The Millennial Rapture

Penetrationen, die Leben schenken und wieder nehmen. Eine Parabel über die sozial stigmatisierte Rolle einer japanischen Minderheit.

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Ein unheilvoller blauer Nebel legt sich über die Berge einer weit abgelegenen Insel. Hier, in einem Dorf inmitten einer mythischen Naturlandschaft, sucht ein todbringender Fluch die Nachfahren der Familie Nakamoto heim. Böses Blut fließt in den Adern der jungen hübschen Männer und letztlich auch aus ihnen heraus. Tatenlos muss die Hebamme Oryu (Shinobu Terashima) zusehen, wie jene, die sie einst in die Welt brachte, aus dem Leben scheiden, noch bevor sie erwachsen sind.

The Millennial Rapture (Sennen no Yuraku), der neue Film des japanischen Regisseurs Koji Wakamatsu, dreht sich um den Kreislauf von Leben und Tod. Ein ständiges Rein und Raus symbolisiert Anfang und Ende der Menschen. So wie das Leben seinen Anfang nimmt, in dem es aus dem Leib gepresst wird, ist es die Penetration durch Messer und Penisse, die es vorzeitig beendet. Auf dem Totenbett spricht Oryu mit dem Bild ihres bereits verstorbenen Mannes und lässt die Vergangenheit anhand ihrer Ziehsöhne an sich vorüberziehen. Langsam bringen die Versuchungen von Sex, Drogen und Verbrechen die jungen Männer erst auf den falschen Weg und dann ins Jenseits.

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Hin und wieder werden Filme bei fehlendem sozialen oder historischen Kontext nicht richtig verstanden– was bei Regisseuren aus fernen Ländern umso leichter passieren kann. Bei The Millennial Rapture ist man als westlicher Betrachter durchaus verleitet, den Film zumindest teilweise falsch zu interpretieren. Das liegt vor allem daran, dass er einen unkundigen Zuschauer nicht an der Hand nimmt, die ihm fremde Welt und die gesellschaftliche Stellung der Figuren erklärt. Während der einstige Revolutionär des Pink-Kinos in seinen letzten Arbeiten von den dunklen Kapiteln jüngerer Geschichte erzählte, wirkt diese etwas trockene Literaturverfilmung auf den ersten Blick völlig unpolitisch.

Tatsächlich verfügt auch The Millennial Rapture wieder über ein großes Maß an sozialer Relevanz, auch wenn der Regisseur diesmal nicht auf den Hyperrealismus seiner letzten Filme setzt, sondern sehr viel stilisierter inszeniert. Die Handlung basiert auf einem Kurzgeschichtenband des Autors Kenji Nakagami, der als sogenannter Burakumin einer sozialen Minderheit in Japan angehört, deren Anderssein nicht ethnisch begründet ist, sondern mit ihrer historischen Rolle am unteren Ende der gesellschaftlichen Hackordnung. Abgekapselt in ghettoähnlichen Wohngebieten, Burakus genannt, ist diese Volksgruppe auch gegenwärtig noch Diskriminierungen ausgesetzt.

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Wakamatsu lässt seinen Film zwar in einem Buraku spielen, zeichnet diesen aber als von der Außenwelt isolierten Kosmos, in dem reale Probleme wie Drogensucht auf fantastische Elemente wie heilige Bäume treffen. Während tatsächliche Repressionen durch die Gesellschaft außen vor bleiben, wird die sozial stigmatisierte Rolle der Burakumin zu einer Parabel geformt. Die Ursache dafür, dass sie es in ihrem Leben zu nichts bringen können, liegt in einem Fluch, der eng mit dem unstillbaren Sexualtrieb der Nakamotos verknüpft ist. Nicht die Formen der Unterdrückung sind es, die Wakamatsu hier interessieren, sondern das Opferdasein einer gesellschaftlichen Minderheit. Dazu muss erwähnt werden, dass im Film – zumindest in den englischen Untertiteln – kein einziges Mal das Wort Burakumin fällt.

Ein weiteres Mal inszeniert er seine Figuren wie auf einer Theaterbühne. Überwiegend zeigen die digitalen Videobilder lange Dialogszenen in Innenräumen. Dass The Millenial Rapture seine Bühnenhaftigkeit noch stärker nach außen trägt als etwa Wakamatsus letzter Film 11/25 The Day Mishima Chose His Own Fate (11·25 jiketsu no hi: Mishima Yukio to wakamono-tachi) und gerade auch dadurch etwas zäh wirkt, hängt zum einen mit der Verwendung historischer Kostüme zusammen, zum anderen mit der expressiven Mimik und der langsamen Sprechweise der Figuren. Unterstützt wird dieser etwas angestaubt wirkende Charme noch von traditioneller japanischer Musik, bestimmt durch den Gesang von Mizuki Nakamura und den Klängen des Saiteninstruments Sanshin.

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Mit der Thematisierung von Sexualität ist Wakamatsu dann aber wieder ganz in seinem Element, auch wenn die Darstellungen weitaus zurückgenommener sind als in seinem expliziten Frühwerk. Manchmal reicht nur eine Hand, die sich langsam unter einem Kimono nach oben tastet. Sex nimmt vor allem thematisch eine wichtige Stellung ein. Die Versuchungen lauern überall und machen selbst vor der mütterlich asexuell wirkenden Hebamme nicht halt. Ein bisschen komisch ist es bei einem Regisseur wie Wakamatsu schon, dass sich hier eine leicht konservative Botschaft mit einschleicht. Schließlich ist es gleich zweimal ein Ehebruch, der die jungen Männer zu Fall bringt. Doch Sex ist hier eben nicht nur ein destruktiver, sondern immer auch ein schöpferischer Akt. Denn während die alten Leiber aus dem Diesseits scheiden, befinden sich schon wieder neue auf dem steinigen Weg in ein zum Scheitern verurteiltes Leben.

Trailer zu „The Millennial Rapture“


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