The Long Day Closes

Mit The Long Day Closes schenkt Terence Davies dem Kino eine der schönsten filmischen Kindheitserinnerungen und einen lichteren Moment in seiner sonst düsteren Autobiografie. Diesmal tanzen die Leute sogar auf der Straße.

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Das Wesen von Erinnerung ist es, Vergangenes zu vergegenwärtigen – das angemessene Erzähltempus dafür ist unbedingt das Präsens. Wie schal der Versuch vieler Filme ist, Kindheitserinnerungen via Rahmung und Rückblende zu Geschichte zu machen, merkt man, wenn man einem funkelnden Gegenbeispiel wie Terence Davies’ The Long Day Closes begegnet, der Erinnerung als ein inneres Erleben unmittelbar ins Bild holt. Wenn das baufällige Treppenhaus in dem dunklen, verregneten Arbeiterviertel sich nach den beschwörenden Zeilen von Nat King Coles „Stardust“ aufhellt und sich die Kinderstimme aus dem Off in Gestalt eines Jungen manifestiert, der auf den jetzt wieder mit Teppich überzogenen Stufen sitzt und seine Mutter in der Stube ruft, dann findet kein Sprung in die Vergangenheit statt, sondern wird ein vormals verlassener Ort mit vergegenwärtigtem Leben erfüllt.

Ein Segelschiff im Klassenraum

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Erinnerung, hier liegt der zweite Irrtum konventioneller biografischer Rückblenden, ist in keinem Modus schlechter in den Griff zu kriegen als in dem des Realismus. Das Vergangene, wie es uns in der Vergegenwärtigung erscheint, braucht keine volle historiografische Deckung. Nur Faktenhuber würden sagen, dass wir etwas durcheinanderbringen, wenn das geschäftige Treiben auf dem Straßenstück vor unserem Haus oder die dünne Schneeschicht auf der Fensterbank in unserem Gedächtnis ein bisschen glitzern wie in den alten Hollywoodfilmen, die im Kino um die Ecke unsere kleine Welt etwas größer machten. Dass wir etwas verklären, wenn der Alltag in unserer Erinnerung mit Musik und Stimmen aus diesen geliebten Filmen untermalt wird. Dabei ist nicht mal entscheidend, ob wir es damals wirklich so erlebt haben, ob es auch diesen einen Schultag jemals gab, an dem wir im Klassenraum alles um uns ausblendeten und ein riesiges Schiff mit aufgebauschten weißen Segeln vor unserem inneren Auge vorbeizog, oder ob auch das erst eine Leistung unserer Vergegenwärtigung ist: Wir sind, wer wir sind, weil wir uns an unsere Kindheit genau so und nicht anders erinnern, und wir kommen uns nur genau so auf die Spur.

To the pictures

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Verklärend sind all diese Anreicherungen, Verschmelzungen und Montagen in A Long Day Closes schon deshalb nicht, weil sie nie übersehen lassen, wie beengt und bescheiden das Leben in dem Liverpooler Viertel in den 1950er Jahren gewesen sein muss, in dem der elfjährige Bud mit seiner Mutter und seinen älteren Geschwistern wohnt – und wie bescheiden es erst recht ohne das Kino um die Ecke gewesen wäre; der Weg aus der Kensington Street zu Fuß oder per Rad führt nicht nur den Protagonisten immer wieder to the pictures. Und Bud ist zwar noch behütet – das erste Drittel des Films spielt in einer Art mütterlichem Kokon, auch die familiäre und nachbarschaftliche Gemeinschaft bleibt dem Kind wohlgesinnt, nur in der Schule ist es schon komplizierter –, zugleich aber ist nicht zu übersehen, dass seine Abkapselung sich schon vollzieht. Ablesbar ist das in seinem Gesicht, dem verhaltenen Lächeln, dem leichten Stirnrunzeln, das der Welt freundlich zugewandt ist – den in Tableaus arrangierten Familienzusammenkünften etwa, denen er per Gegenschuss gegenübergestellt wird –, das aber um die Distanz schon weiß. Und auch wenn sich seine Hände mit denen der Mutter in der schattigen Wohnung zärtlich verflechten, nichts bewahrt ihn vor den Männerpranken, die in einer Albtraumszene jäh den Kokon durchbrechen und seine Schultern packen; es hilft nichts, dass die Mutter im selben Raum schläft.

Ein Dämmerungsfilm

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Als Teil von Davies’ autobiografischem Projekt fängt The Long Day Closes eine halbwegs angenehme Zwischenzeit ein, in der der terrorisierende Vater schon aus dem Leben des Jungen verschwunden ist, der Konflikt mit der Umwelt, in den seine Sexualität ihn bringen wird, aber noch nicht begonnen hat – selbst als innerer Konflikt erst angedeutet ist. Der Bauarbeiter mit nacktem Oberkörper, den er aus dem Fenster betrachtet, zwinkert ihm zu, Bud wäscht dem erwachsenen älteren Bruder den Rücken, doch liegt in diesen scheuen Beobachtungen und Berührungen noch kein sich ganz selbst bewusst gewordenes Begehren. Erst eine Ahnung. Eine Ahnung ist aber natürlich auch das Traumbild, in dem der Bauarbeiter als Jesus ans Kreuz genagelt wird.

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The Long Day Closes vergegenwärtigt die Kindheit als einen Raum von Möglichkeiten, von Bedrohungen und Verheißungen zugleich, es ist, der Titel deutet es schon an, ein Dämmerungsfilm. Dass das Kino als Lebenselixier hinzukommt, trägt sicher zur Aufhellung bei, einmal gleitet die Kamera in Vogelperspektive über die gefüllten Auditorien von Kino, Kirche und Schule und macht sie in einem gnädigen Moment zu Gemeinschaftsräumen. Einige Situationen aus Children, dem ersten Teil der Terence-Davies-Trilogy, vor allem eben aus den Abrichtungsanstalten Schule und Kirche, begegnen einem in diesem Film wieder, doch sind nun ein bisschen anders gefärbt, nicht so brutal und hoffnungslos, sondern, ein Wort, das für rare Gelegenheiten wie diese aufgespart werden sollte, ambivalent. Der Albtraum ist schlimm, aber die Mutter ist ja da. Oder aber: Die Mutter ist zwar da, aber der Albtraum ist trotzdem schlimm. Die Kirche ist Angstmacher, aber auch Behüterin; Behüterin, aber auch Angstmacher. Und der auch diesmal allgegenwärtige Gesang ist den Leuten ein verlässlicherer Trost als in Distant Voices, Still Lives – obwohl es oft Lieder des Verlusts sind –, und diesmal tanzen sie sogar einmal auf der Straße. Aber aus dem Off erklärt Orson Welles’ Stimme aus The Magnificent Ambersons (1942), dass es der letzte Tanz war.

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Wenn sich in der majestätischen Schlusssequenz zum titelgebenden Choral Wolken vor den Mond schieben, ist offen, was dem Ende des langen Tages folgen wird, Morgenröte oder Finsternis. Immerhin, zuvor hat Bud per Taschenlampe einen Lichtstrahl gen Himmel geschickt, der für immer unterwegs sein wird – zumindest hat der Lehrer das behauptet.

Trailer zu „The Long Day Closes“


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