Parada

Für Schwulenhasser und Charlton-Heston-Liebhaber. Oder wie man mit guten Absichten einen miserablen Film dreht.

The Parade 1

Die beste Szene im ganzen Film ist eigentlich eine aus William Wylers Ben Hur (Ben-Hur, 1959). Als eine Figur aus Parada sich den Klassiker auf DVD ansieht, übernimmt Ben Hur für einige Minuten die Leinwand: Es ist die berühmte Wiedersehensszene zweier Jugendfreunde zu Beginn, als sich der jüdische Fürst Judah Ben-Hur und der römische Soldat Messala nach Jahren der Trennung erneut begegnen. Die Freude ist groß, die Szene hochemotional und campy zugleich, es wird sich angefasst und gemeinsam ein Speer geworfen. Und da Blicke und Dialogzeilen der beiden Kerle so vieldeutig sind, machen nicht wenige Zuschauer einen mehr oder weniger subtilen homoerotischen Subtext aus, während andere – dem Leitspruch Massalas und Ben-Hurs „Down Eros! Up Mars!“ verpflichtet – sich mit einer echten Männerfreundschaft begnügen.

Die Spannungen dieser Szene resultieren nicht nur aus dem intensiven Spiel von Charlton Heston und Stephen Boyd, sondern auch aus dem Kollidieren verschiedener Intentionen und Rezeptionshaltungen. Wie man in Vito Russos Klassiker The Celluloid Closet: Homosexuality in the Movies nachlesen kann, war die Szene für Drehbuchautor Gore Vidal eine willkommene Gelegenheit, im repressiven Hollywood der 1950er von Homosexualität zu erzählen. Der als konservativ bekannte Charlton Heston hat seine Rolle wohl ganz anders angelegt und sich nicht träumen lassen, Teil einer schwulen Fantasie zu werden. Was jeder einzelne Zuschauer aus alldem macht, ist wieder eine andere Frage.

The Parade 2

Für Srdjan Dragojević, den Regisseur und Drehbuchautor von Parada, aber funktioniert der Ausschnitt aus Ben Hur eindeutig als Schlüsselszene zum Selbstverständnis seines eigenen Films. Dieser erzählt, wie eine kleine Gruppe von LGBT-Aktivisten versucht, im tendenziell homophoben Belgrad eine Gay-Pride-Parade zu veranstalten. Um die Sicherheit der vor allem durch jugendliche Skinheads bedrohten Demonstranten zu garantieren, beauftragen die Aktivisten ausgerechnet einen Haufen von kaum weniger homophoben Gangstern. Im Verlauf der Handlung wird die Ben-Hur-Szene gleich dreimal gezeigt: Zuerst sieht sich der Anführer der Verbrecherbande den Klassiker alleine an. Der Witz ist, dass das Alphamännchen in seinem Lieblingsfilm trotz allen Schmachtens partout nichts Schwules entdecken kann. Später folgt das Zitat, wenn unser Kleinkrimineller und Kriegsveteran namens Limun seine persönliche Wiedersehensszene mit einem Kumpel aus Kriegszeiten erlebt – und von einem Schwulen auf die offensichtlichen Ähnlichkeiten hingewiesen wird. Gegen Ende des Films, wenn Homosexuelle und Gangster sich angefreundet haben, sehen sich alle den Film gemeinsam an. Limun bleibt auf Distanz, mit einem neuen Blick auf Ben Hur, sieht aber auch den anderen beim Sehen zu, die alle eine eigene Herangehensweise haben.

The Parade 3

Man kann das durchaus als einen meta-filmischen Kommentar lesen, der nicht nur etwas über Ben Hur verrät, sondern auch das Programm von Parada selbst offenlegt. Denn dass Dragojević hier mit ganz bestimmten Absichten angetreten ist und es ihm um mehr als bloße Unterhaltung geht, daraus macht er keinen Hehl. Als Therapie für die als wenig liberal geltenden Länder des ehemaligen Jugoslawiens versteht er seinen Film, eine Lehrstunde in Sachen Menschenrechte. Dazu fährt Parada erst einmal ein ganzes Arsenal an Klischees auf, das das anvisierte Zielpublikum von Schwulenhassern nur bestätigen dürfte: Die Schwulen sind harmlose Weicheier, gut im Dekorieren, stehen auf Rosa und haben Hündchen, die Kleidchen tragen. Im Zusammenprall mit den überdrehten Gangstern dürfen nun die Homos einerseits ihre männliche Seite zeigen – kämpfen und verlernen, den kleinen Finger abzuspreizen –, während die harten Kerle im Gegenzug auch mal ihre weiche Seite zur Schau stellen dürfen und beweisen können, dass sie ein Herz haben, zumindest für ihre Frauen und Haustiere.

Alles steht im Dienste der kitschigen Botschaft, die sich tatsächlich herunterbrechen lässt auf: Im Grunde sind alle Menschen gut, und Schwule sind auch Menschen! Der Film ist kaum mehr als ein Vehikel für diese Message, um die dann umständlich ein Plot herumkonstruiert wurde. Ohne Gespür für Timing und den richtigen Ton und vollkommen desinteressiert an den Figuren, hakt Dragojević pflichtbewusst und unmotiviert die einzelnen Stationen auf dem Weg zur Läuterung ab. Dabei wird jeder Witz erklärt und jeder visuelle Gag noch mal in Nahaufnahme vorgeführt. Die Komik beschränkt sich hauptsächlich darauf zu zeigen, dass die Sphären von Eros und Mars doch nicht immer ganz eindeutig getrennt sind und dass das Machoverhalten der Heteros manchmal ganz schön schwul wirkt. Da wird jeder Körperkontakt zwischen Heteromännern zur Pointe erhoben, während die Homosexuellen trotz des vielen Pinks farblos bleiben und sich nicht einmal küssen dürfen.

The Parade 4

Weil es Dragojević nicht gelingt, das Menschliche in seinen Karikaturen zu zeigen, müssen auch die tragischen Momente scheitern und wirken völlig fehlplatziert in diesem Film, der Erinnerungen an Tom-Gerhardt-Filme weckt. Ernsthaft zu erzählen über den Ist-Zustand in Serbien hat Parada nichts, zwischen den krassen Übertreibungen, die plump zwischen Dichotomien wie männlich/weiblich und hetero/homo pendeln, geht jeder Sinn für die erschreckendere Normalität verloren, in der es keineswegs bloß Jugendliche mit rechtsextremer Gesinnung sind, die Homosexuellen das Leben schwer machen, sondern auch schon mal 20.000 Familien aus der Mittelschicht auf die Straßen Belgrads gehen, um gegen Homosexualität zu demonstrieren. Vor diesem Hintergrund wirkt der politisch inkorrekte Anstrich, den sich der Film mit seinen obsessiven Arschfick- und Aids-Witzchen zu geben versucht, weniger subversiv als wie eine Affirmation von Ressentiments.

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Kommentare


Olsen

Was wissen wir schon über die Zustände in Serbien? Vielleicht muss die Botschaft so einfach sein, damit sie von der Zielgruppe verstanden wird. Wobei sich diese vermutlich niemals so einen Film ansehen würde.


Nadezhda Aneva

Carsten Moll, hast du den Film unter Einfluss gesehen ?, sonst kann ich mir dein komplett Falsch ausgelegten Verständnis für den Film gar nicht erklären. Und von den Personen und Handlungen hast du auch keine Ahnung- Die Filmemacher haben kein ganzes Arsenal an Klischees aufgefahren, das hast DU nämlich gemacht. Du hast über etwas geschrieben von was du keine Ahnung hast- das leider dein Job. Die Personen und ihr Empfinden zueinander ist die bittere Realität dort, das kann man als "versierter" :-( Filmkritiker ja schon am Anfang , bei der Auflistung von abwertenden Namen erkennen. Die Vorurteile (aufgeführt im Vorspann) gegeneinander legen alle Beteiligten am Ende hinter sich wegen einer wichtigen menschlichen Oberbedürfnis- die Liebe: sei diese zu einem Partner, zum Freund, zum Tier, zum Sohn oder Vater- da werden alle Religionskonflikten, sexuelle Vorlieben und politischen Einstellungen machtlos- DER KRIEG WIRD SINNLOS- DAS vermittelt der Film, und er ist besser gedreht als der " Vorleser" " Die" Abbitte" , the "Black Swan"und etc.. anderen parfümierten Dramas -gemessen daran mit welchen Mitteln ein Kriegsgebiet für so ein friedenstiftenden , gegen Rassismus, religiöse und politische Konflikte laut schreienden Film zur Verfügung hat . Schaue es dir noch mal an , ich bitte dich- oder glaubst du immer noch, dass Veterinär oder Theaterregisseur ein klischeehaften Gayjob ist ???


stefco

ich versteh auch nicht so ganz, was dein problem ist, carsten...
dass der film handwerkliche mängel aufweist und eine sehr plakative botschaft hat, sieht jeder auf den ersten blick. eher peinlich, dass du versuchst aufzuzählen, was alles dazu beiträgt.
trotzdem hat der film meiner meinung einen roughen charme, welcher vielleicht gerade durch die unperfektheit zustande kommt. bei "schwarze katze, weisser kater" ist das meiner meinung nach, so ähnlich...

immerhin hat es der film in die europäischen kinos geschafft und erfährt dort eine aufmerksamkeit, die das thema gut gebrauchen kann...
wenn man den film nach deinen vorschlägen modifiziert hätte, wäre das glaub ich nicht gelungen.


Carsten Moll

@Nadezhda Aneva: Ja, ich habe den Film unter Einfluss gesehen, nämlich unter dem Einfluss des Queer Cinema und der Queer Theory. Beides sind für mich wichtige Referenzpunkte, wenn ich über Filme wie „Parada“ nachdenke und schreibe und überlege wie und in welcher form nicht-heterosexuelles Leben seinen weg auf die Leinwand findet. Deine Kritikpunkte kann ich im Einzelnen nicht ganz nachvollziehen, vielleicht könntest du sie noch etwas konkretisieren. Ich sehe im Film eine Menge Klischees (der abgespreizte kleine Finger, Schwules als tendenziell weibliches Verhalten etc.), das kann man doch nicht bestreiten. Weiterhin würde mich interessieren, welche Klischees ich denn deiner Meinung nach auffahre?
Dass die Konflikte wegen eines mir doch recht ominösen Konzepts namens „Liebe“ gelöst werden, ist und bleibt für mich Kitsch. Dass Krieg sinnlos ist, mag keine schlechte Botschaft sein, dennoch ist sie in meinen Augen zugleich plump. Wichtiger aber ist mir, dass ein Film nicht dadurch gut wird, dass er eine gute Botschaft hat. Wie Enno Patalas in der filmkritik 7/66 geschrieben hat: „Wir haben zu begreifen, dass Kunstwerke nicht, indem sie die gute Sache zu ihrem Inhalt machen, ihren Sinn erfüllen, sondern indem sie der guten Sache neue Inhalte geben.“ Dem würde ich zustimmen. Wie „Parada“ sich im ehemaligen Jugoslawien auf seine Zuschauer auswirkt, kann ich nicht beurteilen (und das kann zum jetzigen Zeitpunkt wohl niemand), ich beurteile den Film aus meinem Kontext, der sich natürlich auf die Rezeption in Deutschland bezieht. Und da finde ich die Bewertung des Films schon erstaunlich…
Den Vergleich mit Filmen wie „Black Swan“ etc. finde ich nicht hilfreich und die Schwächen dieser Filme machen „Parada“ auch nicht besser.
Ich habe nie behauptet, dass Veterinär oder Theaterregisseur ein klischeehafter Job für Homosexuelle ist.
@stefco: Mein Text richtet sich ja auch an Menschen, die den Film nicht kennen, die interessiert die Machart vielleicht. Peinlich darauf hinzuweisen, finde ich das gar nicht. Wenn ich behaupte, dass etwas schlecht ist, möchte ich auch darlegen, wodurch dieser Eindruck entsteht. Einen „roughen charme“ konnte ich übrigens nicht ausmachen, eher die schlampige Umsetzung einer bemühten Idee.
Ich habe keine Vorschläge zur Modifizierung gemacht! „das thema“? Was meinst du damit genau, Homosexualität allgemein, Homosexualität im ehemaligen Jugoslawien? Wenn man sich die Zuschauerzahlen in Westeuropa anschaut ist die Aufmerksamkeit eher gering und es bleibt die Frage, ob Aufmerksamkeit an sich schon gut ist bzw ob sie einen guten Kinofilm macht…






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