The Little House – Kritik

Die Ikone der weinenden Frau. Traditionelle japanische Ästhetik trifft in Yôji Yamadas neuem Film auf ein modernes Bewusstsein.

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Das Filmstudio Shochiku ist eine der großen Säulen der japanischen Filmindustrie. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden hier zahlreiche Produktionen, die westliche Filmwissenschaftler unter dem Namen Shomingeki zusammenfassten. Der Begriff vereint Melodramen, die auf realistische Weise das Leben von proletarischen und kleinbürgerlichen Familien schildern. Auf der Berlinale, wo alljährlich das Forum einem Shochiku-Regisseur – zuletzt etwa Keisuke Kinoshita, Yuzo Kawashima und Mikio Naruse – mit einer kleinen Retrospektive frisch restaurierter Kopien seinen Tribut zollt, hatte man schon oft die Möglichkeit, sich mit diesem nicht nur für die japanische Filmgeschichte sehr bedeutenden Genre vertraut zu machen. In diesem Jahr ist das Logo des schneebedeckten Fujisan dagegen im Wettbewerb zu sehen, in der Romanverfilmung The Little House (Chiisai ouchi), die an die goldenen Jahre von Shochiku erinnert.

Geschichtsbewusstes Update

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Der Klassizist Yôji Yamada ist bereits seit den 1950er Jahren für das renommierte Filmstudio tätig, zunächst als Assistent, später dann als Regisseur. Seine Verbeugung vor Shomingeki bildet das Herz seines neuen Films, eines gefühlsbetonten Liebesmelodrams, das konsequenterweise in der Vergangenheit, zur Zeit des Zweiten Weltkriegs, angesiedelt ist. Nimmt man es genau, porträtiert The Little House eigentlich das falsche Milieu. Denn statt den einfachen Leuten steht hier eine wohlhabende Familie im Mittelpunkt, die sich zumindest um ihre Finanzen keine Sorgen machen muss. Die Geschichte von Tokiko (Takaku Matsu), der Frau eines Spielzeugfabrikanten, die dem schwindsüchtigen Schöngeist Shoji (Hidetaka Yoshioka) verfällt, spielt jedoch auf vertraute Weise mit dem Motiv einer unerfüllten Liebe. Angesiedelt ist diese sich langsam zuspitzende Leidensgeschichte fast ausschließlich in einem Haus mit rotem Giebeldach, dessen kulissenhafte Umgebung in ein künstliches Studiolicht getaucht ist.

Doch auch formal greift Yamada auf die Vergangenheit zurück, filmt Szenen häufig mit langen Brennweiten durch Türrahmen hindurch, unterteilt die Erzählung mit fragmentarischen Landschaftsaufnahmen und lässt die Figuren direkt in die Kamera sprechen. All das hat man schon im letzten Film des Regisseurs, dem Ozu-Remake Tokyo Family (Tôkyô kazoku, 2013), sehen können, der wie The Little House jedoch keine bloße Mimikry sein will, sondern ein geschichtsbewusstes Update traditioneller japanischer Ästhetik. Interessant ist dabei, dass Yamada ausgerechnet den mit den Zensurbestimmungen zusammenhängenden, sehr subtilen Umgang mit Erotik von damals übernimmt. So findet der Sex hinter verschlossenen Türen statt, und das homoerotische Begehren Tokikos wird lediglich mit einer burschikos gekleideten Bekannten und einem dezent nach oben gezogenen Kimono angedeutet.

Eine paradoxe Ideologie

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Das moderne Bewusstsein des Films kommt denn auch überwiegend aus der Gegenwart. Während sich der Haupterzählstrang aus den Aufzeichnungen des Hausmädchens Taki (Haru Kuroki) zusammensetzt, zeigt die Rahmenhandlung sie als alte Frau, die, angetrieben von ihrem charmanten Großneffen Takeshi (Satoshi Tsumabuki), ihre Erinnerungen aufschreibt. Gerade in der Vergangenheit ist Taki eine seltsame Figur. Immerhin ist sie die Einzige, deren Begehren in diesem Gefühlschaos nicht thematisiert wird. Mit ihren roten Bäckchen und dem scheuen Blick wirkt sie wie ein stummer Geist, der um das Geschehen herumkreist und dabei nur selten eingreift. Aktiver ist dagegen Takeshi, der die Aufzeichnungen immer wieder kritisch hinterfragt. Yamada setzt dabei nicht nur auf einen Generationenkonflikt, er schickt die emotional verklärten Erinnerungen einer Frau auch mit dem auf historischen Fakten beruhenden Wissen eines Mannes in eine Arena. Wenn sich Taki etwa darüber erfreut, dass nach der Eroberung Nankings das Einkaufsviertel Ginza voll mit roten Luftballons war, weist sie der Großenkel zurecht, dass da nicht weniger als ein Massaker gefeiert wurde.

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Die unrühmliche Vergangenheit des einst faschistischen Japan taucht jedoch nicht nur in solchen Randnotizen auf. Auch im Zentrum des Films tritt ein kranker, an den damaligen Ausnahmezustand angepasster Kreislauf von Leben und Tod zutage. Einerseits werden im Namen des Krieges laufend junge Männer geopfert, andererseits sollen die verbleibenden Ehepaare möglichst viele neue Soldaten produzieren. Sehr pointiert drückt sich diese paradoxe Ideologie in der Figur Shojis aus, der erst von seinem Umfeld auf sehr penetrante Weise zum Heiraten und Fortpflanzen gedrängt wird, letztlich aber dann doch aufs Schlachtfeld ziehen muss. Auf tragische Weise kollidieren da die Pläne, die ein Land mit seinen Bewohnern gemacht hat. Und zurück bleibt die weinende Frau – eine Ikone des frühen Shochiku-Kinos.

Trailer zu „The Little House“


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