The Lost Bladesman

Die Peking-Oper ist tot. Alan Maks und Felix Chongs Kombination aus Historienfilm und Martial-Arts-Spektakel widmet sich vorrangig den inneren Bewegungen der Figuren.

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The Lost Bladesman spielt im China zur Zeit der Drei Reiche (208-280 n. Chr.): Der unbarmherzige Kaiser Cao Cao (Jiang Wen) schürt Unruhen im Land und hetzt die Bürger gegeneinander auf. Der einsame General Guan Yu (Donnie Yen), ein Kämpfer ohne feste Heimat, dringt autonom ins Zentrum des tyrannischen Hasses vor. Dabei ist er kein übermenschlicher Retter, sondern die Disziplin in Person, die in der neuen Welt keinen Platz mehr hat. Schon bald muss Guan Yu erkennen, dass ihn viele wegen des in seinem Bewusstsein verankerten Sinnes für Moral als feindselig ansehen. Sein Drang nach Wahrheit und Ehre lässt ihn bald im Stich.

Action-Star Donnie Yen spielt die für ihn ungewöhnlich introvertierte Rolle des Lost Bladesman, der die essenziellen Eigenschaften des in vielen Western bis zur Karikatur gestalteten Lonesome Rider verkörpert: ein Heimatloser mit dem Grundinstinkt für Gerechtigkeit. Western und Samuraifilm standen einander immer nahe – man denke etwa an die Kurosawa-Adaptionen von Sergio Leone oder John Sturges –, und so verwundert die Übernahme dieses Figurentypus in The Lost Blademan kaum. Stets stand bei dessen Gestaltungsprinzipien eine Ikonisierung durch markante Mimik und Körpersprache im Vordergrund. Yens Gesicht spiegelt die Verwirrung und Tragik einer Epoche des Verfalls, der Verlust von Ehre und rechtmäßiger Moral fordert ein ungewöhnlich hohes Maß an mimischer Intensität. Doch hier wird Theatralik durch Subtilität ersetzt. Die für das chinesische Kino typische gestische Überfrachtung wird zugunsten der Betonung innerer Bewegungen fast völlig ausgeblendet. In dieser Hinsicht ist The Lost Bladesman äußerst konsequent und einzigartig.

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Anfänglich wollten die Regisseure Alan Mak und Felix Chong den Charakterschauspieler Zhang Jizhong für die Rolle Guan Yus gewinnen, Zhang lehnte jedoch ab. Donnie Yen traute sich die anspruchsvolle Titelrolle zuerst nicht zu, schaffte es aber nach langer Einarbeitungsphase, sich glaubwürdig in das seelische Dilemma des prominenten Feldherrn hineinzuversetzen, der für den Fall einer ganzen Kaiserepoche (Han Dynastie) verantwortlich war. Zwischen 183 und seinem Tod 219 n. Chr. stieg der reale Guan Yu zum beliebtesten General der Han-Zeit auf, bekannt für seine Liebe zur Gerechtigkeit. Sein ursprünglich unerschütterlicher Bund mit seinem Freund und Waffenbruder Liu Bei wird in der ambigen Zeit von Machtwechseln und Aufständen auf eine harte Probe gestellt. Zur Zeit der Drei Reiche wurde Guan Yu von einigen sogar als Gott verehrt.

Donnie Yen führte in seinen letzten Filmen Flash Point (Dou fo sin, 2007) und vor allem IP Man (2008) und IP Man 2 (2008 und 2010) das chinesische Actionkino zu dezidierter Ernsthaftigkeit zurück. Durch seinen weniger spektakulären Kampfstil setzt er sich bewusst von den einstigen Stars Jackie Chan und Jet Li ab, die in ihrer Performanz unzählige theatralische Bewegungseffekte aus den Stücken der Peking-Oper übernommen haben. Viele Kampfsequenzen Yens, der seine Fights immer auch selbst choreografiert, wirken ungewöhnlich hart, sind relativ nüchtern und zielorientiert. Die geradlinigen Faustkämpfe begeistern ebenso wie die Duelle mit dem schweren Guan-Dao-Langschwert. Die Ästhetik der Schlichtheit tritt an Stelle der Extravaganz.

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Die Rolle des Lost Bladesman ist sowohl eine Fortentwicklung von Yens ungekünsteltem, auf Unbarmherzigkeit getrimmtem Erscheinungsbild als auch die komplette Loslösung von seinen typischen Figuren des Actionkinos aus Hong Kong: Durch die nachhaltige Besinnung auf traditionelle Werte, die das inhumane Umfeld immer stärker aus den Augen verliert, schafft er mit seiner Rolle eine neue Identifikationsfigur, fernab von religiöser Symbolik und magischer Kampfkunst.

The Lost Bladesman kann so vor allem in den ruhigen Momenten, mit seiner Konzentration auf subtile Mimik und gedämpfte, malerische Farben, rundweg überzeugen. Die Kampfszenen sind dabei nicht minder eindrucksvoll, sie stellen aber nur virtuose Zwischenpunkte der epischen Handlung dar. 

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