The Last Days of Disco

Triumph übers Klischee durchs Klischee: Whit Stillman folgt zwei Frauen durch Clubnächte und romantische Irrwege – und interessiert sich für sein popkulturelles Leitmotiv vor allem auf ideeller Ebene.

In my condition love’s the best physician

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Carol Douglas’ Klassiker „Doctor’s Order“ heizt die pulsierende Titelsequenz zusätzlich an. Aber erst einmal muss man auch in den “very early eighties”, denen und deren Populärkultur “The Last Days of Disco” ein Denkmal setzt, am Türsteher vorbei. Für Alice Kinnon (Chloë Sevigny) und Charlotte Pingress (Kate Beckinsale) ist das kein Problem, für einige der jungen Männer, die um sie herumschwirren, schon eher. “We’re in complete control”, meint Charlotte zu ihrer Freundin, als die beiden den Club betreten, um den sich ihr Leben und das fast aller anderer Figuren in Whit Stillmans The Last Days of Disco dreht. „Lots of choices out there.“

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Andererseits hat sie genaue Vorstellungen davon, welche choices für sie und vor allem für Alice in Frage kommen, und welche nicht. Wenn die Freundin einmal nicht spurt, schreckt die am laufenden Band virtuos dampfplaudernde Nightlife-Machiavellistin auch nicht davor zurück, Alices Geschlechtskrankheit auszuposaunen (um sie gleich hinterher mit dem Hinweis zu trösten, ein solches Gerücht könne sich sogar positiv auf ihre dating chances auswirken). Man ist sich ziemlich sicher – weil man das aus anderen Filmen kennt –, dass der Film diese Charlotte irgendwann vom hohen Ross stoßen wird. Aber gerade wenn The Last Days of Disco diese Erwartung einzulösen scheint, gelingt dieser Charlotte der vielleicht größte Coup: Mit gebrochenem Herzen im Krankenhausbett liegen ist für die Königin der Disco-Nächte in erster Linie eine perfekte Gelegenheit, „Amazing Grace“ anzustimmen. Wie so oft bei Stillman: Ein Triumph übers Klischee mithilfe des Klischees. (“Of course it is formulaic – it’s a formula”, meint Charlotte an einer anderen Stelle. Man muss die Formeln eben zu nehmen wissen…)

Gar nicht so einfach, über einen Film zu schreiben, bei dem man eigentlich jede Dialog- und dann auch noch jede Songzeile wörtlich zitieren möchte...

Alicia dagegen ist „a vision of grace and sanity“ und ohne jeden Zweifel das eigentliche Zentrum des Films; ein stilles, manchmal fast in sich selbst verschlossenes Zentrum allerdings. Wunderbar, wie Sevigny ihr eine eigenartige, leicht gehemmte, aber gerade im Gehemmten elegante Körperlichkeit verleiht. Genauso wunderbar, wie Stillman sie gerade in den Clubszenen immer wieder so fotografiert, dass ihr Gesicht wie eingerahmt, in ihrer privaten Welt versiegelt wirkt.

I don't know if it's right / To let you make love to me tonight

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Zunächst einmal beziehen die beiden Freundinnen, deren (hauptsächlich romantischen) Irrwegen der Film folgt, eine eigene Wohnung – die sich allerdings als ein „railroad appartment“ herausstellt: Alle Zimmer sind hintereinander aufgereiht, wer vom Bad in die Küche will, muss auch beide Schlafzimmer durchqueren. Dieses railroad appartment, in dem an ungestörtes Rummachen gar nicht zu denken ist, ist ein gutes Bild für das unter dem Glamour prekäre Selbstverständnis fast aller Figuren des Films. Alice, Charlotte und all die sorgfältig frisierten jungen Männer um sie herum würden die Beschimpfung “Yuppie Scum”, der sie sich am laufenden Band ausgesetzt sehen, nur zu gerne als Selbstbeschreibung annehmen, aber leider: „Yuppie stands for ‘young upwardly mobile professional’. Nightclub flunky is not a professional category.”

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Dazu passt, dass Alice, Charlotte und die anderen eigentlich ein wenig zu alt sind für die Art romantischer Selbstdramatisierung, auf die sie fast ihre gesamte Lebensenergie zu verwenden scheinen. Manchmal wirken sie wie Mitt-Zwanziger, die den Plot einer Teeniekomödie nachspielen, und das noch nicht einmal bemerken. Auch die so freizügig voreinander ausgebreitete Sexualität ist möglicherweise nur eine angelesene. Dass „lots of choices“ das Liebesleben vereinfachen, glaubt jedenfalls irgendwann nicht einmal mehr Charlotte.

It's like thunder, lightning / The way you love me is frightening

Aber auch: Once I had a love and it was a gas / Soon turned out to be a pain in the ass

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Mit zunehmendem Verlauf kippt die Stimmung fast unmerklich vom Euphorischen ins fast schon Depressive. Tatsächlich kommt fast niemand ganz ohne chemische Unterstützung der einen oder anderen Art über die Runden. Freilich: Solange das Leben noch Gelegenheit dafür bietet, feinsinnige Nerd-Gespräche über „Susi und Strolch“ als Parabel auf das Geschlechterverhältnis in der Moderne zu führen, ist nicht alles verloren. Wichtiger als die äußerliche Handlung ist in Stillmans Filmen stets die innerliche Verfeinerung.

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Deshalb ist sein Film im Kern auch gar nicht das panoramatische, nostalgische Zeitportrait, das man angesichts des Titels und auch angesichts des exquisiten Soundtracks erwarten könnte. Tatsächlich interessiert sich der Regisseur für sein popkulturelles Leitmotiv in erster Linie auf einer ideellen Ebene: Disco war höchstens “aesthetically reactionary”, von einer erweiterten Perspektive aus betrachtet jedoch ein (verkannter und womöglich am Ende gescheiterter) Agent des Fortschritts. Darauf insistiert insbesondere Josh Neff (Matt Keeslar), der Theoretiker unter den Disco-Enthusiasten. Wenn er vom freien Gedankenaustausch in den Nachtclubs schwärmt, könnte man meinen, er habe eine moderne Agora entdeckt. Aber auch Stillmans Regie zeichnet sich durch eine bloße Nostalgiereflexe transzendierenden Sympathie für urbane Clubkultur aus, etwa wenn sie in den Tanzszenen wieder und wieder das selbstverständliche Nebeneinander schwuler und straighter Tanzender ins Bild setzt; und auch die begehrlichen Blicke, die zwischen beiden Gruppen hin und her fliegen.

Dancing helps relieve the pain / Soothes your mind, makes you happy again

Hier geht es zur Einführung unseres Whit-Stillman-Specials

Trailer zu „The Last Days of Disco“


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