The Last Time I Saw Macau

Alles andere als ein dokumentarisches Werk. 

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Mit Genre-Bezeichnungen kommt man auf Filmfestivals nicht sehr weit. Fast alles ist ein Drama. Weil aber das Kategorisieren dennoch Spaß macht und auch sinnvoll sein kann, schlage ich als zusätzliche Unterscheidung die zwischen synthetischen und analytischen Filmen vor. Grob gesagt setzen erstere auf das unauffällige Zusammenspiel unterschiedlicher Elemente, die anderen überlassen das Zusammenfügen der Elemente dem Zuschauer. In Reinform treten beide selten auf. Die synthetischen Filme haben auf den ersten Blick oft eine direktere emotionale Wucht, verhindern ja noch lange nicht die Analyse, stellen diese nur nicht ins Zentrum. Analytische Filme hingegen forcieren durch querstehende, holprige, ungewohnte Konstellationen die Reflexion, ohne die erst gar kein Zugang möglich ist. Mir ist das durchaus sympathisch. Analytisch muss ja auch nicht immer gleich einen zynischen Haneke auf den Plan rufen. Es kann heißen, eine Form zu suchen, die letztlich umso adäquater ist, die mich jedenfalls in ein aktives Verhältnis zum Objekt, zur Location, zur Welt versetzt. The Last Time I Saw Macau (A última vez que vi Macau) ist so ein Fall. Ein dreister noch dazu.

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Wenn ich Nachwuchsregisseuren, die sich im Festivalzirkus etablieren möchten, zum Thema ökonomisches Erzählen ein Beispiel empfehlen dürfte, dann wäre es dieser Film. João Pedro Rodrigues (To Die Like a Man, Morrer Como Um Homem, 2009) hat ihn zusammen mit João Rui Guerra da Mata und aus dessen Perspektive realisiert. Es ist ein alles andere als dokumentarisches Werk, das aber durch die Montage von größtenteils uninszenierten Aufnahmen einen kompletten Thriller abliefert. Wenn man ihn im Nachhinein noch einmal im Gedächtnis zusammensetzt, dann könnte man sich darüber empören, dass einem das als Film verkauft wird, oder es bewundern. Guerra da Mata spricht den Off-Kommentar und erzählt von seiner (angeblichen) Reise nach Macao, die er auf dringende Bitte seiner Freundin Candy unternimmt. Sie ist in Gefahr und er nun auch. The Last Time I Saw Macau erzählt in der Folge von einigen verpassten Begegnungen, von der lauernden Gefahr, von Einschüchterungsversuchen, schließlich von der Entführung Candys. Zwischendrin deutet sich auch schon eine metaphysische Ebene an, und am Schluss entführt uns der Film (vielleicht wie Candy) auf eine Insel und in eine parallele Welt. Und all das mit scheinbar aus Macao stammenden Stadtbildern, mit oft menschenleeren Aufnahmen, die immer wieder als Illustrationen der Tonspur markiert werden, die aber nie für sich selbst stehen dürfen, nie allein ein Narrativ bilden. Schön daran ist: Was wie eine theoretische Angelegenheit klingt, entfaltet eine auch sinnliche Wirkung. Darüber hinaus sind die Filmemacher nie allzu strikt, wir sehen im On durchaus auch einmal eine Figur, die identifiziert wird, die Bilder decken sich nie eins zu eins mit der subjektiven Perspektive, die der Kommentar einnimmt, und eben dieser bietet weitaus mehr als eine auf ihre Funktion reduzierte Krimi-Figur. Nebenbei erfahren wir einiges über den (imaginären) Ort, die Sonderverwaltungszone und ehemalige portugiesische Kolonie Macao und noch mehr vielleicht über unsere eigenen Vorstellungen, die wir da unablässig auf die unterdeterminierten Bilder projizieren.

Trailer zu „The Last Time I Saw Macau“


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