The Look of Love

Ein Leben als Revue-Show.

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Michael Winterbottoms neuer Film ist ein medial vermittelter Flashback, und das gleich im doppelten Sinne. Zum einen entführt der aufwändig ausgestattete The Look of Love, der sich durchaus auch als Kostümfilm lesen lässt, in das Londoner Nachtleben gleich dreier Dekaden. In einem Rausch an Farbigkeit – schon der Vorspann erstrahlt in hippieeskem Bunt und leuchtendem Neon – wühlt sich der Plot von den Swinging Sixties über die freizügigen Siebziger bis in die Pop-Dekade schlechthin, die Achtziger. Immer mittendrin: Paul Raymond, Nachtclubbetreiber, Herausgeber eines Erotikmagazins und unverbesserlicher Schürzenjäger, der sich zu Beginn des Films als alternder Mann mittels eines kleinen Fernsehers seine eigene Lebensgeschichte anschaut. Diese beginnt in den ausgehenden 1940er Jahren: Raymond zieht als Gedankenleser durchs Land, realisiert aber schnell, dass das Publikum sich viel mehr für die (entblößten) Brüste seiner Assistentin begeistern kann. Er produziert fortan Nackt-Revues, bei denen er geschickt die streng-prüden Gesetze der damaligen Zeit umgeht und für ein konsequentes Marketing nutzt. Eine etwas deplatziert wirkende Schwarzweiß-Sequenz fängt diese ersten Jahre ein, die gewissermaßen auch als Ursprungsmythos des historischen Vorbilds, des echten „King of Soho“ Paul Raymond gelten, der 1958 die Revue-Bar im Herzen von Londons West End gründete und zum erfolgreichsten Show-Produzenten (und später sogar zum reichsten Mann) Großbritanniens aufstieg.

Der Look zählt

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Entscheidender für die weitere Akzentuierung von The Look of Love ist jedoch die bereits erwähnte, narzisstische Film-im-Film-Konstruktion zu Beginn, scheint sie doch keinesfalls nur bloße Spielerei, um die als große Rückblende konstruierte Erzählung einzuführen. Vielmehr wird hier bereits programmatisch der Punkt der ineinander gefalteten Dopplung, um die sich der Film im weiteren Verlauf immer wieder winden wird, gesetzt: Es ist die des Blicks und des Anblicks, des Anschauens und Aussehens. Im egozentrischen Subjekt Paul Raymond ständig zusammenfallend, haftet diesem (An-)Blick – die Doppeldeutigkeit des Filmtitels macht es ebenfalls nochmal evident – immer auch der Hang zur Selbstinszenierung an. Der Look zählt. Privatheit wird getilgt, jedwedes übrig gebliebene Stück Alltag wird vom Schauspielhaften infiziert. Raymond hat im Verlauf des Films kaum einmal mit nur einer (seiner) Frau Sex, und passiert dies doch, dann in völliger Überhöhung: In einer von Paul McCartney gestalteten Wohnung kopuliert man auf einem übergroßen Bett, wahlweise unter geöffnetem Dachfenster mit Blick auf den Londoner Himmel oder einem integrierten Solarium. Alles ist Bühne, alles leuchtet, überall nur wohlgeformte, weibliche Körper, Geld macht sorgenfrei und produziert noch mehr Geld.

Die anbahnende Tragödie wird einfach weggekokst

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Die düstere, andere Seite dieses Glamour-Lebens – die Einsamkeit im Überfluss, die Unfähigkeit zur beständigen Liebe – dringt nur sporadisch durch und wird schnell wieder vertrieben: Die Ehefrau wird durch ein jüngeres, noch hübscheres Exemplar ersetzt, die orientierungs- wie talentlose Tochter bekommt ihre eigene Show. Gerät das fortwährende Schauspiel an seine Grenzen, wird die sich anbahnende Tragödie einfach weggekokst. Niemals und niemandem geht es in The Look of Love um ein durchdringendes Hinschauen (im Englischen spricht man vom gaze), vielmehr sind alle Blicke oberflächlich huschende, die die Illusion nicht hinterfragen, sondern vielmehr zu deren Verinnerlichung im Selbst der Protagonisten beitragen. Der Film ist in diesem Sinne und trotz stetiger Nacktheit auch kein unbedingt voyeuristischer, ist doch das Credo „alles ist Show“ zu vorgängig, sind die Oberflächen zu klar als solche gekennzeichnet. Neben der ausgiebigen Verwendung fotografischer Elemente macht das auch die Erzählform selbst deutlich. Die Inszenierung kennt kaum Subjektivierungen, und bricht das Melodramatische doch einmal durch, ist es getränkt von ironischer Überspitzung: Ausgerechnet Raymonds Tochter, die im Vergleich zu den angestellten Tänzerinnen ihres Vaters laut eigener Aussage über „viel zu wenig Material“ verfügt, muss sich aufgrund einer Krebserkrankung beide Brüste amputieren lassen. Selbstverständlich wird auch hier der Spieß sofort umgedreht und dieser Schicksalsschlag im Rahmen einer Fernsehdokumentation vermarktet.

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Der aus dem Comedy-Fach kommende Steve Coogan spielt die glamouröse Hauptfigur mit ironischer Reduziertheit und lässt sie so gekonnt schillern. Denn Raymond ist keineswegs nur ein optisch zwischen dem jungen Günter Netzer und Andy Warhol changierender Frauenheld und Draufgänger, sondern auch ein findiger Geschäftsmann, der sich immer wieder scheinbar leichtfüßig gegen den durch die sexuelle Revolution steigenden Konkurrenzdruck innerhalb der Erotikbranche behauptet. Und nicht zuletzt auch ein äußerst armes Würstchen, das alles um sich herum auf sein Selbstbild projiziert. In solch einem Liebeskonzept ist man sich selbst am nächsten. Und am Ende ganz allein. Da hilft auch kein Fernsehblick in die eigene Vergangenheit.

Trailer zu „The Look of Love“


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