Die andere Seite der Hoffnung

Business gehört nicht in die Tiefgarage: Aki Kaurismäkis großartiger Film spielt im Grunde komplett am falschen Platz.

The Other Side of Hope 1

Zwei voneinander isolierte Bewegungen, die aufeinander zulaufen: Wikström (Sakari Kuosmanen) packt seinen Koffer, glättet sich die Haare vor einem Spiegel, wie man sie sich nur und jedes Mal in einem Kaurismäki-Film glättet, dann tritt er vor seine Frau, die neben einem gigantischen Kaktus am Küchentisch sitzt, legt Schlüssel und Ehering neben den Aschenbecher und verlässt stumm die Szene. Khaled (Sherwan Haji), der aus Aleppo floh, staubt sich den Ruß eines Frachtschiffs von der Schulter, lässt sich den Weg zu den Sanitäranlagen eines Bahnhofs zeigen und stellt bei der Polizei einen Asylantrag. Zwei Männer, die im identisch zielsicheren Eins-nach-dem-anderen-Rhythmus die ersten organisatorischen Schritte in ein neues Leben setzen; zwei Männer, die, so viel steht sofort fest, aufeinandertreffen werden, die einander entgegenlaufen, beide im selben besonnen-gemächlichen Tempo. Aki Kaurismäki sorgt mit der ersten Hälfte seines Films schon für die zweite vor: denn für die blödsinnige Culture-Clash-Kollision zwischen dem Eigenen und dem Fremden, wie sie nicht selten – und besonders dort, wo aktuelle Fluchtgeschichten erzählt werden –, ausinszeniert wird, indem zunächst der Blick des Eigenen auf das Fremde affirmiert wird, um ihn dann später mit moralisch-läuternder Geste als falsch ausweisen zu können, für eine solche Kollision haben beide Männer schlicht nicht genug Fahrt aufgenommen. Schließlich treffen sie einander neben einer Mülltonne, es entsteht ein kurzes Wortgefecht auf Englisch, dann haut jeder dem anderen auf die Fresse, und nach einem Schnitt sitzen sie gemeinsam, stumm und mit Taschentuch im Nasenloch an einem Tisch in Wikströms Restaurant „Zum goldenen Krug“.

Fahrlässig politisch uninformiert

The Other Side of Hope 3

Möglicherweise ist die mittlerweile auf einmalige Art distinkte Kaurismäki-Welt mit ihren deutlich voneinander abgesetzten Farb- und Bildzonen, ihren artifiziellen Lichteinfällen, ihren glänzenden Autos mit den ausladenden Kühlerhauben, ihren gedehnten Gesten, ihrer bluesig-folkloristischen Instrumentierung, ihrer Sprechfaulheit, ihren Fabrikmilieus und Speisegaststätten, ihren Tischdecken und -blumen in sich selbst viel zu verschlossen, nach außen hin viel zu isoliert, um für das Fremde überhaupt eine Konstruktion entwerfen zu können und entwerfen zu wollen. Gemessen an politisch-diskursiven Maßstäben wird sich das naiv anhören, und gemessen an solchen wird man dem Film auch Naivität und eine deplatzierte Niedlichkeit vorwerfen können. Aber Deplatziertheit ist der Vorwurf dessen, der über Platzierungen schon Bescheid weiß. Die Welt von Die andere Seite der Hoffnung (Toivon tuolla puolen) ist eine politisch uninformierte Welt, eine fahrlässig uninformierte: Khaleds Asylantrag wird richterlich abgelehnt, weil Aleppo von der finnischen Justiz als ungefährlich eingestuft wird, und zugleich hält der gefälschte Bleiberechtsbescheid, den Wikström deshalb für Khaled mit minimalstem Aufwand anfertigen lässt, auch problemlos jeder Polizeikontrolle stand. Aber in genau solcher Verweigerung dessen, was es zu wissen und zu erkennen gälte, wird die – wenn man will, radikale – Utopie von Kaurismäki denkbar. Und die andere Seite, von der der Titel des Films spricht, ist möglicherweise eine, die solche Fahrlässigkeit voraussetzt und zulässt.

Dramatischer Anstau – verweigerte Eskalation

The Other Side of Hope 2

Fahrlässigkeit und Verweigerung sind habituelle Grundkonstanten des Kaurismäki’schen Personals. Zu Beginn sitzt Wikström einem fies dreinblickenden und natürlich arglos bescheißenden Mafiatyp beim Poker gegenüber. Eine großartige Szene, in der Berge von Jetons auf der Tischplatte hin und her geschoben werden, als bedeuteten sie nicht mehr als das Plastik, das sie sind, während sich neben den Spielenden die Aschenbecher füllen. Das Spielprinzip dieser Runde hat mit rechnerischem Kalkül nichts zu tun. Hier geht es ums Business – und wie immer, wenn es bei Kaurismäki ums Business geht, geht es um fahrlässiges Businessmachen. Beispielsweise drückt man sich in Tiefgaragen stumm Geldbündel in die Hand, die man sich dann leichtsinnig in die Jackentasche stopft. Auch Nyrhinen (Janne Hyytiänen), der Koch des Restaurants, das Wikström mit dem erpokerten Geld pachtet, rührt trödelnd und mit glühender Kippe im Mund die Eier steif oder verweigert das Rühren ganz und schläft stehend in der Ecke herum. Einmal kommt das Gesundheitsamt in den „goldenen Krug“. Schnell werden sämtliche Lebensmittel entsorgt, Khaled versteckt sich samt ordnungswidrigem Hund im Frauenklo, die Prüfer inspizieren und machen Häkchen, Konsequenzen gibt es keine. Dramatischer Anstau, aber verweigerte Eskalation. Unzählige Szenen dieses Films sind nach eben diesem Bauprinzip konstruiert – und natürlich liegt genau in solchen Konstruktionen Kaurismäkis eigenwilliger Humor. Ein Humor, der mit Enttäuschungen, seien sie dramaturgisch oder inhaltlich, operiert, der aber nie Enttäuschte zurücklässt, der nicht in die Indifferenz gegenüber allem, was bedrohlich werden könnte, absinken lässt, sondern der in solcher Indifferenz eine Utopie findet.

Selber auf die Fresse kriegen juckt niemanden

The Other Side of Hope 4

Khaled, der den gesamten Film über seine Schwester sucht, die er auf der Flucht aus den Augen verlor – diese Suche markiert das Epizentrum von Die andere Seite der Hoffnung –, bringt diese Utopie einmal auf den Punkt: „Ich bin nicht wichtig“, sagt er bei einer Anhörung mit seiner Asylbearbeiterin. Und tatsächlich scheint Kaurismäki diesen Satz ernster zu nehmen, als es sein pathetischer Unterton zu erkennen geben mag. Die Indifferenz bei Kaurismäki hängt zusammen mit so einem aus dem Zentrum entrückten Ich, mit einer Welt aus lauter entrückten Ichs, lauter Deplatzierten. Man selbst steht selten auf dem Spiel in diesem Film – selber auf die Fresse kriegen juckt niemanden. Dieser Film gilt einer Figur, die fast den gesamten Film über abwesend ist, und er dauert so lange, bis diese Figur in ihm eintrifft. Die andere Seite der Hoffnung ist selbst deplatziert, er findet im Grunde genommen am falschen Platz statt. Und aus dieser vielleicht weniger politischen als ethischen, vielleicht auch sinnvollerweise so auseinandergehaltenen Perspektive ist der Vorwurf einer deplatzierten Haltung gegenüber der Gravität weltpolitischer Krisen endgültig aus dem Weg zu räumen. Dieser Film ist gerade der Aufruf zur Deplatzierung.

Andere Artikel

Trailer zu „Die andere Seite der Hoffnung“


Trailer ansehen (3)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.