The King’s Speech – Die Rede des Königs

In dem zwölffach für den Oscar nominierten Historien-Kammerspiel hat ein stotterndes Mitglied der britischen Königsfamilie ein rhetorisches Vorbild: Hitler.

The King’s Speech 08

Tom Hoopers zweite Regiearbeit fürs Kino ist im Grunde weniger historisches Behinderungüberwindungsdrama als küchenpsychologisches Buddy-Movie. Der Formel romantischer Komödien folgend, zanken sich der gehemmte britische Thronfolger mit Kindheitstrauma (Colin Firth) und sein extrovertierter Logopäde (Geoffrey Rush) erst mal ausgiebig, bevor sie im Verlauf ihrer Stottertherapiesitzungen ihre Gemeinsamkeiten als Misfits entdecken, sich zwischenzeitlich verkrachen und schließlich wieder versöhnen. Das ist nicht zu viel verraten, da schon früh absehbar.

The King’s Speech 11

Prinz Albert von York, genannt „Bertie“, stottert, weil er als Kind Metallschienen am Bein tragen musste und von einer bösen Nanny gequält wurde, sein Vater König George V. (Michael Gambon) ein autoritärer Bully ist und er immer im Schatten seines älteren Bruders Edward (Guy Pearce) stand. Mütterliche Zuwendung scheint Bertie auch nicht erfahren zu haben, wie eine Szene verdeutlicht, in der Queen Mary (Claire Bloom) ihren weinenden Sohn widerwillig-amüsiert umarmen „muss“, nachdem der Vater gestorben ist. Allein von seiner Frau Elizabeth (Helena Bonham Carter), der zukünftigen „Queen Mum“, wird der arme Albert unterstützt.

The King’s Speech 03

Nach dem Tod von George V. besteigt 1936 der Frauenheld und Party-Prinz Edward den Thron und steigt im selben Jahr schon wieder herunter, um die unroyale, da geschiedene Amerikanerin Wallis Simpson (Eve Best) heiraten zu können. Folglich muss Albert als nachrückender König und Stimme des Volkes dringend auf die Couch gelegt werden, da sich exzessives Rauchen und Murmelnkauen als logopädische Lösung nicht bewährt haben. Sein neuer unkonventioneller Sprachlehrer Lionel Logue, ein verhinderter australischer Schauspieler, zähmt und kuriert den anfangs widerspenstigen Monarchen stattdessen mittels gymnastischer Verrenkungen und unstandesgemäßer Fluchtiraden, damit dieser als Höhepunkt des Films eine stotterfreie Kriegserklärung an Nazi-Deutschland vortragen kann.

The King’s Speech 15

Sowohl Regisseur Tom Hooper als auch Drehbuchautor David Seidler waren bisher überwiegend fürs Fernsehen tätig. Seidler, als Kind selbst ein Stotterer, scheint mit The King’s Speech den Drehbüchern des Briten Peter Morgan (The Queen, 2006; Frost/Nixon, 2008) nachzueifern, die dafür bekannt sind, Personen der Zeitgeschichte den Ottonormalverbraucher-Touch anzuheften, mit dem sich der Zuschauer identifizieren kann. Und der gebürtige Engländer Hooper wollte offensichtlich seine Chance nutzen, sich nach den formalen Einschränkungen von TV-Produktionen ästhetisch auszutoben, wie er es bereits in seinem von Morgan geschriebenen Kinodebüt The Damned United (2009) etwas verhaltener geprobt hat. So wenig wie sich Hoopers neuer Film großartig um Historie schert (obwohl an den Aufzeichnungen Lionel Logues angelehnt), so wenig interessierte sich der Vorgänger für Fußball. Auch The Damned United war in erster Linie Schauspieler-Showcase und Buddy-Movie, in dem Fußballmanager Brian Clough und Trainer Peter Taylor das mal zerstrittene und dann wieder versöhnte Odd Couple gaben wie hier Albert und Lionel.

The King’s Speech 09

Vermutlich aus Budget-Gründen finden sich in The King’s Speech kaum Außenaufnahmen, sodass Hooper und sein Kameramann Danny Cohen (Radio Rock Revolution, 2009) ihr Kammerspiel unter anderem mit Fischaugenobjektiv, Froschperspektiven und aufregend gemusterten Tapeten aufzupeppen versuchen – damit bloß keine Monotonie und Period-Piece-Steifheit aufkommt und weniger auffällt, dass die Erzählung recht dünn und vorhersehbar ist und nach dem Standardrezept vom triumphal bewältigten Handicap gebacken wurde, mit dem man Oscars gewinnt. Der Australier Geoffrey Rush hat einen für seine Interpretation des psychisch kranken Pianisten David Helfgott in Shine – Der Weg ans Licht (Shine, 1996) bekommen und ist erneut für seinen exzentrischen Logopäden nominiert. Colin Firth ist nach A Single Man (2009) ebenfalls wieder ein aussichtsreicher Kandidat, erhielt bereits den Golden Globe für seinen sympathisch stotternden Bertie und ist auch tatsächlich der Preiswürdigste vor und hinter der Kamera, weil er sich im Gegensatz zu Rush, Hooper und Cohen auf Understatement versteht.

The King’s Speech 04

Zurückhaltung sollte man vermutlich auch nicht von W.E, Madonnas kürzlich abgedrehter Version der Beziehung zwischen König Edward VIII. und Wallis Simpson erwarten. Möglicherweise nicht mal einen Kinostart. Aber vielleicht menscheln die Monarchen darin nicht ganz so massenkonform wie in The King’s Speech, aus dem Produzent Harvey Weinstein für eine jüngere Altersfreigabe angeblich die Schimpfwörter herausschneiden lassen will – noch mehr Masse, noch mehr Millionen.

Trailer zu „The King’s Speech – Die Rede des Königs “


Trailer ansehen (1)

Kommentare


Patryk

Erfrischend nüchterne Kritik. Danke. Bei allem Standesdünkel kommen die Royals auch noch so menschlich daher. Richtig herzerwärmend. Das muss auch Queen Elizabeth II so gesehen haben, denn selbige soll ihr OK für das Monarchen-Epos gegeben haben. Welche Ehre. Die Zensur kommt von ganz oben.
Madame Noblesse wird aber sicher nichts zu bekritteln gehabt haben. Die Queen ist die grösste Landbesitzerin bei weitem. Sie ist der einzige Mensch auf der Welt dem ganze Länder gehören. Dieser Landbesitz hat nichts mit ihrer Funktion als Staatsoberhaupt zu tun. Diese "noblen" Familien stehen hinter den meisten, wenn nicht allen, falsch geführten Pro-Umwelt-Bewegungen der Welt. Die Prinzen leben von Grundstücks-Pachtgebühren und lehnen sich daher gegen eine weitere Industrialisierung der Welt auf.
Im Film wird die Scharade "Thronverzicht aus Liebe" weiter gespielt. Selbst die Geschichtswissenschaft findet Belege das der abgedankte britische König Eduard VIII. Nazi-Sympathien gehegt und mit Adolf Hitlers Drittem Reich konspirierte.
Die Rolle seiner Ehefrau Walli Simpson, einer amerikanischen Staatsbürgerin, wird überaus deutlich. Sie hatte eigene – auch intime Beziehungen – zu hohen Vertretern des NS-Regimes. Wie beruhigend das der Zuschauer von derlei Verzweigungen nichts in einem Holyywood-Film erfahren muss. Es darf weiter an das Gute glauben. Oscars wird das gefällige Monarchi-Märchen darum in jedem Fall gewinnen.


maria de almeida

failure- sowohl die kritik als auch der kommentar. preisverleihungen zu bekommen ist nicht immer `nur´ hollywood


Martin Zopick

Aus Erfahrung weiß man, dass Behinderungen oder Handicaps dargestellt in Filmen nicht unwesentlich zu deren Erfolg beitragen. Wenn es wie hier auch noch die Royals trifft, ist das eine hervorragende Ausgangssituation für etwaige Preise. Für ein Drei-Personen-Stück aber recht schmal. Colin Firth tut sein Bestes, um die königliche verbale Ladehemmung zu überwinden, Ehefrau Queen Mum (Bonham Carter) unterstützt ihn nach Kräften und der unqualifizierte aber erfolgreiche Logopäde Geoffrey Rush erwirkt wahre Wunder. Die Handlungsarmut wird von der Ausstattung und den überaus agilen Akteuren etwas überdeckt - aber nur für eine gewisse Zeit. So kommt der weltpolitische Hintergrund jener Zeit ebenso etwas zu kurz weg wie der Thronverzicht seines Vorgängers Edwards VIII.
Erst bei der Rede am Ende des Films kommen Emotionen ins Spiel, die auch auf die Zuschauer überspringen. Ein kurzer, gefühlsmäßiger Touch von menschlicher Nähe, basierend auf Dankbarkeit für Erfolg. Ob das nun ausreicht, preiswürdig zu sein, bleibt noch die große Frage. Man kann sich Drama anschauen, wird allerdings weder vom Hocker gerissen noch zum Grübeln verführt.


neda

Mein Gott, ist dieser Film langweilig und sinnlos gewesen. Das Wort Handlungsarmut ist mehr als zutreffend. Was für eine Zeitverschwendung (ähnlich wie der Film "the social network"). Ich bin so froh, dass ihre Kritik nicht dem mainstreamgelabber folgt. Die Deutschen neigen dazu jeden Film, der in den USA mit dem Oskar nominiert wird als ein "Meisterwerk zu bezeichnen. Tragisch armselig ist diese Einstellung


sonja

Also der Film war ganz gut, aber für so viele Oskars wie er Nomoniert ist, ist er nicht gut genug da gibt es bessere Filme er
ist nur nomoniert weil das von dem blöden Hitler darin vorkommt.
Die Schauspieler haben die sache gut gemacht für die ist der Oskar angebracht aber nicht für den Film


willi

Muss man wissen, was ein Buddy-Movie, ein Bully, ein Schauspieler-Showcase, ein Odd-Couple ist, oder was man sich unter einer Period-Piece-Steifheit vorzustellen hat?
Nicht das ich die Kritik schlecht finde, aber ohne dieses krampfhafte Cineasten-Fachchinesisch wäre sie noch viel besser. Und ja, ich bin sicher, dass die deutsche Sprache reichhaltig genug ist, um das alles auszudrücken.


Tenkodogo

Kritik ist interessant geschrieben, aber leider auch etwas einseitig und zu offen gegen den Holywood-Mainstream opponierend. Ein Verzicht auf die cineastischen Anglicismen erleichtert dem Normalkinobesucher das Verständnis. Kann mich da dem letzten Beitrag nur anschließen.


Bente

Flach mag der Film denjenigen erscheinen, die die handlungsüberladenen Blockbuster lieben. Stimmt, viel Handlung gibt es nicht - braucht der Film aber auch nicht, da die grandiose Mimik und Gestik Handlung genug ist. Es gibt keine Spezialeffekte, kein Gruseln, keine nackten Tatsachen ... da mögen diejenigen, die sich auf die eigentliche - tatsächlich in Fülle vorhandene! - Handlung nicht einlassen wollen, schnell gelangweilt sein. Für mich ein Film mit vielen leisen Tönen, der mich sehr angerührt hat. Abzüge gibt es für die Geschichte des Logopäden, die zu wenig Raum erhalten hat - schön wäre es gewesen, wenn seine ungelenken Schauspielversuche eine Erklärung und/oder einen Abschluss gefunden hätten.


xl

Der Film mag kein epochales Meisterwerk sein aber an sich ist er ein durchaus sehenswertes Kammerspiel mit hervorragenden Schauspielern - allerdings mal wieder nur in der Originalversion. Vielleicht rührt die harsche Kritik ja teilweise daher, das der Autor den Film auf Deutsch gesehen hat?


Uschi

die Handlung des Filmes hält sich allerdings in Grenzen, dafür sind die Räume (vorallem das Sofa) absoluter Hammer






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.