The Lobster – Kritik

Yorgos Lanthimos versteht sich darauf, zu versprechen, ohne einzulösen. Bisher standen Sehnsüchte, Begierden und unkonventionelle Wege ihrer Nicht-Erfüllung im Mittelpunkt. Jetzt entwirft er eine verspielt-perverse Fantasiewelt, um die Bedeutung von Paarbeziehungen zu hinterfragen.

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In seinem ersten englischsprachigen Film inszeniert der griechische Regisseur zwei Stars des amerikanischen Kinos: Colin Farrell und Rachel Weisz. Neben sie setzt er Ben Whishaw, John C. Reilly und Léa Seydoux. Sie alle sollen ihren Platz finden in einem Reigen absurder Szenen, die sich daranmachen, den Kult glücklicher Paarbeziehungen aufs Korn zu nehmen und gleichzeitig tiefgreifend zu verstören. Lanthimos ist der bekannteste Vertreter einer neuen Welle griechischer Filmemacher, die mit absurdem, trockenem Humor ein großes stilistisches Selbstbewusstsein vereinen, das im internationalen Festivalzirkus seit einigen Jahren gefeiert wird, in Deutschland nur leider noch zu selten im Kino zu sehen ist. Lanthimos sticht in dieser Reihe mit starken Plots und schillernden Sujets heraus, die sich gleichzeitig wie Psychothriller und Komödien anfühlen.

Vom unerhörten Singledasein

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Die Welt ist eine Theaterbühne, und alle darauf sind spielbare Figuren. Ich darf zwischen ihnen wählen und habe alle Macht über sie. So mag es für Regisseure sein, so fühlt es sich als Zuschauer an. Das Vergnügen ergibt sich daraus, dass sich dann doch so etwas wie Eigenleben entwickelt, wenn die Bahnen erst mal gelegt sind und die Koordinaten gesetzt scheinen. Alle Kraft von Lanthimos’ surreal wirkenden Versprechen geht von dieser Lust aus: Das Autoritäre trifft auf Versuchskaninchen. Echte Emotionen machen schwach, stehen im Zweifelsfall dem Erfolg, ob für oder gegen das System, nur im Weg. Eiskalt berechnende Figuren treffen auf Opfer, die sich bereitwillig ausnutzen lassen. So auch zunächst in The Lobster. David (Colin Farrell) wählt mit der „Herzlosen“ (Angeliki Papoulia) insofern die Richtige als Partnerin. Mit ihr kann er sich darüber verständigen, welche anderen Hotelbewohner einen schnellen Tod und welche ein qualvolles Ende verdienen. Dass die Zukunft der meisten besiegelt ist, darüber gibt es keinen Dissens. Denn in dem Hotel landet nur, wem das Schlimmste widerfahren ist: ohne Liebes- und Lebenspartner dazustehen. Das ist unerhört und verboten.

Der angenehm verschroben und durchgeknallt klingende Plot ist für den Film mehr Anlass denn Materie: In The Lobster müssen Menschen ohne Partner innerhalb von 45 Tagen ein Paar bilden, sonst verwandeln sie sich in ein Tier ihrer Wahl. Dem widersetzen können sie sich nur durch Flucht in den Wald, wo die Partnerlosen von den Partnersuchenden mit Betäubungsgewehren gejagt werden. Die Sympathien sind eindeutiger verteilt, als es der Spannung zuträglich ist. Wenn es etwas gibt, das Lanthimos mit seinen bisherigen – sehr ungleichen – Filmen bewiesen hat, dann ist es sein Vermögen, Antizipation zu kreieren, eine Lust auf das Voranschreiten der Handlung, aus der Ahnung heraus, was passieren könnte, was sollte und was dürfte, gleichzeitig aus der Angst vor der Bestätigung und den widerstreitenden Hoffnungen, dass das sowohl stimmen möge und nicht stimmt.

Eine sich selbst entlarvende Nummernrevue

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In der Konstellation von The Lobster gibt es all das: den Witz, der auf der Seite der Täter ist, das Verständnis und die Empathie, die sich zu den Opfern gesellen – und eine betörende Vision von Reinkarnation, die sich direkt an das Verhalten als Mensch anschließt. Zur Antizipation kann auch gehören, dass ein großer Teil nie im Bild selbst erscheint. Ein bisschen so ist es mit den Tieren. Geredet wird über sie, die Verwandelten; ein Verhältnis entwickelt der Film aber nicht zu ihnen. Das erste Bild hatte da in eine andere Richtung gezeigt, ein anregender Trugschluss, als eine uns unbekannte Frau bei Regen mit einer Schusswaffe aus dem Auto stapft, in die diesige Steppe hinein, auf ein paar zusammenstehende Vierbeiner zuläuft und eines davon, nicht irgendeines, sondern ein bestimmtes, mit einem zielgerichteten Schuss erlegt.

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Die psychologische Brisanz von aufgeladenen und mehrschichtigen Verhältnissen zwischen Tieren und Menschen interessiert Lanthimos kaum. Er zelebriert die Zuspitzungen einer Gesellschaft, die auf binäre Beziehungsstrukturen angelegt ist, die Paaren alles vereinfacht und schenkt, bis hin zur Jacht, den Singles zwar die Masturbation gewaltsam verbietet, sie aber andauernd anfixt. Das alles geht sehr schnell und gleicht einer sich selbst entlarvenden Nummernrevue, amüsant, am kurzen Lacher orientiert. Die eingestreuten bitteren Wahrheiten laufen allzu bald ins Leere. Ein John C. Reilly, der solche immer wieder verkörpern musste, verschwindet von der Bildfläche. Lanthimos überführt sein Kino der Verstörung ins High Concept von Hollywood, bei dem es dann trotz extravagantem Plot doch nur um ein „Kriegen sie sich?“ für die beiden Hauptdarsteller geht. Das bejaht nicht nur, was so aufwändig auseinandergenommen wurde, sondern offenbart, wie viel vom subversiven Potenzial der Anlage bei erster Gelegenheit über Bord geworfen wird. Aus der absurden Komödie wird nicht nur etwas überhastet ein Melodram. Sondern eines, bei dem sich nie die Frage aufgedrängt hat, wie Colin Farrell mit seinem gepflegten Schnäuzer als Hummer aussehen muss.

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Kommentare


fifty

Ihr letzter Absatz trifft absolut ins Schwarze! Hatte meine Probleme mit dem Film von Anfang an. Hölzerne Figuren, augenzwinkernde Erzählweise, unangenehmer Musikeinsatz. Ich konnte das alles erst akzeptieren, als sich nach ungefähr einer Stunde herausstellte, wohin der Film genau will. Dass absurde Lebensprinzipien die menschliche Freiheit abgraben, kann ja als Message an das Publikum nicht reichen. Einzig die Parallele zu einer ideologisch gespaltenen Welt, in der die Liebe nicht in der Gruppe erobert werden kann, sondern nur durch das Individuum (welches selbst das Opfer bringen muss), empfand ich als Botschaft an die heutige Zeit als sehr gut und schlüssig. Vergleiche zu „Clockwork Orange“ oder „Under the Skin“ sind sicherlich nicht falsch, wenn man an den Stoff des Films denkt und seinen Willen zur Zeitlosigkeit. Allerdings nervte – ganz recht! – das Nummerrevuemäßige sehr. Dass man ein Thema wie Entfremdung vom Menschsein, Empathie als Rebellion, Auslöschung des Individuums, sehr viel einfühlsamer angehen kann und bei gegebenem Potential auch unbedingt sollte, stimmt absolut!


Deutsches Kino ist scheisse

Blödsinn. Der film ist emphatisch eben durch den bruch und die zweite hälfte des films. Es ist stilistisch mal kein psychologisierender sich dem theater oder einem literarischen erzählweise unterordnender film. Es ist kino. die figuren sind mit absicht hölzern. Es passt zur stilistik dieses grossartigen films. das fehlen von nachvollziehbaren figuren( wo gibt es die denn noch heute, ausser vielleicht bei maren ade?) würde der zugrundeliegenden Idee widersprechen...


Frédéric Jaeger

Ich jedenfalls wünsche mir keine "nachvollziehbaren figuren". Nur könnte "The Lobster" sehr viel konsequenter, aufregender, lebendiger sein - und müsste dafür das Absurde, die Brüche und auch seine Eigenheiten nicht einbüßen. Wüsste nicht, wieso man "The Lobster" gegen deutsche Filme ins Feld ziehen lassen müsste, aber sei's drum: Das Konzept des hohlen Films mit starkem Plot und hölzernen Figuren, der gerade deshalb zum Kino wird? Ich fürchte, das müssen Sie etwas erklären, wenn es Ihnen nicht nur darum ging, zu widersprechen.


Deutsches kino ist nicht immer scheisse, aber viel zuoft

Ja gerne. Mein vorheriger kommentar ist in den letzten minuten eines schichtdienstes entstanden und daher nicht nur schlampig geschrieben, sondern auch verkürzt bzw. etwas unnötig ruppig ausgefallen. Ich denke ihre Kritik ist auch teilweise nachvollziehbar, wenn man es aus der Brille einer filmästhetischen Konsequenz betrachtet. Und das hat dann wiederum etwas mit einem sehr deutschen Kunstverständnis zu tun und sicherlich auch mit dem deutschen kino a la petzold z.B.
Das Kunstverständnis der ästhetischen Stringenz oder eines total konstruierten, aber in Deutschland seit Jahren gefeiertem Minimalismus, der keinem mehr wehtut und der andererseits nichts aufregend cineastisches mehr zu bieten hat, geht für mich damit einher. Sicherlich gibt es da Ausnahmen( maren ade zb) , aber ich wundere mich, warum zb in der deutschen Filmkritik nicht das hölzerne und die biederkeit der immerselben manierismen eines petzolds oder hochhäuslers kritisiert werden, deren figuren oft um ein vielfaches hölzerner sind. ich denke auch, dass vorherige Filme von Lanthimos wie dogtooth radikaler sind und etwas mehr "wehgetan" haben. Aber geht es immer darum? Ich glaub nämlich nicht, dass der teilweise ins romantische kippende schluss von the lobster die ursprüngliche kritik zurücknimmt oder verharmlost oder wie sie es geschrieben haben, dass es das "bejaht, was es vorher auseinandergenommen hat". Ich empfand eben die von mehreren filmkritikern abgelehnte nicht vorhandene stringenz und die überraschende zugegeben fast schon kitschige wendung der erzählperspektive gut. Dass der regisseur sich in diesem film vielleicht auch etwas hollywood unterordnet kann man ebenfalls nur dann behaupten, wenn man seine vorherigen filme zum vergleich heranzieht. Es ist nämlich sehr relativ. Im vergleich zu den sonstigen filmen, die in diesem kontext laufen, ist es weiterhin ein sehr radikaler film. Und das ist der verdienst eines solchen films. Die tradition eines bunuels oder godards und deren heute liegen gelassenen potentiale aufzugreifen. Die dekonstruktion von sprache im narrativen film ins digitale zu holen. Sie haben von binären beziehungsstrukturen geredet. Genau darum geht es und ich finde, das gelingt dem film ausserordentlich gut. Ich habe mich immer gewundert, warum die filmsprache eines robert bressons so viele erben ( siehe berliner schule) und die am surrealen maximalismus orientierten fast gar keine haben. Ich gehe aus einem film von godard oder lanthimos mit neuen cineastischen impulsen und einem gefühl von freiheit heraus, während ich nach einem bresson oder petzold film nur sagen kann, handwerklich toll gemacht, aber was nützen mir die konstruierten tristessen und die politischen aussagen bzw. der wille zur gesellschaftlichen reinen Kritik sozusagen, wenn es filmisch tautologisch ist. Was nützt es dem kino?






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