The Postmodern Life of My Aunt

Die Altmeisterin des Hongkongkinos, Ann Hui, präsentiert in ihrem neuen Film eine Handvoll kleinerer und größerer Episoden aus dem Leben einer alternden Frau in Shanghai und beweist erneut ihr außergewöhnliches Können.

The Postmodern Life of my Aunt

Zu großen Teilen spielt The Postmodern Life of My Aunt (Yi ma de houxian dai sheng huo) im öffentlichen Raum Shanghais. Ye Rutang (Siqin Gaowa) läuft durch die Stadt, meist in Eile, doch nicht immer mit konkretem Ziel und findet trotz aller Hektik immer noch genügend Zeit, neue Bekanntschaften zu machen. Mit einer Frau aus der Provinz, die mitten auf der Straße einen Fisch säubert, beginnt sie einen Streit, in einem Restaurant fängt sie ein Gespräch mit ihrer Sitznachbarin an, die gerade eine blutende Gesichtswunde notdürftig verarztet. Überall in der Stadt sind kleine und große Geschichten versteckt, die Kamera verlässt oftmals in großartig komponierten Plansequenzen die Protagonisten, um die Umgebung zu erkunden und andere potentielle Filmthemen in den Blick zu bekommen. Die vier, fünf Geschichten, die The Postmodern Life of My Aunt dann ausführlicher erzählt, scheinen eher zufällig ausgewählt als vorkonstruiert und ordnen sich nie vollständig einer Drehbuchstruktur nach Vorbild des klassischen Hollywoodkinos unter.

Dennoch hat The Postmodern Life of My Aunt ein Zentrum. Dreh- und Angelpunkt des Films ist seine Hauptfigur: Ye Rutang, jene Tante, welche dem englischen Titel zufolge ein postmodernes Leben führt und eine ebenso außergewöhnliche wie zauberhafte Protagonistin abgibt. Vor Jahren, so erfährt man gegen Ende des Films, verließ sie ihre Heimat in Mandschurien, um in der Großstadt ohne jede familiäre Unterstützung ihr Glück zu suchen. Nun bewohnt sie ein kleines Appartement, gibt Englischunterricht und verbringt ihre Zeit am liebsten mit ihrer exzentrischen Nachbarin.

The Postmodern Life of my Aunt

Ob dieser Lebensentwurf nun postmodern ist oder nicht, sei dahingestellt, in jedem Fall zeichnet The Postmodern Life of My Aunt bereits in den ersten Minuten das Porträt einer komplexen Persönlichkeit, die sich allen gängigen Klischees des Kinos in Bezug auf ältere Menschen entzieht. Die agile Ye ist keine einsame Alte, doch als gutmütiger Omaersatz taugt sie erst recht nicht, das wird ihrem jungen Neffen Kuan-kuan (Guan Wenshuo), der sie in der ersten Episode des Films besucht, bald klar. Auch altersweise ist Ye eher selten. Zumindest dann nicht, wenn Chow Yun Fat autaucht.

Der Superstar des Hongkongfilms, hierzulande zuletzt in Zhang Yimous Schwertkampfepos Der Fluch der goldenen Blume (Man cheng jin dai huang jin jia, 2006) zu sehen, spielt den halbseidenen Lebemann Pan Zhichang. Pans Beziehung zu Ye ist Gegenstand der längsten Episode des Films und zweifellos dessen Herzstück. Zwar scheint Ye von Anfang an zu ahnen, dass ihr Pan kein Glück bringen wird, dennoch beginnt sie nur zu gerne eine Affäre mit ihm und lässt sich schließlich auf eine seiner fragwürdigen Geschäftsideen ein.

The Postmodern Life of my Aunt

Pan, der einzige wichtige männliche Charakter des Films, ist eine tragikomische Figur, die genau wie Ye selbst weitaus vielschichtiger ist, als man auf den ersten Blick glauben möchte. Chow Yun Fat war sich in seiner Karriere niemals zu schade, sein in Actionstreifen wie A Better Tomorrow (Ying hung boon sik, 1986) oder The Killer (Dip huet seung hung, 1989) geprägtes hypermaskulines Image durch exzentrisches Auftreten in anderen Filmen zu subvertieren, so zum Beispiel im wiederzuentdeckenden Klassiker Tiger on the Beat (Lo foo chut gang, 1988) als trotteliger Polizist. Hier nun läuft er die meiste Zeit mit sonderbarer Frisur sowie einer lächerlichen gelben Weste durch die Gegend und beginnt bei jeder Gelegenheit, kitschige Schlager zu singen. Auch im Schwimmbad fällt seine altmodische Badekleidung nur deshalb nicht negativ auf, weil Yes roter, selbstgestrickter Taucheranzug alle Blicke auf sich zieht. Im Grunde ist Pan nicht mehr als ein erbärmlicher Clown und Betrüger. Allerdings weiß er das selber am allerbesten und versucht, dagegen anzukämpfen. Nur leider kann er Ye nicht gleichzeitig lieben und betrügen.

Die inzwischen 61 Jahre alte Regisseurin Ann Hui befindet sich bereits im Herbst ihrer Karriere und dreht doch weiterhin mit schöner Regelmäßigkeit ein kleines Meisterwerk nach dem anderen. Als Autorenfilmerin im Genresystem machte sie sich in den frühen achtziger Jahren vor allem mit Boat People (Tau ban no hoi, 1982), einem der wichtigsten Filme der Nouvelle Vague Hongkongs, einen Namen und gilt seither als Spezialistin für einfühlsames, intensives Schauspielerkino.

The Postmodern Life of my Aunt

Doch nicht nur durch differenzierte, empathisch gezeichnete Charaktere zeichnen sich Huis Filme aus. Darüber hinaus bewies die Regisseurin immer wieder ihr Talent für präzise soziologische Beobachtungen. In The Postmodern Life of My Aunt wird diese gesellschaftsanalytische Dimension vor allem im letzten Filmabschnitt deutlich: Hier sieht sich Ye gezwungen, wieder zu der ihr alles andere als wohlgesonnenen Familie in der mandschurischen Provinz zurückzukehren. Das hierarchisch organisierte, triste Landleben stellt einen krassen Kontrast zum pulsierenden, demokratischen, für Zufallsbekanntschaften aller Art offenen Raum dar. Der in der Chow-Yun-Fat-Episode so heiter-komödiantisch orientierte Film verwandelt sich urplötzlich in ein harsches Sozialdrama. Ye verliert zusehends ihre Handlungsfähigkeit, Schritt für Schritt muss sie ihre Subjektivität an den Familienclan abgeben und ist plötzlich auch für die Kamera nur noch eine Figur unter vielen. Hier wie im gesamten Film erweist sich Hui als eine große Regisseurin des filmischen Realismus’, The Postmodern Life of My Aunt erinnert bei aller Affinität zum Genrekino nicht selten an die poetisch-naturalistischen Meisterwerke eines Jia Zhang-ke.

Auch Ann Hui verbrachte einst ihre Kindheit in der Mandschurei, bevor sie gen Hongkong aufbrach. Im Schlusskapitel von The Postmodern Life of My Aunt kehrt so nicht nur Ye, sondern auch die Regisseurin selbst zu ihren Ursprüngen zurück. Für die Filmemacherin bedeutet dies jedoch, so steht zumindest angesichts eines derart vitalen Werkes zu hoffen, kein Rückzug aufs Altenteil.

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