The Master

Im Zwischenraum der Bilder wird The Master geboren. Und in den Lücken werden wir über ihn urteilen.

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Wenn zwei Bilder aufeinander treffen, dann hat das im Kino immer eine zeitliche Dimension. Die laufenden Meter folgen einander, bauen aufeinander auf, widersprechen sich, bilden Eindrücke. Die besten Filmemacher setzen Bedeutung im Schneideraum. Ganz gleich, ob sie Filmschnitt als Argumentation verstehen, als das Zusammensetzen einer Wörterkette oder eher als die symbolische Verknüpfung von zu entziffernden Hieroglyphen. Denn für die Logik, sei sie poetischer Natur oder die einer Handlung, ist die Montage ohnehin zuständig.  Paul Thomas Anderson ist in der Tat ein Autorenfilmer, der auf die Wirkung der Zwischenräume vertraut. Seine Figuren erwachsen aus ihnen, ihre biografische und ethische Dimension wäre gar nicht denkbar ohne diese Lücken. Aber The Master zeigt darüber hinaus erneut, in welchem Zwist die verschiedenen Elemente von Andersons Werk zueinander stehen. Um die Deutungshoheit wetteifern nämlich auch die audiovisuelle Komposition und das Schauspiel.

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Allen Anzeichen zum Trotz ist The Master deutlich bescheidener als etwa Andersons letzter Film There Will Be Blood (2007). Entgegen also der Verheißung des Titels, dem epischen Drehformat von 70mm sowie der Mitwirkung von Oscar-Overactor Joaquin Phoenix in seiner ersten Rolle unter Andersons Regie. Doch der hat die bei dem Ausnahmeformat üblichen weiten Ränder abgeschnitten und legt somit auch seinen ersten Kinofilm überhaupt unter Verzicht auf Cinemascope-Breitbilder vor (in einer ersten Zusammenarbeit mit Kameramann Mihai Malaimaire Jr.). Doch nicht nur in dieser Hinsicht sucht der Regisseur Mäßigung und Konzentration. Der titelgebende Meister ist nicht larger than life. Aber der Reihe nach.

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Zunächst führt uns Anderson in bezaubernd ausdrucksstarken Fragmenten die Vorgeschichte seines Protagonisten Freddie Quell (Phoenix) vor Augen. Aus der Vogelperspektive sehen wir ihn auf einem Kriegsschiff den Rausch der letzten Nacht hoch über Deck auf einer Plattform ausschlafen; von unten versucht ihn eine muntere Schar Navys zu wecken. Der Zweite Weltkrieg ist vorbei, Freddie ist ein Alkoholiker. Eine psychiatrische Einweisung und mehrere Jobs später wird er volltrunken Lancaster Dodd (Philip Seymour Hoffman) begegnen, wieder auf einem Boot. Bis dahin hat The Master in präzisen Abschnitten einen labilen, cholerischen, aber auch anziehenden Freddie gezeichnet. Es genügt, an einzelne Bilder zurückzudenken, und sie beginnen, sich mit Leben zu füllen: Da wäre etwa ein choreografiertes Balzritual in einem Kaufhaus oder ein Coitus interruptus mit einer Frau aus Sand.

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The Master ist Andersons dritter Film nach Boogie Nights (1997) und There Will Be Blood, der eine historische Periode beleuchtet. Die Vereinigten Staaten der 1950er Jahre sind vor allem ein Setting, sie bilden einen Anker, eine Erdung in der Vergangenheit, die uns soziologisch kaum entrückt zu sein scheint. Das Konkrete ist das Allgemeine. 1950 ist auch das Jahr der Entstehung des Scientology-Kultes (zu der Zeit noch „Dianetik“), auf dessen Erfinder und Führer L. Ron Hubbard die Figur von Lancaster Dodd basiert. Und ab dem Moment, wo Philip Seymour Hoffman die Bühne betritt, ist The Master schlagartig ein Zwei-Mann-Stück: Phoenix-Hoffman, Hoffman-Phoenix. Gegenseitig steigern sie sich noch in eine absurdere Form von Schauspiel hinein, bei der zu jeder Zeit sichtbar sein muss, dass ihr physisches Handwerk eine harte Arbeit und hohe Kunst ist. Mit den verzogenen Lippen, dem gekrümmten Rücken, dem rot angelaufenen Kopf und dem teuflischen Lächeln beanspruchen sie für sich, Leben, Psychologie und Moral der Figuren zu eröffnen, greifbar werden zu lassen, jedenfalls ablesbar. Aber war das nicht Aufgabe der Montage, aus den Fragmenten die Biografie, die Ursachen und Folgen in unseren Gedächtnissen zu destillieren? Die Konkurrenz aus Schnitt und Spiel ist natürlich in Wahrheit der Clou: Denn die Freiheit des einen zähmt das andere. Die Souveränität, mit der die Leben der Figuren in der Montage kondensiert, assoziiert und entwickelt werden, erlaubt den Darstellern ihre Extravaganzen. Die psychologische Tiefe und körperliche Prägung, die sie zu evozieren sich anstrengen, wird immer wieder Lügen gestraft. Die Wirklichkeit der Biografie dieser zwei Männer liegt irgendwo im Dazwischen.

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Von dieser Unsicherheit erzählt und zehrt The Master. So finden die Theorien der Dianetik direkten Eingang in die Handlung: Als Kern ragt die psychologische Erforschung der gelebten Vergangenheit hervor, um am Ende den Menschen von seinen psychosomatischen Krankheiten zu befreien. Freddie ist der perfekte Kandidat ob seiner offensichtlichen Traumata – und ein williger Jünger. Der Heiler/Arzt/Wissenschaftler/Autor Dodd ist ein Scharlatan und ein Mann mit Vision. Da wären wir auch schon wieder bei der Moral: Ist Dodd nicht auch ein gestörter oder zumindest ein manischer Mann? Trotz der Anlage all dieser Beurteilungen in der vibrierenden Präsenz von Hoffman lässt sich Anderson auf keine solche Eindeutigkeit ein. In den Ellipsen hallen die Worte von Dodds Gefolgschaft nach: in starken Nebenrollen etwa Laura Dern als reiche und in sich ruhende Unterstützerin oder Jesse Plemons als Sohn Val, der seinen Vater zu durchschauen glaubt und ihm dennoch nie von der Seite weicht. Und dann entpuppt sich Ehefrau Mary Sue (Amy Adams) noch als Souffleuse von Dodds Theorien. Anderson hat zwar keine Abrechnung mit der Scientology gedreht, aber er legt durchaus Mechanismen der Kult-Erfindung sowie des Kult-Bedarfs offen – leichthändig, ohne dafür spektakulärer Wendungen oder dramatischer Überspitzung zu bedürfen.

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Im Dreigestirn Schnitt, Spiel und audiovisuelle Komposition kommt letzterer der widersprüchlichste Part zu. Radiohead-Mitglied Jonny Greenwood hat nach There Will Be Blood erneut einen eigenwilligen Soundtrack beigetragen, der nur nach und nach das Widerborstige verliert, um immer stärker eins zu werden mit dem Rhythmus der Aufnahmen. Mihai Malaimaire Jr., der Anderson-Veteran Robert Elswitt an der Kamera vertrat, sorgt für den Eindruck einer reifen, gesetzteren Sprache, er schafft Bilder, die alles ausdrücken, aber nichts mehr beweisen müssen. Das Epochale des Vorgängers ist hier einer engeren Perspektive gewichen, die die Protagonisten weder einsperrt noch der Natur ausliefert, sondern sie in ihrer psychischen und körperlichen Verbindung zueinander zeigt. Auf dieser Ebene wird aus The Master dann doch auch wieder ein wuchtiger Film, der einen mühelos transportiert. Es ist ein Werk, das noch wachsen wird mit der Zeit. Fast erscheint es frivol, nach nur einer Sichtung darüber zu schreiben. Die Sedimente, die die Erinnerung hinterlassen wird, haben gerade erst begonnen, sich abzulagern. Bald werden sie sich verselbstständigen und der Film zum Teil unserer lebendigen, offenen Biografie werden. The Master bietet ein Stück Vergangenheit und die Ellipse der Zukunft – im Dunkel des Kinosaals.

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