The Piano Tuner Of Earthquakes

Ein eigenartiges Gebräu aus Mechanischem und Organischem, Dekadentem und hoffnungslos Romantischem servieren uns die Brüder Quay in einem visuell opulenten Spielfilmgefäß. Hinter der aufwendigen Oberfläche verläuft sich die Handlung jedoch zuweilen.

The Piano Tuner Of Earthquakes

Trüge nicht bereits Siegfried Kracauers berühmter Überblick über das Filmschaffen in der Weimarer Republik diesen Titel, so könnte Von Caligari zu Hitler nur allzu gut als Überschrift für eine Genealogie archetypischer Bösewichte im Film herhalten. Der jüngste Spross des ständig neu austreibenden Stammbaums teuflischer Leinwandhypnotiseure, Manipulatoren und tyrannischer Hirndoktoren heißt Doktor Emmanuel Droz (Gottfried John) und kommt als Kreuzung der wohlbekannten Herren Caligari und Mabuse daher. Unsterblich verliebt in die Opernsängerin Malvina (Amira Casar), tötet er diese am Vorabend ihrer Hochzeit und entführt den Leichnam, um ihn dann auf seinem abgelegenen Anwesen wiederzubeleben. Durch ihr Mitwirken in einer eigens von Droz komponierten Oper soll die Erinnerung der bildschönen Sängerin endgültig gelöscht werden, gleichzeitig wird sie dem älteren, nicht gerade attraktiven Doktor unwiederbringlich verfallen. Bis es jedoch so weit ist, hält Droz Malvina in einem lethargischen Zustand gefangen, da noch allerhand vorbereitet werden muss.

Diese Vorbereitungen erweisen sich im Verlauf des Filmes als weitaus schillernder als die Figur des Doktor Droz selbst, dessen Rolle bereits in den ersten Sequenzen festzementiert wird und wenig Doppelgesichtigkeit zeigt. Zwar mag Droz die Fäden des Geschehens in der Hand halten, aber im Vergleich zu den rätselhaft verschlüsselten Charakteren seiner allseits bekannten Urahnen, die deshalb bis heute nichts von ihrer Faszination eingebüßt haben, bleibt er auf dem Seitenstreifen des Plots stecken und wirkt somit fad und konturlos. Gleichwohl gelingt es dem Regieduo der Gebrüder Quay mit ihrem zweiten Spielfilm, ein unvergleichliches visuelles Feuerwerk zu entfachen, wie man es sonst kaum im Kino geboten bekommt. Denn mit der Ankunft des „piano tuners“, des Klavierstimmers Felisberto (César Saracho), der die seltsamen Musikautomaten des Doktors für die bevorstehende Opernaufführung warten soll, beginnen auch die Bilder alle Register der Filmkunst zu ziehen.

The Piano Tuner Of Earthquakes

Mehr als um die darauf folgende Enträtselung von Malvinas Entführungsgeschichte durch Felisberto, geht es in Piano Tuner Of Earthquakes darum, sich von den enigmatischen Seelenbildern des Filmes gefangen nehmen zu lassen. Gemeinsam mit dem Klavierstimmer verliert sich der Zuschauer im kryptischen Universum des Doktor Droz, wo Traum und Wirklichkeit sich unentwirrbar miteinander verweben. Zwischen der schnörkelig-verfallenen Villa, dem verwunschenen Wald mit dicken, schnurgeraden Eichenstämmen und den geheimnisvollen Musikautomaten, in denen eine Puppenwelt in den immergleichen Gebärden gefangen ein Eigenleben zu führen scheint, irrt Felisberto umher und versucht, sich unter dem Schleier der unheimlichen Atmosphäre zurechtzufinden. Expressionistisch organisch geschwungene Dekors, der exzessive Gebrauch von Weichzeichner, Überblendung und stimmungsändernden Farbfiltern sowie zahlreiche innerfilmische optische Spielereien schaffen dabei nicht nur eine märchenhaft anmutende Welt, sondern tauchen diese durch im Dunkeln belassene räumliche Zusammenhänge und vom Verfall gezeichnete Gegenstände in ein zunehmend schauerliches Licht. Zusätzlich sorgt die Verschränkung von Realfilm, Puppentrick und Animation vor dem Hintergrund plakativer Studiokulissen, die mal Edgar Allen Poe, mal Caspar David Friedrich heraufbeschwören, für eine labyrinthische Vielschichtigkeit, die jegliche Kausalität zu unterlaufen droht.

The Piano Tuner Of Earthquakes

Selbst wenn der Plot etwas müde ist und die Quay-Brüder teilweise stark abgegriffene Symbolik einsetzen, mit diesem fantastischen Mix aus surrealen, expressionistischen und romantischen Motiven haben sie ein unvergleichliches Schichtwerk geschaffen, dass sich irgendwo zwischen hoher Kunst und Schrott bewegt. Sie feiern mit dem Piano Tuner eine Art Großhochzeit, auf der David Lynch mit Fritz Lang, Jean Epstein mit Tim Burton und Wenzel Storch mit dem tschechischen surrealistischen Animationskünstler Jan Švankmajer, dem offiziellen Vorbild der Quays, den Brautwalzer tanzen. Monty Python-Mitglied Terry Gilliam als Produzenten und die Jury des Filmfestivals in Locarno 2005, die eine lobende Erwähnung für die einzigartige Atmosphäre des Filmes aussprach, konnten die Quays mit dem Piano Tuner jedenfalls schon für sich gewinnen.

Seit Ende der siebziger Jahre bereits feilen die Zwillinge Timothy und Stephen Quay in zahlreichen Kurzfilmen (u.a. Street of Crocodiles, 1986) und einem einzigen anderen Langfilm (Institut Benjamenta oder Dieser Traum, den man menschliches Leben nennt, Institute Benjamenta, or This Dream People Call Human Life, 1994) an ihren eigentümlichen Visionen. Bis jetzt sind sie ein Geheimtipp geblieben und eigentlich nur für eingefleischte Peter Gabriel-Kenner ein Begriff, für dessen Hit Sledgehammer (1986) sie im preisgekrönten gleichnamigen Musikvideo die berühmten Hühnchen- und Obstanimationen umsetzten. Zwar werden sie mit dem experimentellen Piano Tuner wohl wieder nicht die ungeteilte Aufmerksamkeit eines großen Publikums erregen, aber immerhin startet ihr Film regulär im Kino, was angesichts der Filmform ungewöhnlich genug ist. „It feels like I’m living in someone else’s imagination“, sagt Protagonist Felisberto gegen Ende des Filmes und trifft mit diesem Satz dessen Quintessenz. Jenseits der uniformen Seite des Filmgeschäfts präsentieren sich die Brüder Quay mit dieser sehr eigenen Stilexplosion als kleine Rarität, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

 

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