Die Entführung des Michel Houellebecq

Der französische Starautor findet sich erneut in seiner eigenen Fiktion wieder und sorgt für Stockholm-Schabernack.

The Kidnapping of Michel Houellebecq 01

Wenn der Schriftsteller Michel Houellebecq unter Anleitung eines Free Fighters mit einem bei der israelischen Armee ausgebildeten Türsteher (geschätztes Kampfgewicht: 130kg) ringt, wird eines sehr deutlich: Misanthropie ist eine Mentalität und keine Verhaltensauffälligkeit, auch der seinesgleich verachtende Mensch sucht durchaus Körperkontakt. Nun soll ja nicht vorschnell vom Ich-Erzähler auf dessen Autor geschlossen werden, im Falle Houellebecqs jedoch wird dieses literaturwissenschaftliche Mantra (vor allem in Frankreich) seit jeher gebrochen. Der großer Erfolg des nüchtern-zynischen Sezierers abendländischer Kunst- und Konsumgesellschaft wird flankiert von diffamierenden Angriffen auf seine Person in den Medien.

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Längst hat er dieses Spiel durch provokante Äußerungen zu seinem eigenen gemacht, um dessen Grenzen 2010 quasi endgültig einzureißen: in die Fiktion seines bisher letzten Romans Karte und Gebiet (La carte et le territoire, 2011) verpflanzt der Autor Houellebecq die Figur Houellebecq und lässt diese nach etwa zwei Dritteln einem äußerst blutigen Mord zum Opfer fallen. Auf die Spur des Täters kommt die Polizei durch eine absurde Verkettung ungewöhnlicher Zufälle, die mit einer deutlichen Geschwindigkeitsübertretung bei einer Verkehrskontrolle beginnt. In der letzten Einstellung von Guillaume Nicloux’ neuem Film scheint dieses Szene wieder aufgerufen: Ein Verbrechen ist geschehen, und es wird zu schnell gefahren. Dieses Mal aber sitzt der nun in eine filmische Welt verpflanzte Houellebecq hinterm Steuer, neben ihm sein Entführer, mit dessen besorgtem Gesicht bei Tempo 240 uns Die Entführung des Michel Houellebecq (L’enlèvement de Michel Houellebecq) nach äußerst witzigen neunzig Minuten entlässt.

Die abgehalfterte Erscheinung eines französischen Intellektuellen

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Nicloux’ und Houellebecqs Film ist ein perfide zwinkerndes Lausbubenstück, klar, das lässt schon die PR in der PR erraten: Laut dieser erklärt Die Entführung des Michel Houellebecq die einwöchige Abwesenheit des Schriftstellers auf einer Lesereise im September 2011. Nicloux überrascht nach seinem strengen Die Nonne (La religieuse) auf der letztjährigen Berlinale mit inhaltlicher wie formaler Unbekümmertheit. In einfachster dokumentarischer Digitalästhetik verfolgt er seinen berühmten Protagonisten. Dessen Alltag ist eine Ausgeburt der Langeweile: ein bisschen mit dem Innenarchitekten den Umbau der Penthouse-Wohnung besprechen, spazieren gehen in der tristen Pariser Vorstadt, Passanten Autogramme schreiben, rauchen, rauchen, rauchen. Bis zu welchem Grad Houellebecq hier eine Rolle spielt, mag (auch angesichts ausbleibender Vergleichsmöglichkeiten) nur schwerlich zu bestimmen sein, ist aber im Prinzip auch egal, erzeugt doch allein schon seine abgehalfterte Physiognomie eine komische Faszination. Die eingefallene Figur, das verbrauchte Gesicht mit seiner schläfrig-verhuschten Mimik, der schlurfende Gang – man könnte ihm noch eine ganze Weile beim Nichtstun zuschauen.

Der Autor als Zuhörer

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Dann die Entführung, deren genaue Absicht bis zum Ende hin völlig unklar bleibt. Drei böse Buben packen Houellebecq in eine Kiste und verfrachten ihn in ein kleines Haus in der Provinz. Von Beginn an geht es dort äußerst familiär zu, die Eltern eines der nicht besonders hellen, aber sehr zuvorkommenden Entführer sind zugegen, Houellebecq darf rauchen und trinken, wirkt mehr wie der pflegebedürftige Großvater denn wie ein Entführungsopfer. Die Abwicklung mit einem angeblichen Auftraggeber zieht sich in die Länge, und so werden wir Zeuge einer ganzen Reihe von in ihrer unterhaltsamen Absurdität kaum zu überbietenden Momenten der Annäherung. Deren Komik speist sich nicht nur aus der Konfrontation der unterschiedlichen sozialen Lebenswelten der Protagonisten, sondern vor allem auch aus dem sehr speziellen, offenbar alles einnehmenden Charakter Houellebecqs. In einer immer leicht abwesend wirkenden Lakonie gerät dieser zunehmend ins Zentrum der Notgemeinschaft, beinahe automatisch scheint sich ihm jeder mitteilen zu wollen.

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„Die Quelle des Schreibens ist die absolute, ichbezogene Langeweile,“ gibt er an einer Stelle zu Protokoll, und tatsächlich scheint es ihm zu gelingen, diese so weit nach außen zu tragen, dass die Geschichten (als Material seiner eigenen, zukünftigen Geschichten) zu ihm kommen. Eine Einführung in Martial-Arts-Kampftechniken, eine Bodybuilding-Show, die polnische Familiengeschichte des auf dem Grundstück lebenden Schwarzarbeiters – der in seinen Büchern zynisch austeilende Autor als kalkulierender Zuhörer, der noch in seiner Selbstdemontage, die Die Entführung des Michel Houellebecq sicher auch ist, mit dem Finger auf die Lächerlichkeiten und den Irrsinn unserer Gesellschaft zeigt.

Trailer zu „Die Entführung des Michel Houellebecq“


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