienen. Teilweise werden dabei mehr neue Fragen aufgeworfen als beantwortet – nicht nur, was die geschichtsträchtigen Lebensläufe der drei Aktivistinnen betrifft, auch nähere Gespräche mit den gezeigten Palästinensern wünscht man sich, um mehr als einen flüchtigen Eindruck von den Gebieten und deren Bewohnern zu bekommen.

Der Kamerablick ist etwas zu genügsam, sammelt auf, was sich ihm bietet, aber wagt sich nicht tiefer ins verminte Gelände der jüdisch-palästinensischen Beziehungen und Feindschaften. Einerseits kann man es der Filmemacherin nicht verdenken: Das Terrain ist kompliziert und schnell ideologisch besetzt, und ihre Aufnahmen sind innerhalb von nur drei Monaten entstanden – eine viel zu kurze Zeit für eine umfassende Abhandlung zum Thema Nahostkonflikt, die die Produktion mit dem Mini-Budget auch gar nicht leisten will. Andererseits möchte man von den „Grannies“ noch soviel wissen. Mit welchem Widerstand haben sie auf israelischer Seite zu kämpfen? Werden sie von ihren Familien unterstützt? Und hat Hava, deren Wohnung mit Friedenstaube und Che Guevara-Konterfei geschmückt ist, überhaupt kein Problem damit, als Ehrengast zur Gründung einer bewaffneten Frauengruppe des Islamischen Dschihad geladen zu sein? Das Heilige Land – es erscheint vorerst weiter als unheilbares Chaos.

 

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