The Killing of a Sacred Deer – Kritik

Schon wieder Ethik: Nach Ruben Östlund und Andrei Swjaginzew hat nun auch Yorgos Lanthimos eine Denksportaufgabe für Cannes vorbereitet.

Killing of a Sacred Deer 1

Eine wie auf Schmerzmittel gesetzte Welt. Die Figuren spüren nichts, oder wenig, oder höchstens nur dumpf die Stelle, an der sie eigentlich spüren müssten – und irgendwie sollen auch wir nichts spüren, soll auch uns unser Sensorium taub und fremd werden, wahrscheinlich mit dem Ziel, dass wir aus diesem morphinen Zustand heraus irgendetwas klarer sehen können, also doch nicht ganz taub werden. Dieses Gefühl wird man nicht los; das Gefühl, dass man am Schluss etwas gesehen haben soll, etwas, das – von den Gefühlen abgespannt – aus seinen Proportionen geglitten ist (wie es auch das Plakat zu dem Film verstanden wissen will) und das aus dieser sensorischen Entkoppelung heraus, inmitten dieser Zerrbildlichkeit, auf Grundlegendes, Tiefenexistenzielles, Moralisches erkenntnisreich hinüberstrahlt. Wie ein kinematografischer Ultraschall: Abstraktion, Introspektion, ein kalter Blick. Von weiter weg als normal, aber sehr viel tiefer als gewöhnlich. Das Problem von The Killing of a Sacred Deer (ein Problem, das auch schon Yorgos Lanthimos’ letzten, ähnlich eisgekühlten The Lobster (2016) betraf) ist nicht der empfindungsgedrosselte Blick, den er etabliert, sondern dass man letztlich ja dann doch wieder ein Gefühl hat – das Gefühl, dass man in und mit dieser ultraschallenden Poetik die betroffenen, befallenen, angeknacksten, ziemlich sicher sogar irreparablen Stellen in der (sozialen) Welt detektieren, registrieren, untersuchen soll.

Ein Film auf dem OP-Tisch

Killing of a Sacred Deer 2

Dass es in The Killing of a Sacred Deer nun um ein Ärzteehepaar geht, ist da durchaus konsequent. Ein ärztlicher Blick, keimfreies Operationsinstrument, desinfizierte Hände. Die erste Einstellung, eine Großaufnahme, zeigt ein schlagendes Herz im geöffneten Körper. Behandschuhte Hände wuseln am Rand des Bildes, sind scheinbar damit beschäftigt, den Körper wieder zuzunähen. Das Leben ist ein monotoner (zwingend monotoner) Rhythmus – die oder der, der oder dem es gehört, spürt nichts; keine Teilnahme an dem Leben, das in einem ist. Narkose, Hypnagogie, Schlafstarre, aber – und das ist zentral – traumlos. Dahin will Lanthimos. Der gefühlstote, erlahmte, lebendig geöffnete Körper ist nichts anderes als dieser Film. Später, wenn sich das Geschehen mehr oder weniger zugespitzt hat, wenn der jugendliche Martin (Barry Keoghan) an einen Stuhl gefesselt bei Steven (Colin Farrell) im Keller sitzt, sich selbst in den Arm nagt, sich mit einem Ratsch die Haut vom Leib beißt, gibt es daran keinen Zweifel mehr. Das sei nämlich eine Metapher, meint der Junge. Und es ist natürlich eine Metapher für The Killing of a Sacred Deer selbst. Dieser Film liegt auf dem OP-Tisch, narkotisiert und offen – und die Subjektivität, die er entwirft, ist eine Mischung aus der narkotisierten und der ärztlichen; blöderweise aber eine, der das chirurgische Moment überproportional wichtiger ist als das anästhesierte. Dieser Film will uns – und wahrscheinlich wäre es andersherum interessanter geworden – sehr viel weniger narkotisieren und uns sehr viel mehr zu Ärzten machen; er gibt uns eine Aufgabe, gibt uns etwas zu tun, mahnt zu einem kühlen Kopf, zu einem präzisen Blick, zu einer konzentrierten Hand. Seine Metaphern erklärt er lieber, als sie wirken zu lassen. Wieder einmal – und Lanthimos ist da ein ganz ähnlicher Gschaftler wie Ruben Östlund mit seinem Film The Square oder Andrei Swjaginzew mit seinem Film Loveless – werden wir in diesem Wettbewerb von Cannes damit beauftragt, unsere Verantwortungspflicht zu befragen – den schwer ratternden Kopf am besten auf die Faust gestützt.

Am Ende sind es doch nur die Beine

Killing of a Sacred Deer 3

Steven und seine Frau Anna (Nicole Kidman) haben ein Problem. Ihnen sterben die Kinder weg. Der komische Teenager Martin, dessen Papa unter Stevens OP-Tisch gestorben ist (Steven scheint die Verantwortung dafür zu tragen), ist irgendwie schuld an diesem Familiensterben. Steven hat nur eine Wahl, um den schleichenden Tod – ein Sterben, das sich durch taube Beine ankündigt (Gefühlsschwund, Halbnarkose) – aufzuhalten: Er muss jemanden aus seiner Familie töten. So überleben dann zumindest die anderen. Eine Prämisse wie aus einem Proseminar zur praktischen Philosophie – aber sei’s drum. Das Dilemma der Verantwortung – mal wieder also. Es ist spannend zu sehen und gleichzeitig bedenklich, wie die Brücke zwischen Kino und Ethik von aktuellen Filmen maßgeblich gedacht zu werden scheint. Die drei genannten Filmemacher/Seminarleiter betreiben Ethik als Denkexperimente. Die Alternative könnte eine Ethik der ästhetischen Erfahrung sein. Der Unterschied läge in der Kommunikation zwischen Leinwand und Zuschauer. Das erste Verhältnis ist stabil, es operiert über Begriffe, über Metaphern, die lieber nochmal erklärt werden, die man nicht nur streut, sondern auch benennt, über eindeutig formulierte Denksportaufgaben. Das alternative Verhältnis wäre instabil, es zielte auf eine Prekariserung, Erschütterung, vielleicht Betäubung des eigenen Ichs im Kino, auf die Erfahrung von etwas ganz anderem als Ich, auf das Andere des Kinos, auf das Andere als unmäßige Größe anstatt als Denksportvariable. So ein Ich können Lanthimos und seine beiden Kollegen aber nicht gebrauchen. So ein Ich kann schließlich keine Hausaufgaben machen. So ein Ich könnte uns aber bei der Frage nach der Verantwortung weiterbringen, denn worauf sollte sie sich sonst beziehen als auf das Andere. Bei Lanthimos gab es sogar mal kurz die Chance auf so eine Erfahrung, aber er betäubt eben doch nur die Beine.

Trailer zu „The Killing of a Sacred Deer“


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