Das wundersame Leben von Timothy Green

„Du kannst alles sein, was du willst:“ Peter Hedges Film verliert sich dabei zwischen Independent-Anklängen, Ironie, Landlust-Klischees und Disney-Kitsch.

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Ein verzweifeltes Ehepaar mit unerfülltem Kinderwunsch schreibt seine Vorstellungen von einem perfekten Kind auf einen Zettel und vergräbt diesen im Garten. In der Nacht steigt aus der Grube ein kleiner Junge, der sich als Timothy Green vorstellt und den aufgeschriebenen Wünschen der Eltern aufs Haar entspricht. Er hat nur ein Handicap: An seinen Beinen wachsen Blätter.

So abstrus diese Grundkonstellation von Das wundersame Leben von Timothy Green auch klingen mag: Der Film von Peter Hedges (Dan – Mitten im Leben, Dan In Real Life 2007) ist keine grell-schräge Komödie, sondern schlägt trotz einiger humorvoller Einsprengsel einen durchaus ernsthaften Ton an.

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Mit ihrem märchenhaften Plot wirkt die Disney-Produktion seltsam aus der Zeit gefallen. Sie erinnert deutlich an Feld der Träume (Field of Dreams, 1989) mit Kevin Costner oder an die Filme aus Steven Spielbergs kindliche-fantastischer Schaffensphase von E.T. – Der Außerirdische (E.T. – The Extra-Terrestial, 1982) bis Hook (1991). Das wundersame Leben von Timothy Green will nun den Magic-Touch der späten 1980er ins 21. Jahrhundert retten. Dies versucht Hedges, indem er sich an zeitgenössische Indie-Produktionen anlehnt, die herbstlich-ländlichen Bilder erinnern etwa an Wes Andersons Moonrise Kingdom (2012).

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Am deutlichsten wird diese Referenz aber über die Musik. Es ist erfreulich, dass der Film nicht von süßlichen Streichern zugekleistert ist, sondern auf Gitarren setzt; einen Sound, der an zeitgenössische Independent-Filme mit Kindern – aber nicht nur für Kinder – wie Beasts of the Southern Wild (2012) oder Wo die wilden Kerle wohnen (Where The Wild Things Are, 2009) erinnert. Aus dem seltsamen Stoff hätten ein Spike Jonze oder ein Michel Gondry vielleicht auch eine wunderbar versponnene Komödie machen können. Aber die Macher von Das wundersame Leben von Timothy Green trauen sich doch nicht, ästhetisch wirklich konsequent an diese Produktionen anzuschließen. Bei aller Orientierung am Indiepop bleibt die Musik doch sehr disneyhaft zuckrig.

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Bei allem nicht nur musikalischen, sondern auch inhaltlich immer wieder hervorbrechenden Kitsch muss man Hedges aber doch zugute halten, dass er das Thema Kinderwunsch auch kritisch und ironisch behandelt. Mit dem Ehepaar Cindy (Jennifer Garner) und Jim Green (Joel Edgerton) zeichnet er ein treffendes Porträt der zeitgenössischen bio-bewegten Elterngeneration, die so perfekt sein will, dass ihr Konzept von Perfektion schon wieder mit einschließt, nicht zu perfekt zu sein. So ermutigen sie ihren „Sohn“ immer wieder, sich wegen seiner Andersartigkeit nicht zu schämen, wollen in Schule und Sportverein aber immer wieder zeigen, wie toll und begabt er doch ist.

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Die Zerrissenheit der bemüht alternativen Eltern zeigt der Film am deutlichsten in Szenen, in denen die Familie Green auf Cindys Schwester Brenda (Rosemarie de Witt) trifft, eine übertrieben ehrgeizige Supermom. Bei einer Hausmusikaufführung schickt Brenda ihre sämtlich hochbegabten Kinder ins Rennen, um damit ihre Schwester und deren seltsamen neuen Sohn vorzuführen. Denn Cindy hatte zuvor geprahlt, dass Timothy genauso begabt sei wie die Kinder der Tigermom. Die alternativen Eltern wollen sich vom bürgerlichen Stolz ihres Umfelds abgrenzen, reproduzieren dabei aber doch deren Ehrgeiz. Diese ironischen Ansätze werden aber nur halbgar umgesetzt und immer wieder überlagert durch das penetrant unter die Nase geriebene Disney-Mantra:  „Du kannst alles sein, was du willst“.

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Auch sonst verschenkt Das wundersame Leben von Timothy Green interessante Ansätze. So spielt der Film in dem (fiktiven) Städtchen Stanleyville, der „Hauptstadt des Bleistifts“ in den USA. Die Bleistiftfabrik, in der Timothys Vater arbeitet, droht zu schließen, und der fiese Chef will Mitarbeiter entlassen, um dies zu verhindern. Der Film thematisiert also durchaus den spätkapitalistischen Niedergang der Industrie im mittleren Westen, findet für das Problem aber allzu schnell eine harmonisierende Lösung: Die Greens konstruieren nach Timothys Idee einen aus recycelten Blättern hergestellten Bleistift. So wird die Fabrik durch eine märchenhafte Wendung saniert, und alles löst sich in Wohlgefallen auf.

Trailer zu „Das wundersame Leben von Timothy Green“


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