The Limits of Control

Treiben auf träger Flut: Der neue Film von Jim Jarmusch ist ein intellektuelles Experiment, das dem Zuschauer zu viel zumutet und sich selbst zu viel zutraut.

Limits of Control

Es ist nicht klar, ob er betet, meditiert oder Yoga-Gymnastik macht. Jedenfalls kommuniziert der „Lone Man“ (Isaach De Bankolé) aus Jim Jarmuschs jüngstem Film Limits Of Control immer wieder mit einer entfernten Sphäre, die außerhalb seines Handlungsraums, außerhalb des Films, ja auch außerhalb des Kinosaals zu liegen scheint. So taucht der Protagonist zwar in beinahe jeder Einstellung des Films auf oder der Zuschauer nimmt seinen Blickpunkt ein, aber trotz dieser Nähe, die der Film zu seinem Protagonisten bewahrt, bleibt der ohnehin nicht sehr kommunikationsfreudige „Lone Man“ unnahbar und gleitet wie ferngesteuert durch die verstreichenden Kinominuten. Als Gedankenspiel geht dieses Experiment auf, als Film wird es zu einem anstrengenden Unterfangen. Dennoch ist es genau so beabsichtigt von Regisseur Jim Jarmusch, der seinen Film erstmals ohne durchstrukturiertes Drehbuch realisierte und mit dem bekannten Rimbaud-Zitat aus dem „Bateau Ivre“ beginnen lässt: „Hinab glitt ich die Flüsse, von träger Flut getragen / da fühlte ich: es zogen die Treidler mich nicht mehr.“

Limits of Control

Auch der „Lone Man“, von dem Jarmusch erzählen will, gleitet durch den trägen Fluss des Films, der von allem beraubt wurde, was man von einem solchen Film üblicherweise erwartet. Denn der Regisseur etabliert ihn zunächst im klassischen Gangstermilieu: Da gibt es eine düstere Hauptfigur, die sich auf einer Flughafentoilette die Hände wäscht, da gibt es Männer in Anzügen und mit Sonnenbrillen auf der Nase, und da gibt es einen Auftrag: „Geh’ zu den Türmen, geh’ in das Café und halte nach der Violine Ausschau.“ Die Figuren, die Jarmusch nach und nach einführt, entsprechen klassischen Schablonen: eine Blondine (Tilda Swinton), eine Nackte (Paz de la Huerta), ein Amerikaner (Bill Murray). So nimmt der gutgläubige Zuschauer anfangs noch den Auftrag mit der Violine ernst und sucht gespannt nach Indizien, die auf der Reise des „Lone Man“ von Madrid in die spanische Einöde von Bedeutung sein könnten. Er versucht die mit Kugelschreiber auf kleine Papierzettel geschriebenen Zahlencodes und kryptische Landkarten zu entziffern und ärgert sich, wenn der Protagonist sie nonchalant mit einem Schluck Espresso herunterspült oder anzündet und beim Verbrennen zusieht.

Limits of Control

Doch dann wird allmählich klar, dass Jarmuschs Limits of Control nicht so funktionieren will, wie wir es gewohnt sind. Die Nackte fasst bei ihrer Begegnung mit dem Protagonisten trocken zusammen: „No guns, no mobiles, no sex.“ Und in der Tat fällt kein einziger Schuss in diesem Film. Kein Duell, nur impotente Revolver. Anstelle von heißen Fährten, die zu einem Ziel führen könnten, gibt es unlesbare Codes. Anstelle von Handlungen, die logische Konsequenzen nach sich ziehen, gibt es „Imagination“. Und anstelle eines sich entwickelnden Konflikts, den es aufzulösen gilt, besteht von Anfang an ein Konflikt mit Namen Welt. Und der wird von Jarmuschs Figuren im Laufe des Films auf ähnliche Weise wie in Coffee and Cigarettes (2003) zerredet. Nur das hier natürlich nicht mehr geraucht wird.

Man zitiert Rimbaud, Hitchcock und Burroughs, spricht über das Kino, die Kunst, Moleküle und das Universum, das weder Grenzen noch ein Zentrum hat. So wird der Film vor allem zu einer Aneinanderreihung von Begegnungen mit namhaften Schauspielern (darunter John Hurt, Gael García Bernal, Hiam Abbass), die scheinbar ein und das gleiche Gespräch deklinieren. Diese um sich selbst kreisende Struktur des Films wird im Zusammenspiel mit der psychedelischen E-Gitarrenmusik der japanischen Band Boris und den endlosen Zugfahrten, auf denen der begnadete Kameramann Christopher Doyle die spanische Steppenlandschaft und ihre kraftvollen Farben einfängt, zu einer Hypnose, die schließlich den Zuschauer selbst zum Gleiten auf jener trägen Flut einlädt, die im Rimbaud-Zitat auftaucht.

Limits of Control

Mit der Blondine spricht der Protagonist über Filme, und es heißt hier: „Die besten Filme sind solche, an die man sich wie an einen Traum erinnert, von dem man nicht weiß, ob man ihn wirklich geträumt hat.“ Für eine Minderheit, die Interesse an Jarmuschs intellektuellem Experiment findet, mag Limits of Control nach dieser Formel ein „besserer“ Film sein. Für alle anderen bleibt der Film eine Irrfahrt in die spanische Provinz mit einer Schlüsselfrage: „Entschuldigung, Sprechen Sie spanisch?“

Mehr zu „The Limits of Control“

Kommentare


yasi

Aufallen hätte beim Wahrnehmen des Filmes müssen, dass Lone Man sich nicht mit der "Blondine" unterhält, dass auch im Film nichts zerredet wird...vielmehr wird der Fokus eben auf die Wahrnehmung gelegt, die verschiedenen Ebenen einer subjektiven Aufnahme von Situationen.


Philip Neufeldt

Der Film ist GENIAL!!!! Atemberaubende Bilder, photographie wie ich sie selten gesehen habe! Jede Scene ein meister Werk und zig Anspielungen unter anderen auf Tarkovski (der Vogel der mit seinen Flügel den Sand berührt).. und für mich geht es in dem Film darum das Kunst in all ihren Formen, representiert durch die verschiedenen Personen dier auf seiner Reise trifft, maler, musiker.. sich gegen die Macht der USA, der Wirtschaft (representiert durch Bill Murray) wehrt und sogar gewinnen kann durch imagination!) Mit nur einen Satz killt der "Lone man" mister Murray, no need for action : " I used my imagination". Wow. Schaut euch den Film an! Einfach Grandios!!!!


Subliminal_Kid

Bin ich eigentlich der einzige den der Film an 'Professione: Reporter' von Antonioni erinnert?


Dr. Andreas Jacke

Nein, ich kann diesen Bezug zu Antonios Film auch sehen.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.