The Party

Eher Tonabnahme als Analyse. Sally Potter lässt das Chaos in der britischen Elite klirren – ohne dabei groß mit Antworten klugzuscheißen.

The Party 6

Wenn man aus dem schicken Londoner Einfamilienhäuschen von Janet (Kristin Scott Thomas) und Bill (Timothy Spall) hinaus auf die Terrasse geht, dann ist man irgendwie trotzdem nicht so richtig draußen. Auch der Außenraum ist ein Innenraum – ummauert von ziegelsteinernen Wänden und mit überaus künstlichem Lichteinfall befunzelt. Sally Potters Kammerspiel The Party bleibt Kammerspiel auch dann noch, wenn es die Kammer verlässt. Auch in Oren Movermans The Dinner, der ebenfalls im diesjährigen Wettbewerb der Berlinale läuft und in dem es unter anderem um einen amerikanischen Gouverneursanwärter geht (in The Party geht es unter anderem um die Anwärterin für einen Ministerposten im britischen Kabinett), geht man mal raus, wenn das Klärungsbedürftige allzu privat wird, oder wenn man frische Luft braucht.

In beiden Filmen wird draußen freilich auch nichts besser. Man muss nun achtgeben, dass man sich angesichts dieser beiden in vielerlei Hinsicht frappierend ähnlichen Filme – und angesichts des einigermaßen irrsinnigen vergangenen Jahres, auf das sowohl die USA als auch England mit Trump und Brexit nun zurückblicken – nicht in weltpolitischen Makroskopien verschlampt. Was man aber sicher sagen kann, und das muss man vielleicht zunächst auch gar nicht allzu politisch-normativ ausinterpretieren, ist, dass die Eliten, denn genau um diese geht es explizit hier wie dort, den Anschluss nach draußen nicht mehr finden.

Announcements

The Party 5

Es ist viel im Argen auf dieser titelgebenden Party, bei der bald jeder Anwesende sein persönliches „Announcement“ abgegeben hat. Eigentlich soll auf Janets Karriereerfolg angestoßen werden, nur trinken weder der deutsche Esoteriker Gottfried (Bruno Ganz) noch die mit Drillingen schwangere Jinny (Emily Mortimer) Alkohol. Tom (Cillian Murphy), ein säuberlich geschleckter Finanzhai, dem vor Nervosität die Nerven glühen, bleibt beim Koks und nutzt den Schampus lieber für die lebensregulierende Hydrierung als zur feierlichen Geste in Richtung der Befeierten. April (Patricia Clarkson), die Ehegattin des deutschen Sprücheklopfers, nimmt zwar ein Gläschen, nur Feierlichkeit ist ihr und ihrem restlos misanthropischen Zynismus grundsätzlich verdächtig genug, um diese schon im Ansatz ihres Entstehens zu bekämpfen. Wenn in diesem Film einmal – es passiert selten und zunehmend seltener – von Formen des Glücks die Rede ist, hat sie ein Gegenargument. Martha (Cherry Jones), die beruflich zu feministischen Ideen im amerikanischen Utopismus forscht, möchte gerade ihr kommendes Kinderglück mit der gewaltig jüngeren Jinny announcen, als sich endlich der lethargisch-besoffene Hausherr Bill zu Wort meldet und seine unheilbaren Erkrankung offenbart. Dann gibt es noch eine Pistole, die vermittels einer Mülltonne im äußeren Innen einmal den Besitzer wechselt und die naturgemäß, zumal bald jeder jeden sinnvollerweise erschießen könnte, nicht viel Gutes verheißt.

Die Party ist am Arsch

The Party 3

Natürlich legt es der Titel dieser bizarren, vor allem auch bizarr perspektivierten (etwa aus der Sicht eines Plattenspielers gefilmten) Komödienfarce geradezu plärrend auf seine Doppeldeutigkeit an. Die Partei, die Janet zur Schattenministerin gemacht hat, bekommt – davon ist öfter die Rede in diesem Film – im Moment nicht viel auf die Reihe. Der Erfolg, der auf dieser Wohnzimmerfete also gefeiert werden soll, ist von Beginn an schon ein umfassend im Misserfolg schwebender Erfolg. Es verhält sich mit ihm wie mit der Terrasse – auch er ist im Grunde nichts, was neue Handlungsräume öffnet. Die Party ist am Arsch: die Partei wie die Fete. Will man es auf Stichworte herunterbrechen – und das scheint gerade angesichts des ununterbrochenen Zuwurfs von Stichworten innerhalb des Personal des Films auch gar nicht so unsinnig –, sehen wir hier diese sogenannte Elite aus Politikern, Akademikern und Finanzlobbyisten, die sich selbst zerfleischt; die auf Erfolge anstößt, die keine sind und nie welche waren; die sich vom hyperaktiven Bankier aus der smoothen Jazz-Ruhe bringen lässt; und die, noch oder vielleicht gerade im Angesicht des Todes einer ihrer Weggefährten, leidenschaftlich über den Feminismus streitet, während ununterbrochen ein deutscher Heilungsapostel ins Geschehen gschaftelt. Auffällig ist, dass wir in dieser Wohnung, in der wir Janet auch ausladend kochen sehen, nie einen gedeckten Tisch zu Gesicht bekommen. Irgendwie scheint von dieser Party noch nie erwartet worden zu sein, dass sie eine solche werden würde.

Wie ein jeder seine Unschuld verlor

The Party 1

Sally Potters Blick ins Binnenchaos – ins eben ganz besonders binnenhafte Binnenchaos – der gesellschaftlichen Tonangeber ist mit Sicherheit weniger eine kritisch-analytische Bestandsaufnahme einer in Zeiten wie diesen ganz besonders schwimmenden Insel. The Party erscheint eher, und in diesem Sinne ließen sich auch die Plattenspieler-Perspektiven verstehen, als eine Art Tonabnahme der gegenwärtigen Stimmung eines bestimmten britischen, vielleicht auch westlichen, Milieus. Schön ist, dass Potter in der Absurdität dieser seltsamen Zwangsgemeinschaft am Ende die Schuldigen nicht aus den Unschuldigen aussortiert. Das geht alleine deshalb nicht, weil hier, wie stetig klarer wird, jeder mit jedem einmal seine Unschuld verlor – ganz im Sinne der sexuellen Unschuld freilich. Was wir am Ende von The Party ohne viel Mahnung erahnen, ist, dass dieses Netz akut zu zerreißen droht. Was wir aber auch wissen – und das ist zunächst nur ein ganz profaner Gedanke: dass es den Spannern dieses Netzes nicht schaden könnte, mal wieder ausführlich an die frische Luft zu gehen.

Trailer zu „The Party“


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