The Legend of Kaspar Hauser

Fliegende Untertassen, Vincent Gallo in gleich zwei Rollen und ein weiblicher Kaspar Hauser: Davide Manulis Film ist ein UFO.

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Am Inselstrand wird ein Körper angeschwemmt. Ein Körper, dem man erst nach dem sechsten oder siebten Hinschauen ein Geschlecht zuordnen kann. Es handelt sich um Kaspar Hauser, wie ein Tattoo auf seiner Brust verrät. Der lediglich mit einer Jogginghose, einem Paar Turnschuhen und riesigen Kopfhörern bekleidete Körper scheint leblos zu sein. Der Sheriff (Vincent Gallo) zieht ihn aus dem Wasser und sperrt Kaspar (Silvia Calderoni) in einen Zwinger. Dort beginnt der Leib plötzlich heftig zu zucken, als sei ein innerer Motor angesprungen. Dieser Motor heißt Musik. Das Kopfhörer-Kabel mag unangeschlossen in der Luft herumbaumeln, doch Kaspar hat den ultracoolen Elektro-Soundtrack von Vitalic internalisiert, kann nicht aufhören, sich dazu zu bewegen. Es ist der Rhythmus seines Lebens – und sein in Tanzen übergehendes Zucken, die Verselbstständigung eines unkontrollierbaren Körpers, ist eine Art Gegenstück zu Denis Lavants brillanter Performance als streng disziplinierter Körper in Claire Denis’ Der Fremdenlegionär (Beau Travail, 1999), der urplötzlich aus seiner kontinuierlichen Selbsthemmung ausbricht.

Wenn der notorisch überkandidelte Vincent Gallo gleich zwei Rollen spielt, ständig „Okay“, „Alright“, „Come on“, „Yeah“ vor sich hin brabbelt und dabei noch nicht einmal die seltsamste Figur darstellt, sagt das einiges über The Legend of Kaspar Hauser (La leggenda di Kaspar Hauser, 2012). Ganz am Anfang sehen wir Gallo komplett in Weiß gehüllt in einer Wüstenlandschaft stehen und eine Art Fluglotsen-Tanz zelebrieren, bis folgerichtig (betont billig animierte) UFOs erscheinen.

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Dieser Film ist quasi selbst ein UFO, ein unidentifizierbares Film-Objekt. Wenn Kaspar ein schwarzes Kätzchen mit Waschpulver bestreut und mit ihm tanzt, wenn ihm Schaum aus dem Mund läuft, während er telekinetische Kräfte bemüht, oder wenn er mit einer Eselsmaske ausgestattet zu seiner eigenen Beerdigung gefahren wird, danach aber noch eine posthume Elektro-Party feiert, dann muss man nicht versuchen, solche Szenen zu verstehen oder gar die historische Kaspar-Hauser-Legende darin wiederzufinden, sondern kann einfach den extrem hochgeschraubten Weirdness-Factor genießen.

Genau das Gegenteil unternehmen allerdings die Insulaner mit Kaspar Hauser. Je rätselhafter sein Verhalten, je kryptischer seine Aussagen, desto mehr suchen sie nach rationalen Erklärungen. Die Gräfin der Insel, die Kaspar das ihm entgegenschlagende Interesse neidet und ihn zunehmend als Konkurrenz betrachtet, lässt ihn zum Scharlatan erklären, der die Herrschaft an sich reißen wolle. Ein Priester versucht sich gar an einer Exegese Kaspar Hausers.

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Einzig an dieser Stelle schlägt der Film einmal um von höherem Unsinn zu einer ernst zu nehmenden Positionierung. Die Kirche, so erklärt der Priester, habe „ein neues Leben erfunden“, dabei existiere das Leben „nur im Hier und Jetzt“, im Diesseits. In Kaspar sieht er einen Heiligen, der den „Schlaf der Gerechten“ geschlafen hat und nun als Messias zurückgekehrt ist. Wie in Teorema (1968) von Manulis Landsmann Pasolini gipfelt die Religionskritik von The Legend of Kaspar Hauser in der Feststellung, dass diese Welt, die vorgibt, auf den Erlöser zu warten, tatsächlich gar nicht bereit ist, ihn zu empfangen. Wie zuvor Jesus, so wird auch Kaspar benutzt, als Kuriosität ausgestellt und missverstanden, bis man ihn schließlich gar tötet.

Diese Insel ist kein Ort der Utopie, sondern der bedrückenden Realität menschlicher Schwächen – und damit denkbar ungeeignet für den unschuldigen, gutmütigen Traumtänzer Kaspar, der nichts weiter will, als seinen androgynen Körper zu Elektrobeats zu bewegen. Der Sheriff und der Priester als moralische Autoritäten sind abhängig vom Heroin des Pushers, der – im Gegensatz zum ganz in Schwarz gekleideten Priester („I am darkness“) – ausschließlich weiße Sachen trägt. Und die intrigante, herrische Gräfin setzt einen verkrüppelten, niederträchtigen Lakaien ebenso wie den Pusher für die Ausführung ihrer hinterhältigen Pläne ein. Außer einem simpel gestrickten Eselführer und einem magersüchtigen Model meint es lediglich der Sheriff gut mit Kaspar und versucht ihm das (altehrwürdige) „DJ-Handwerk“ beizubringen.

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Diese kontrastreiche Rolle des exzentrischen Sheriffs, die Western-Insignien wie eine raue maskuline Stimme und einen Südstaaten-Akzent mit einer blonden Langhaarperücke und einer Karohose verbindet, ist dem enfant terrible Vincent Gallo wie auf den Leib geschneidert. Im ebenfalls von Gallo gespielten Pusher spiegeln sich die Ticks des Sheriffs wider – und wenn Kaspar, der das Sprechen erst langsam erlernen muss, das ständige „Yeah“ seines Lehrmeisters imitiert und beharrlich wiederholt, setzen sich dessen halb kauzige, halb nervtötende Eigenarten auch noch in einer dritten Person fort.

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Getragen wird der Film zu großen Teilen von seinem Soundtrack, dem in ausgedehnten Set Pieces gar die Hauptrolle zukommt. An anderen Stellen aber werden die wummernden Bässe jäh unterbrochen, als gelte es die Autonomie des Bildes unter Beweis zu stellen. Ähnlich abrupt sind viele Schnitte in The Legend of Kaspar Hauser – ganz plötzlich schieben sich Schwarzpausen und Zwischentitel zwischen zwei Sequenzen, wie man es aus Stummfilmen kennt, an die Manulis Werk mit seinen schwarzweißen Bildern visuell ohnehin erinnert. Diese zäsurartige Form der Montage findet sich auch am Ende, wenn sich der Kreis schließt und auf einmal die UFOs vom Anfang wieder auftauchen. Hier wird der Film zirkulär – zirkulär wie ein UFO. 

Trailer zu „The Legend of Kaspar Hauser“


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