Ich habe ein Gedicht

Mit Poesie gegen die Weltordnung ankämpfen: Eine Kindergärtnerin entdeckt in den Worten eines Fünfjährigen überwältigende Schönheit und will für sie eintreten – im vermutlich revolutionärsten Film beim Festival von Cannes 2014.

The Kindergarten Teacher 01

„Die Welt wird dich zermalmen, Yoav. In zwei Jahren wirst du erledigt sein.“ Die Kraft von Poesie hat sich der Kindergärtnerin Nira (Sarit Larry) selbst erst vor ein paar Jahren offenbart. Als sie bei dem Fünfjährigen Yoav (Avi Shnaidman) ein mysteriöses Talent dafür ausmacht, widmet sie all ihre Aufmerksamkeit dem Jungen – und wird sich schnell in dessen Schicksal hineinsteigern, bis sie in diesen zwei Sätzen fasst, was das Herz des Filmes ausmacht: Es ist dies keine Welt für Dichter. Nira wiederum ist keine Kämpferin, sondern eine Frau mittleren Alters, verheiratet und mit zwei beinahe erwachsenen Kindern. Sie ist eine empfindsame Beobachterin der Welt, sie trägt sich mit unauffälliger Eleganz durchs Leben, strahlt in jeder ihrer Bewegungen weise Ruhe aus. Eine Ruhe, mit der sie sich eine Zeitlang in den von der Hitze verlangsamten Rhythmus des östlichen Mittelmeerraums einfügt. Eine trügerische Ruhe, denn die Anspannung, die die Entdeckung der Lyrik auslöst, überträgt sich mit Wucht auf die Filmbilder.

Das Körperliche der Poesie

The Kindergarten Teacher 08

Nadav Lapid hat nach seinem starken Debüt Policeman (Ha-shoter, 2011), in dem er Gruppendynamiken bei Polizisten und Terroristen beobachtete, nun mit Niras Kindergarten ein bescheideneres Setting gewählt. Er inszeniert es nicht als einen repräsentativen Mikrokosmos, sondern als einen von der Gesellschaft durchdrungenen Raum. Kinder wie Erwachsene passieren den Hof, den Sandkasten, den Hauptraum mit der Glasfassade, den Nebenraum mit den Liegen für den Mittagsschlaf, das Bad und die Küche. In der Küche holt sich die Tagesmutter Miri (Ester Rada) einen Kuli, um Yoavs Worte beim Auf- und Ablaufen im Hof mitzuschreiben: „Ich habe ein Gedicht. Ich habe ein Gedicht.“ So kündigt der Junge seine Inspiration an, die Kindergärtnerin lauscht aus der Distanz, die Tagesmutter scheint unbeteiligt.

The Kindergarten Teacher 05

Tatsächlich ist auch Miri von den Gedichten beeindruckt, die große grazile Frau mit dem kleinen Rucksack auf den Schultern will Schauspielerin werden und hat einen der Texte auswendig gelernt, um ihn beim Casting zu verwenden. Selbst der trägste Blick in The Kindergarten Teacher ist noch mit einer weltlichen Absicht aufgeladen. Der Film nimmt eine entsprechende, wechselhafte Form an. Er vermittelt subjektive, gar impressionistische Eindrücke, sucht in übertriebenen Großaufnahmen die Nähe der Protagonisten, letztlich wird sogar die Kamera physisch anwesend – angerempelt, angesprochen, angesehen, berührt. Der Raum ist der eines gemeinsamen Erlebnisses, das immer gleichzeitig zu scheitern droht und notwendig ist. Die Körperlichkeit ist nicht bloß eine stilistische, denn Worte wollen erspürt und durchlitten werden. Yoav läuft beim Reden und springt beim Schreien. Aus den Boxen dröhnt der Sound, immer ein bisschen zu laut.

Wörter, wie aus der Welt gefallen

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The Kindergarten Teacher ist um keinerlei Repräsentanz bemüht, wirkt im einen Moment eher wie eine Allegorie auf einen möglichen Widerstand zur allgegenwärtigen Priorität der Nützlichkeit und Pragmatik, im nächsten ist er dann doch wieder ganz bei sich. Die gesellschaftliche Kritik, die Lapid entwickelt, vertraut auf eine Welterfahrung, die jenseits des Filmes entstanden ist. Ein kräftiger Mann sitzt vor dem Fernseher, breitet seine Arme über die Couchlehnen aus, stößt an die Kamera und ruft seine Frau, um mit ihr den Witz der Unterhaltungssendung zu teilen. Es geht um Hitler und darum, wie der Zweite Weltkrieg hätte verhindert werden können. Der Lacher sitzt, zumindest beim Publikum im TV-Studio, dessen Klatschen sich auf der Tonspur durchsetzt. Es ist eine Szene der alltäglichen Medienerfahrung, sie stellt nichts aus, sondern lässt etwas anklingen: Denn die Frau bleibt nicht stehen beim Fernseher, sie kehrt zurück vor den Computer, an ihren Schreibtisch und beugt sich über einen Text. Fortan werden Wörter wieder mit Bedeutung behaftet sein, mit einer sinnlichen und einer moralischen Macht, die sie wie aus der Welt gefallen erscheinen lassen. Lapid kann das behaupten, weil er keine ethischen Instanzen walten lässt, sondern die ganze Story um Zwiespälte herum aufbaut: Wer ist diese Kindergärtnerin, was dieses Kind? Verletzt sie ihre Pflichten oder kommt sie ihnen nur ungewöhnlich gewissenhaft nach? Ist Yoav ein Mozart, dem die nötige Förderung seiner wundersamen Fähigkeiten fehlt, oder hat er bloß ein gutes Gedächtnis? Zeugt sein herrischer Blick vielleicht gar von einer bösen Kraft, die ihn beseelt? Wo endet der Wunsch, wo beginnt die Realität?

Drei Tanzszenen, jede ein Kleinod

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Lapid hat ein ins Fantastische reichendes Werk gedreht, das fest in der Realität verankert ist. Drei Tanzszenen inszeniert er, die jede für sich ein Kleinod darstellen. In der ersten bricht sich die kindliche Lust am Vulgären Bahn, wenn Yoav mit seinem besten Freund nach einem langen Parcours durch den Spielplatz stehen bleibt, um gemeinsam Fußball-Parolen zu grölen und dabei in einen ritualisierten Tanz zu  fallen. Die zweite lässt uns an einem Fest von jungen Soldaten teilhaben, zu Ehren des Sohns von Nira. Auch hier kreuzen sich das Spontane und das Rituelle, um ein Geheimnis preiszugeben. Die dritte Szene bietet zwei frontale Einstellungen, Nira mit zwei Freunden – dann allein. Der Übergang ist fließend zwischen dem Tanz als gemeinschaftlichem, aufeinander abgestimmtem Erlebnis und dem Augenblick, in dem Nira sich selbst vergisst und dadurch umso bewusster im Hier und Jetzt angekommen zu sein scheint. The Kindergarten Teacher fühlt sich ungewöhnlich schwerelos an für einen Film, der oft ernüchternd, manchmal gehetzt, dann gereizt, schließlich berauschend wirkt. Ich muss mal wieder Gedichte schreiben.

Trailer zu „Ich habe ein Gedicht“


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