The Meyerowitz Stories

Tragikomischer Drogencocktail: Noah Baumbach lässt Ben Stiller und Adam Sandler ihren Platz in dysfunktionaler Familie und Welt suchen und ist großzügig genug, ihnen zumindest noch zwei Pillen in die Westentasche zu stecken.

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Dustin Hoffman ist der nicht so richtig bekannte Bildhauer Harold Meyerowitz, oder auch „The Dad“, wie ihn seine vierte Ehefrau („Dritte! Dritte Ehefrau! Die erste Ehe wurde annulliert!“, Anm. Harold) gegenüber seinen drei Kindern immer nennt. Womit Maureen (Emma Thompson) die Sache auf den wunden Punkt der Kinder bringt: Dad ist für diese nicht einfach ein Kosename für einen geliebten Menschen, sondern ein abstrakter Begriff, ein nicht greifbares Ideal, dem man eigentlich (im Falle von Matthew) längst nicht mehr oder (im Falle von Danny) nicht mehr lange hinterherhechelt und das einen trotzdem nicht loslässt. Jean (Elizabeth Marvel), die Dritte im Bunde, hat mit derlei ödipalen Spätsymptomen weniger zu kämpfen. Die Meyerowitz’schen Neurosen aber haben sich auch bei ihr eingenistet, und Dannys Schwester und Matthews Halbschwester (wegen Harolds beziehungstechnischem Wankelmut ist praktisch das gesamte Figurenensemble ein Gefüge aus Halbs und Stiefs) kommt in Noah Baumbachs Meyerowitz Stories erst spät zu ihrem Recht – „You’ll never know what it means to be me in this family“, wird sie dann sagen. Dafür ist sie aber insgeheim längst zentraler Bestandteil der Genderfuck-Avantgardefilme von Dannys Tochter Eliza (Grace Van Patten), die am anderen Ende des Generationenspektrums gerade ihr Filmstudium am Bard College beginnt (Debütfilm: „Pagina Man“) – dort also, wo Opa Harold bis vor Kurzem noch einen Lehrauftrag hatte. Während Eliza nun an ihrem Frühwerk bastelt, ist Harold gerade von seinem Spätwerk ziemlich begeistert. Nie habe er so relevante Kunst erschaffen wie jetzt im Rentenalter, murmelt er vor sich hin.

Die Idioten der Vergangenheit

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Zwischen dem herzzerreißend eitlen Harold und der herzzerreißend jugendweisen Eliza müssen vor allem Danny und Matthew Baumbachs bevorzugten Figurentypus der struggelnden Mittvierziger verkörpern, kein Frühwerk mehr vorhanden, noch kein Spätwerk in Sicht. Es ist nicht ganz unwichtig, dass die Halbbrüder von den zwei großen Vollidioten der Jahrtausendwende, Ben Stiller und Adam Sandler, gespielt werden; dass Stiller dabei den souveränen, finanziell erfolgreichen Lieblingssohn Matthew aus L.A. spielt, Sandler das ewig scheiternde (und den ganzen Film wegen eines Hüftproblems humpelnde) Sorgenkind Danny, das für die Jobsuche mal wieder in Daddys New Yorker Wohnung einzieht. Danny verzweifelt daran, dass Harold nur von Matthew spricht, Matthew daran, dass Harold das nie in seiner Anwesenheit getan hat. Beide wurden frühkindlich dahingehend geprägt, dass ihr Vater ein großer Künstler ist; beiden dämmert langsam, dass Größe doch ziemlich relativ ist und an der fehlenden Anerkennung der Welt für ihren Vater nicht unbedingt die Welt schuld ist. Wenn Sandler in der direktesten Aussprache zwischen den Brüdern seine Emotionen nicht ganz so passgenau methodactet, wie man es von derartigen Szenen gewohnt ist, dann passt sein Spiel ganz hervorragend zu einer Figur, für die es im Schatten von The Dad nur awkward acting gibt.

Wir sind niemals funktional gewesen

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Es geht in den Meyerowitz Stories nicht um dysfunktionale Familien, das Dysfunktionale ist längst Standardwert. Die Kernfamilie kommt nur als sweetes Reenactment noch vor, wenn Danny und Eliza am Klavier das einst komponierte Lied „Daddy and Mommy and Genius Girl“ performen. Dysfunktionalität ist ja überhaupt der Grundmodus von Baumbachs Filmen, und es ist immer wieder ganz spannend zu beobachten, wie er dieses Motiv für Humor wie für Tragik nutzt, in albernheitscouragierte Pointen nach Rezepten aus der Komödiengeschichte wie in grübelnde Diagnosen zeitgenössischer Subjektivität überführt (deren Prototyp bei Baumbach natürlich niemals ein universell gedachter Mensch sein kann, sondern „nur“ ein reflektiert-privilegierter New Yorker). The Meyerowitz Stories gelingt das alles besser als dem schablonenhafteren Gefühlt Mitte Zwanzig (While We’re Young, 2015), nicht etwa weil Baumbach den tragikomischen Spagat strebermäßig perfektioniert hätte, sondern weil er sich für seinen Akt kurzerhand noch ein zweites Drahtseil gespannt hat und souverän mit beiden Beinen über die drohenden Abgründe naseweiser Indiesmartheit balanciert.

Dialogische Monologe und das anständige Sprechen

Aber nicht nur zwei Funktionen des Dysfunktionalen stehen sich in diesem Film gegenüber, sondern auch zwei absurd zugespitzte Kommunikationsmodelle. Da wäre zum einen, und daran hat Baumbach freilich großen Spaß, was man den dialogischen Monolog nennen könnte, ein eingespieltes Aneinandervorbeireden für die ganze Familie, oder wenigstens für ihre geltungssücht... nun ja: Geltung nicht abgeneigten männlichen Vertreter: Vater und Sohn reagieren auf Aussagen des Gegenübers in der Regel mit der Fortführung des eigenen Selbstgesprächs; würde Baumbach die Gesprächspartner nicht meist im selben Bild belassen, wäre die entsprechende Bildstruktur nicht Schuss-Gegenschuss, sondern Schuss-Schuss-Schuss-Schuss – und damit eigentlich unfilmbar. Dem gegenüber steht, was man, um mit Schwester Jean zu sprechen, das anständige Modell nennen könnte. Auf den Punkt gebracht wird es im Krankenhaus, in das The Dad irgendwann eingeliefert wird, um die väterliche Heimsuchung nochmals zu verunheimlichen; dann nämlich bekommen die Kinder vom Personal ein paar Beispielsätze beigebracht, die man einer geliebten Person angesichts ihres möglichen Ablebens so sagen könnte: „I love you.“ „I forgive you.“ „Please forgive me.“ „Thank you.“ „Goodbye.“

Überhaupt: Das Krankenhaus, es soll nicht nur Harold wieder aufpäppeln, es funktioniert auch als seelisches Balsam für die Verirrten und Verwirrten dieses Films. Die Krankenschwester wird von den Meyerowitz-Kids vergöttert, die Oberärztin idealisiert, und wenn Erstere auf eine andere Station versetzt wird, wenn Letztere in den Urlaub fährt, dann hat sich mal wieder die ganze Welt gegen diese Familie verschworen. Als Gegenmodell zu diesem Ort der Gesund- und Reinheit bieten sich die Drogen an, die Businessgeek Matthew in der Tasche trägt und die schließlich ausgepackt werden, als die beiden Brüder in Abwesenheit ihres Vaters dessen Retrospektive eröffnen müssen, zu der sich die Welt dann doch noch durchgerungen hat. Zwei Pillen, ein Upper, ein Downer, und Matthew weiß nicht mehr, welche nochmal welche war. Sei’s drum, er nimmt die eine, Danny die andere, und dann wird sich mal ausgesprochen und The Dad gepriesen. Baumbachs Kino funktioniert wie ein solcher Drogencocktail: Chemie beats Naturalismus; keine Angst vor Extremen und künstlichen Manipulationen, vor humoristischen wie lebensweisen Pointierungen, sie spitzen ja nur zu, was wir in nüchternem, kinolosem Zustand gezwungen sind ewig in die Breite zu treten.

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