The Light Between Oceans

Pathos und Phantomschmerz: Derek Cianfrance setzt Michael Fassbender und Alicia Vikander auf einer Leuchtturminsel aus und reanimiert das tot geglaubte Genre des Liebesfilms.

Vier Jahre Westfront haben Tom Sherbourne (Michael Fassbender) gebrochen. Das Trommelfeuer der Artillerie hat die Persönlichkeit aus dem Gesicht des jungen Mannes gebrannt. Kaum eine Regung dringt an die Oberfläche, die er den Menschen in seiner neuen Heimatstadt offenbart. Nun soll Tom als Leuchtturmwärter auf einer Insel vor der australischen Küste arbeiten. „Ein Leben“ ist alles, wonach er noch strebt. Ein Leben, das auf seinem Gesicht nicht mehr erkennbar ist. Ein Leben, das The Light Between Oceans in wiederholten Nahaufnahmen sucht. Mit einem Lächeln bricht es an die Oberfläche. Die junge Isabel (Alicia Vikander) ringt es Tom ab.

Spotlight der Abendsonne

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Derek Cianfrance inszeniert den Beginn dieser Liebesbeziehung als Wiedergeburt Toms, verschreibt sich ganz der Naivität, mit der sich Isabel Tom nähert. Eine Hochzeit beschließt sie schon bei ihrem ersten Treffen. Nach Monaten des Briefwechsels willigt auch der Leuchtturmwärter ein. Isabel zieht in das kleine Traumhaus auf der Insel. Im Spotlight des weißen Gardinenlichts wird jedes Lächeln, jeder Kuss, jede Träne von Adam Arpakaws Kamera aufgesaugt. Noch immer hängt sie an den Gesichtern der Protagonisten. Das Pathos dominiert die Erzählung so sehr, dass man die lange, lückenlose Exposition als Möglichkeit einer wahren Liebe wahrnimmt und gleichzeitig den Punkt antizipiert, an dem das Abendlicht so hell in das Wohnhaus strahlt, dass der Film gänzlich im Feuer der Emphase verbrennt.

Genre-Fossil

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Mitverantwortlich dafür zeichnet die strikt lineare Struktur des Films, die M.L. Stedmans Roman entlehnt ist. Dem melodramatischen Gestus der Vorlage folgend, entwickelt Cianfrance eine Geradlinigkeit, die fremde Genreversätze aus Komödie und Thriller konsequent ausklammert. The Light Between Oceans ist ein Fossil des im Mainstream quasi ausgestorbenen Liebesfilms, der, als Abbild einer Beziehung in ihrer Gesamtheit, von der Romantic Comedy und dem auf die Trennung fokussierten Beziehungsdrama aus seinem Lebensraum verdrängt wurde. Insofern unterscheidet er sich auch deutlich vom Verwandten Blue Valentine, der die Scherben einer gescheiterten Beziehung als Vorher-Nachher-Bild abbildete. Die Intensität, mit der sich die Darsteller in die Beziehung werfen, ist ansonsten das einzige Merkmal, das aus dieser Vererbungslinie geblieben ist. Strukturell steht der Film Cianfrances The Place Beyond the Pines deutlich näher.

Wehklagen der Insel

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The Light Between Oceans wendet den gleichen Determinismus an, der bereits im Schuld-Triptychon um einen kleinkriminellen Motorrad-Stuntmen und einen aufrichtigen Polizisten angelegt war. Vom Kinderwunsch des Paares ausgehend, rollt die Beziehung wie auf Schienen auf den Schicksalsschlag zu. Zwei Fehlgeburten, die Isabel in kurzer Folge erleidet, zerstören den Traum einer Familie. Zwei weiße Grabkreuze zeugen vom Ende der Unschuld, das der Film ansonsten kaum durch einen visuellen Einschnitt markiert. Auf der Tonspur dringt das Leid in den Alltag des jungen Paares und dominiert, in Form von Sturm- und Meeresrauschen, die malerische Kulisse der Küstenlandschaft. Die Gischt, die der Sturm aufwallt, legt sich wie ein feuchtes Tuch um die Leuchtturminsel, die Tom und Isabel langsam die Luft abschnüren. Der Wind zerreißt die Klaviertöne und das Schluchzen der jungen Mutter, die schließlich ins Dünengras sinkt, um in dessen Umarmung das permanente Rauschen der Insel verstummen zu lassen.

Solange The Light Between Oceans zwischen den pathetischen Spitzen der Beziehung und dem Elend verweilt, der wie ein Phantomschmerz im Hintergrund der Wahrnehmung lauert, entwickelt der Film eine faszinierende Präsenz, die wie der Schatten des großen Krieges über den Figuren schwebt.

Kongruente Dreieckserzählung

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Als das Meer ein Findelkind anspült, verlagert sich die Polarität von der formalen auf die narrative Ebene. Die ohnehin recht durchschaubare Handlung formt sich zu einer Dreiecksbeziehung der Schuld, das den von Reue geplagten Tom zwischen seine Frau und die leibliche Mutter des Findelkindes (Rachel Weisz) stellt. Der dramaturgische Fast-Stillstand, den Cianfrance zu einem spannendem Kontrast der Stilmittel nutzt, weicht einem deckungsgleichen Erzählstil, den der Film in routinierter Anspruchslosigkeit ausformuliert. Das Gesicht des Kriegsversehrten wird wieder zur Maske. Der Sturm flaut ab. Das weiße Licht erlischt. Es bleibt das Leben – gebrochen im Trommelfeuer des Pathos.

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Kommentare


Johannes Diehl

Wird es noch weitere Kritiken zu Venedig-Wettbewerbsbeiträgen geben? Ich habe Berichterstattung diesbezüglich bislang schmerzlich vermisst!


Michael

Lieber Johannes, leider ist in diesem Jahr niemand aus unserer Redaktion in Venedig. "The Light Between Oceans" konnten wir nur besprechen, weil der bereits morgen im Kino startet. Zumindest von den Wettbewerbsbeiträgen "Frantz" und Arrival" wird es aber in absehbarer Zeit Kritiken geben.






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