Il maestro del terrore

Kontrolle über das Licht, Kontrolle über den Raum: In der Residenz seines fiktiven Regiekollegen Vincent Omen findet Lamberto Bava den perfekten Schauplatz für ein kleines Meisterstück des postklassischen Horrorfilms.

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Am Anfang eine schlafende Frau in Großaufnahme. Der Traum, aus dem sie erwacht, scheint angenehm zu sein; die Welt, die sie vor sich hat, wenn sie die Augen öffnet, ist es nicht. Die gerade noch genießerischen Gesichtszüge verhärten sich rasch, stirnrunzelnd erhebt sie sich und beginnt ihre Umwelt zu erkunden. Tatsächlich entdeckt sie in dem schäbigen Wohnwagen, in dem sie sich befindet, zwar zwei von einer Brotschneidemaschine abgesägte menschliche Finger, aber nicht ihren George, nach dem sie ängstlich ruft. Wenn sie anschließend, halb neugierig, halb hysterisch, aus dem Trailer tritt, passt der kunstnebelverhangene B-Movie-Sumpf perfekt zum Geisterbahn-Synthiegedudel auf der Tonspur. Ein paar Meter weiter stößt sie auf eine mit Wasser gefüllte Grube, in der sich eine Gestalt befindet. Diese schaut zunächst nach einem recht gewöhnlichen Mann (George?) aus; wenn der sich dann aber aus seinem natürlichen Sarg erhebt, erinnert er eher an eine mit einer Luftpumpe aufgeblasene Wachsfigur – die dann in die Richtung der Frau ein „I Love You“ haucht und auf sie zuzutapsen beginnt.

Der Horror hat seine Unschuld verloren

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Gerade als sie sich der Avancen des lebenden Michelinmännchens zu erwehren beginnt, ruft von außen jemand ins Bild: „Cut!“ Die Szenerie entpuppt sich als Filmset, das Monster bekommt die mollige Maske vom Gesicht gezogen, die Frau einen Mantel umgehängt. Der Regisseur (Tomas Arana, lange vor seiner Hollywoodkarriere, aber bereits wunderbar hager, arrogant und abgeklärt; wie Eastwood ist das anscheinend ein Mann, der gut altert, weil er nie jung war) küsst ihr ironisch-galant die Hand. Es folgen abgeklärte, professionelle Gespräche über die Szene und den weiteren Drehplan. Richtiggehend unbarmherzig macht Il maestro del terrore einem das klar: Die zwar auch schon hochgradig artifizielle, aber in einem gewissen Sinn doch noch ursprüngliche Naivität der ersten Filmminuten ist für immer verloren und durch nichts wiederzugewinnen. Nie wieder wird es derart voraussetzungslose Schreckensblicke, derart undefinierbar albtraumhafte Monster geben. Der Horror hat seine Unschuld verloren, er ist zur Technik, zum Geschäft, zur Karriere verkommen.

Die nächste Szene spielt auf einem Golfplatz. Souverän und lässig parliert der Regisseur, der den sprechenden Namen Vincent Omen trägt, mit einer Journalistin. Das ist die einzige Sequenz des Films bei Tageslicht, an der freien Natur. Weder Omen noch Lamberto Bava halten es da lange aus. Kontrolle über das Licht und Kontrolle über den Raum: Das ist Kino, zumindest für den fiktionalen der beiden Filmemacher. Die Menschen sind nur im Weg. Der gesamte restliche Film entfaltet sich im Verlauf einer Nacht im Haus des Regisseurs.

Eine gewerkschaftliche Pointe

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Nach einem Abendessen in angespannter Atmosphäre, bei dem die ebenfalls anwesende Hauptdarstellerin ohne wirklichen Anlass von den Orgasmen erzählt, die ihr die Filmdrehs ermöglichen, sowie nach einigen unheilvollen Vorzeichen taucht ein Psycho mit vernarbtem Gesicht auf und beginnt, die Familie zu terrorisieren. Nur um bald darauf, in einer Spiegelung des Prologs, eine Maske vom Gesicht gezogen zu bekommen. Was an der Situation allerdings leider nichts ändert: Unter der Maske befindet sich ebenfalls ein mordlustiger Psycho. Beziehungsweise ein ehemaliger Mitarbeiter Omens, der vom größenwahnsinnig gewordenen auteur geschasst wurde und nun beweisen möchte, dass er das eigentliche Genie hinter dessen Filmen ist. Um das zu erreichen, setzt er dieselben Mittel ein wie Omen: Kontrolle über das Licht und Kontrolle über den Raum. Die Menschen sind nur im Weg.

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Nachdem mit dieser gewissermaßen gewerkschaftlichen Pointe die Reflexivität schon früh im Film auf die Spitze getrieben und gleichzeitig aus dem Weg geräumt worden ist, verwandelt sich Il maestro del terrore in einen klassischen home-invasion-Thriller. Das Katz-und-Maus-Spiel, das im Anschluss seinen Lauf nimmt, ist mit einigen derben Gore-Effekten garniert und behält auch sonst einen angenehm spielerischen Tonfall. Dafür sorgt nicht zuletzt das Setting: Omens Residenz ist ein kleines Kunstwerk oder jedenfalls eine Welt für sich. Von außen wirkt es unscheinbar, scheint sich sogar in seiner Umgebung verstecken zu wollen, drinnen offenbaren sich ungeahnte Dimensionen – was auch die Killer entdecken, die auf die eher unwahrscheinliche Idee verfallen, eines ihrer Opfer nicht abzustechen, sondern einzumauern. Tatsächlich ist jeder einzelne Raum außergewöhnlich groß, schon in der Küche könnte man eine ganze Einzimmerwohnung unterbringen. Andauernd öffnen sich neue Korridore und Räume. Besonders spektakulär ist eine Art kreisförmiger Innengarten, der mit exotischer Vegetation bewachsen zu sein scheint. Ein perfekter Schauplatz für ein kleines Meisterstück des postklassischen Horrorfilms: Zwei Meister des Terrors versuchen, sich gegenseitig abzumurksen, ein dritter, Lamberto Bava, schaut ihnen dabei zu. Und behält selbstverständlich stets die Kontrolle über das Licht und die Kontrolle über den Raum.

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