Der letzte der Ungerechten

Sancho Panza in Theresienstadt.

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Claude Lanzmann hat mit seinen Dokumentarfilmen maßgeblich dazu beigetragen, gegen das Vergessen anzukämpfen. Ungemein präzise hat er sich den Verbrechen der Nazis an den Juden, aber auch dem jüdischen Widerstand im „Dritten Reich“ angenommen. Sein bekanntester Film Shoah (1985) rekonstruiert etwa den Holocaust in erschreckender Ausführlichkeit. Lanzmanns Vorgehensweise bestand darin, kein Archivmaterial zu verwenden, sondern die Schauplätze des systematischen Tötens in der Gegenwart aufzusuchen und sich mit Tätern und Opfern zu unterhalten. Dadurch entstehen Bilder, für die Lanzmann zwar das Rohmaterial liefert, die aber von der Vorstellungskraft des Zuschauers vervollständigt werden müssen.

Man könnte meinen, dass heute und insbesondere in Deutschland schon alle Geschichten aus dem „Dritten Reich“ erzählt wurden. Lanzmann gelingt es mit Der letzte der Ungerechten (Le dernier des injustes) jedoch, einen neuen Bereich zu erschließen: die Rolle eines Juden, der sich mit den Nazis arrangiert hat. Dem Film liegt ein über elfstündiges Interview zugrunde, das der Regisseur 1975 mit Benjamin Murmelstein in Rom führte. Der österreichische Rabbiner ist eine durchaus kontroverse Figur und besonders deshalb interessant, weil er sich mit Klugheit, Berechnung und „Abenteuerlust“ eine Position zwischen Tätern und Opfern erschaffen hat. Als Mitglied des „Judenrates“ musste er sich mit niemand Geringerem als Adolf Eichmann, der die Vertreibung und Deportation der Juden organisierte, gutstellen und vermittelte im Ghetto Theresienstadt zwischen den Nazis und ihren Gefangenen. Das Interview vollzieht einen Werdegang nach, der davon geprägt ist, es sich mit den Unterdrückern nicht zu verscherzen, aber eben auch bei den eigenen Leuten Schadensbegrenzung zu betreiben. So unterstützte Murmelstein etwa die Entstehung eines geschmacklosen Propagandafilms, in dem das Leben im Ghetto als luxuriöser Urlaub inszeniert wurde. Sein Argument dafür: „Solange sie uns herzeigten, konnten sie uns nicht umbringen“.

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Im doppelten Sinn betreibt Lanzmann mit seinem neuen Film Vergangenheitsbewältigung. Zum einen, weil er die verschiedenen Entwicklungsstadien früher Konzentrationslager nachzeichnet, zum anderen, weil er dafür auf selbst gedrehte Aufnahmen zurückgreift, deren Entstehung schon weit zurückliegt. Es wirkt so, als müsse Lanzmann sein Material mitunter liegen lassen, immer wieder sichten und neu ordnen. Bereits in Sobibor, 14. Oktober 1943, 16 Uhr (Sobibór, 14 octobre 1943, 16 heures, 2001) und Der Karski-Bericht (Le rapport Karski, 2010) verwendete der Regisseur Interviews, die schon vor mehreren Jahrzenten gedreht wurden. Vielleicht ist diese zeitliche Distanz notwendig, um Altes besser bewerten zu können. Was einst ein Zeugnis über vergangene Ereignisse war, ist mittlerweile selbst zum historischen Dokument geworden.

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Im Fall von Der letzte der Ungerechten bindet Lanzmann die alten Aufnahmen in neue ein. Die Funktion der aktuell gedrehten Szenen besteht vor allem darin, das Gesagte in einen geschichtlichen Kontext zu setzen und an den Orten der Verschleppung, der Zerstörung und des Mordens die Vergangenheit wieder aufleben zu lassen. So besucht Lanzmann etwa Nisko, den Ort des ersten „Judenreservates“, Bahnhöfe, durch die Züge mit deportierten Gefangenen fuhren, und natürlich Theresienstadt, wo es Murmelstein als einzigem „Judenältesten“ gelang, den Zweiten Weltkrieg zu überleben. Dabei greift Lanzmann auf konkrete Bilder wie Fotografien und Zeichnungen von Inhaftierten zurück, versucht sich aber auch an abstrakten Rekonstruktionen. So wichtig diese Passagen mitunter sind, um die Ausführungen Murmelsteins zu verstehen, fallen sie qualitativ – gerade weil sie so viel Raum einnehmen – deutlich hinter dem Interview zurück. Wenn Lanzmann mit einem Stapel Papier durch den Innenhof von Theresienstadt wandert und die Hinrichtungen von damals beschreibt, ist das zweifellos interessant. Gleichzeitig bekommt man aber das Gefühl, als verlasse sich der Regisseur mitunter zu sehr auf seine Präsenz vor der Kamera. Lanzmann war schon immer wichtiger Bestandteil seiner Filme. Jetzt aber, in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt, wirkt es manchmal so, als sehe er sich nicht mehr als Informationsvermittler, sondern als Marke.

Während des fesselnden Interviews beweist der Regisseur dagegen, dass er sich bei seiner Königsdisziplin befindet, und das, obwohl lange Zeit kaum Fragen von ihm kommen. Murmelstein ist aber auch ein Gesprächspartner, dem man gerne beim Reden zuhört. Mit bildhafter Sprache kramt er in der Erinnerung und gibt detaillierte Einblicke in die Entwicklung von der jüdischen „Auswanderung“ bis zu den ersten Konzentrationslagern sowie seine ambivalente Beziehung zu Eichmann. Murmelstein, der seine Sätze häufig mit „Schauen Sie“ beginnt und wichtige Aussagen gerne wiederholt, greift dabei aber immer wieder zu Bildern und Vergleichen, um seine Situation zu beschreiben. Einmal fragt Lanzmann nach einer literarischen Figur, mit der sich sein Gesprächspartner vergleichen würde. Der Interviewte wählt daraufhin Sancho Panza aus Don Quijote, der wie er mit Ordnungstalent und Pragmatismus ausgestattet ist. Das brauchte man auch, um sich nicht von der Angst lähmen zu lassen. Denn Murmelstein hatte zwar eine privilegierte Position, Jude war er aber immer noch.

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Das Interview, das nicht in streng chronologischer Reihenfolge gezeigt wird, folgt einer sich langsam steigernden Spannungskurve. Zunächst redet sich Murmelstein warm, dann, wild gestikulierend, zunehmend in Rage. Lanzmann ist lange Zeit ungewöhnlich still, treibt seinen Gesprächspartner aber später in gewohnt süffisanter Art mit provokativen Fragen in die Enge. Hier nimmt schließlich nicht nur die Intensität des Interviews zu, der Schlagabtausch zweier höflicher, aber sich nur bedingt freundlich gesinnter Männer bekommt auch eine humoristische Note. Und plötzlich werden auch die Äußerungen, die im Vorwort noch als für die Nachwelt unverzichtbare Wahrheit angepriesen wurden, wieder in Frage gestellt. Man kann sich nie ganz sicher sein, ob der „Letzte der Ungerechten“, wie Murmelstein sich bezeichnet, die Vergangenheit vielleicht nicht doch etwas beschönigt, um in einem besseren Licht dazustehen. Diese Gefahr besteht bei Lanzmann, der sich in seinen Filmen auf persönliche Sichtweisen konzentriert und den Menschen als lebendiges Archiv begreift, aber letztlich immer. In dieser Hinsicht ergibt auch das neu gedrehte Material Sinn, weil es einen Erlebnisbericht mit historischen Fakten ergänzt und damit zwei Wahrheiten einander gegenüberstellt.

Trailer zu „Der letzte der Ungerechten“


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