Lone Ranger

Rechtschaffener Held, fleischfressende Kaninchen.

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Als der Lone Ranger und sein Freund Tonto es sich am Lagerfeuer gemütlich machen, stören ungebetene Gäste die Idylle: Aus dem Dunkeln stürzen kannibalische Kaninchen auf die Leinwand, angelockt vom Geruch eines am Spieß bratenden Artgenossen, mit zähnefletschenden, Fleisch reißenden Mäulern in Großaufnahme. Eine vollends bizarre Szene, zumal in einen Film, der als Familienevent das Fluch der Karibik-Erbe antreten will. Die blutrünstigen Nager sollen den Dämon Wendigo symbolisieren, doch wenn einem dabei eher das Killer-Kaninchen aus Die Ritter der Kokosnuß (Monty Python and the Holy Grail, 1975) einfällt und man sich ernsthaft fragt, ob dieser Bezug wohl Absicht ist, dann ist das symptomatisch für Lone Ranger, einen auf nicht ganz uninteressante Weise holpernden und schlingernden Film.

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An dem 149-minütigen Koloss zerren verschiedene Ambitionen. Zunächst will Gore Verbinskis Film, schon die Rahmenhandlung in einem Vergnügungspark kündet davon, ein alle Jahrmarktsregister ziehendes Kino der Attraktionen sein, ein joyride in und auf rasenden Zügen, manchmal entgleisend. Dann will er ein Western-Epos sein, das um die helle wie die dunkle Linie der Genretradition weiß, um die Geschichte von Landnahme und Fortschritt wie um die von Landraub und Zerstörung. Dann will er ein Johnny-Depp-Starvehikel sein, mit Tonto als einem Publikumsliebling wie Jack Sparrow. Und schließlich will er mit dem Titelhelden eine Ikone der US-Popkultur wiederbeleben, und er will diese Figur zugleich aufpeppen und ihre Integrität wahren.

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Wo komische und dramatische Elemente in den besten Momenten der Karibik-Filme zu einem freien, wilden Fabulieren verschmolzen, kommen sie in Lone Ranger einander immer wieder ins Gehege. Johnny Depps Figur spiegelt das nochmal im Kleinen. Der Comanche mit der abblätternden Schminke, der die sein Haupt schmückende ausgestopfte Krähe füttert und als gleichberechtigter Sidekick wie als – möglicherweise flunkernder – Erzähler der Geschichte auftritt, ist die Hauptattraktion des Films, und die meisten sitzenden Pointen gehören ihm. Anders als dem unbekümmerten Genre-Wildwuchs Jack Sparrow lastet ihm aber der Anspruch des Drehbuchs und des Schauspielers auf den Schultern, sich nicht nur von früheren Darstellungen der Figur abzugrenzen, sondern auch die Native Americans würdig darzustellen- Und dazu muss Tonto, eingeführt unter dem fragwürdigen Label des „edlen Wilden“, noch ein Kindheitstrauma und eine schwere Schuld mit sich rumtragen. So kann er nie ganz Comedy-Figur und nie ganz „echter“ Indianer werden, und Depps routiniertes Spiel wirkt wie von der Zerrissenheit zwischen beidem ausgebremst.

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Auch der von Armie Hammer wacker gespielte Titelheld hat’s nicht leicht. Seit seiner Erfindung im Jahr 1933 war der Lone Ranger nicht zum Aushalten anständig. Die Schöpfer der TV-Serie (1949-1957), der bekanntesten Bearbeitung des Stoffs, unterwarfen sich einem strikten Regelwerk, nach dem die Lone-Ranger-Welt moralisch und logisch stets heil bleiben musste. So durfte der Held weder trinken noch rauchen noch fluchen, er durfte nie schießen, um zu töten, er durfte aber auch nie aus zu unwahrscheinlichen ausweglosen Situationen entkommen. Und Kriminelle durften niemals zu Wohlstand und Macht gelangen.

Das mit der Wahrscheinlichkeit sei geschenkt, doch auch sonst lässt sich ein solcher Regelkanon nicht verlustfrei von einer Nachkriegs-TV-Serie, hinweg über Italo- und US-Spätwestern und diverse Krisen des Kapitalismus, in die Gegenwart hieven. So ist denn in Lone Ranger das Verbrechen nicht nur in Hinterhalten im Monument Valley zu Hause, sondern im Herzen der westwärts strebenden Gesellschaft, wo sich ein Eisenbahn-Patriarch und anfänglicher Sympathieträger als ebenso gewissenloser Mörder entpuppt wie der hässliche Outlaw Butch Cavendish (William Fitchner), der seinen Opfern das Herz herausschneidet.

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Wo sich das Setting derart ins Düstere verschoben hat – das auch in die farbarme, dämmrige, oft mit Gegenlicht arbeitende Optik des Films durchdringt –, da kann auch der Lone Ranger nicht der Alte bleiben. Doch statt zum Zyniker macht ihn das Drehbuch zum tugendhaften Untoten. In einer Variation des Ur-Initiationsplots wird John Reid wie sein Bruder und seine Ranger-Kollegen zunächst von Cavendishs Schergen getötet, um dann von Tonto und dem weißen spirit horse Silver wieder zum Leben erweckt und unsterblich zu werden. Doch auch im dergestalt durch die Spätwesternwelt streifenden maskierten Rächer bleibt der alte Verhaltenskodex unversehrt erhalten, und das wirkt schmerzhaft unpassend. Die einbeinige Puffmutter mit der Schrotflinte in der Prothese und ihrem Wissen um den Sündenfall der Welt (Helena Bonham Carter) scheint für den Kampf gegen das Böse weit besser gerüstet als der steife Rechtsanwalt John Reid.

Es gibt Momente in Lone Ranger, da liegt Gewalt in der Luft, da ist der Affekthaushalt des Zuschauers darauf eingestellt, dass im nächsten Augenblick heftig geballert und geprügelt wird. Doch dann hält der Held unverdrossen sein Plädoyer für Recht und Ordnung. Fast ist es, als treibe dieser Kraftakt an Selbstdrosselung den Film anderswo zu unkoordinierten Ausbrüchen. So wirken die abstruse Kaninchen-Attacke, die Skorpione, die über die Köpfe der eingegrabenen Helden wimmeln, und das verhaltensauffällige weiße Pferd wie Risse in der High-Concept-Oberfläche, unter der ein Untergrund brodelt, den der Film sich mit der Genregeschichte eingehandelt hat und nie ganz los wird.

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Die reibungslose Flucht in den joyride gelingt Lone Ranger erst am Schluss. Schon der den Film eröffnende Eisenbahnüberfall hätte für einen fulminanten Showdown gereicht, doch erst beim rund zwanzigminütigen Finale, einer furiosen Materialschlacht, bei der gleich zwei Züge gegeneinander antreten, erklingen die stürmisch-heiteren Klänge der William Tell Overture, der berühmten Titelmelodie der Fernsehserie: Der Knoten ist geplatzt, die Entfesselung beginnt, und der Lone Ranger ist bei sich selbst und im Heute angekommen. Als Actionfigur, die zu ihrem Leitmotiv über Zugdächer springen darf wie Indiana Jones oder James Bond, funktioniert der maskierte Held auch im Gegenwartskino. Aber bis dahin ist’s ein beschwerlicher Weg. Für ihn und für uns.

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