The Last Face

So daneben wie die Lachshäppchen auf einer Spendengala. Sean Penn ist zu wünschen, dass man sich diese zweistündige Panne nicht merkt.

The Last Face 01

Die Augen sehen müde aus, sie sind blutunterlaufen; das kommt meistens vom Weinen. Schwere Ringe hängen unter ihnen, manchmal fallen sie zu und geben Auskunft über die harte Arbeit, die die Menschen leisten, denen diese erschöpften Gesichter gehören und die sich zu allem Überfluss auch noch verlieben müssen. Wie misslungen dieser Film ist, wie absolut er auf jeder seiner Ebenen danebengeht, lässt sich bis in die Schminke hinein verfolgen: Es sind keine Ärzte ohne Grenzen, die bei Sean Penn im Südsudan die Gräuel der Welt erleben und in einem Erschütterung signalisierenden Wechsel aus Schärfe und Unschärfe deren Leidtragende verarzten, es sind Clowns. Den erschütterten Ausdruck hat man ihnen ins Gesicht gekleistert, als hätte man im Maskenraum das Flüchtlingslager mit der Manege verwechselt. The Last Face ist derart desaströs, dass man Sean Penn das offensichtlich mangelnde Vertrauen in seine Schauspieler kaum noch anlasten kann und erst recht nicht will.

Es ward ein Kind geboren

The Last Face 03

Es beginnt mit einem Voice-over: Die Ärztin Wren (Charlize Theron) – später hohes Tier in einer internationalen Hilfsorganisation – flüstert schrecklich leise irgendetwas über ihren Vater, offensichtlich Vorbild aller Ärzte ohne Grenzen von heute; sie tritt ein schweres Erbe an. Es ist ihre Perspektive, für die sich der Film interessiert. Ihre Stimme gibt die Bewegung vor. Es ist immer ihr Gesicht, das wir sehen, ihr Ausdruck, der ihr aus dem Gesicht schwindet, wenn sich Schreckliches vollzieht. Erst sehen wir sie, dann sehen wir Leichenberge, Massaker, ausgeweidete Kinder. Sean Penn gibt sich drastisch in dem, was er zeigt; Hans Zimmer gibt sich bescheiden bei dem, was er währenddessen klimpern lässt. Es gibt genügend Szenen, in denen man diesem Film wegen seiner Monoperspektivität die Ohren langziehen könnte. Es gibt genügend Situationen, in denen Sean Penn Körper aufschlitzen lässt, um der Liebesgeschichte zwischen Wren und dem Protoarzt Miguel (Javier Bardem) jenen unheilvollen Unterbau zu garantieren, ohne den sie vermutlich so interessant wäre wie das Menü, das man am Ende zur feierlichen Spendengala serviert. Einmal müssen beide mitten im Wald notoperieren – ein Kaiserschnitt. Die Mutter stirbt, das Kind überlebt. Sie blicken einander an, der Säugling atmet, sie lächeln – sie haben ein Kind geboren.

Es geht alles, wenn man will

The Last Face 04

Sie ist blond, hat schöne Haare; er ist unerschrocken, bärtig, kann gut mit Kindern – sie passen noch nicht einmal zusammen. Sie arbeitet mit europäischen Schulklassen, erklärt ihnen, was falsch läuft in der Welt, sie legt Steine in eine Schale, lässt Sand darüber rieseln, schüttet Wasser darauf. Es geht alles, wenn man will! – die Schüler sagen geschlossen: „Aha!“ Er sitzt im Flüchtlingslager, spielt Ball mit einem kleinen Jungen (mit einem völlig deformierten Ball freilich, der gar nicht mehr rollen will), sägt Verletzten die Beine ab, während das Lager unter Beschuss gerät. Nebenbei lässt Penn seinen Sohn vor die Linse treten; dieser spielt einen Hubschrauberpiloten, der in einer Szene zu Beginn seine altruistische Freude darüber äußern darf, dass eine sowohl vaginal als auch anal vergewaltigte junge Frau trotz allem am sicherheitsstiftenden Lagerfeuer noch tanzen kann. Gastauftritte gibt es außerdem von Jean Reno, der auch fleißig mitamputiert, und von Adèle Exarchopoulos, die irgendwann mit einer HIV-Diagnose um die Ecke kommt und den im Drehbuch offensichtlich als Playboy angelegten Miguel in die Bredouille bringen soll. Nichts passt zusammen in diesem Film; höchstens noch die Großaufnahme eines Marienkäfers mit dem leidenschaftslosen Beischlaf, den wir im Off vermuten dürfen. Dass Sean Penn sein wohlmeinendes Projekt mit der gleichen Vehemenz um die Ohren fliegt, mit der er in Afrika bomben zünden lässt, liegt wahrscheinlich an allererster Stelle auch daran, dass er seine stattlichen Protagonisten nicht nur zum Amputieren in die Savanne schickt, sondern vor allem auch für die politische Lageeinschätzung. In der wahrscheinlich tatsächlich scheußlichsten Szene dieses Films nimmt Miguel seine blond-blöde Geliebte zur Seite und redet Klartext; darüber, wie die Menschen in Afrika eigentlich wirklich leben.

Glückwünsche

The Last Face 02

Die Liebe macht aus einer schlechten Welt eine bessere – das ist ja völlig klar und auch legitim. Und abgesehen davon, dass eine durch die (rein europäische) Liebe der Welt freundlicher gesinnte Sonne möglicherweise nicht zwingend über einem Flüchtlingslager aufgehen müsste, ist die aufgehende Sonne ja an sich schon ein wirklich schwaches Liebesbild. The Last Face braucht keine Ethikkommission. Dieser Film braucht vor allem Glück. Das Glück, sang- und klanglos wieder von den Bildflächen verschwinden zu dürfen, auf die er sich verirrt hat. Was für ein Pech, dass sich dieser krachende filmische Ausrutscher ausgerechnet in den offiziellen Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes verirrte.

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