The Iron Ministry

In ewiger Bewegung ruhen: Warum man in Zügen besser träumen kann.

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Die Züge in J. P. Sniadeckis The Iron Ministry könnten U-Boote sein, so dicht abgeschlossen sind sie von der durchfahrenen Welt drumherum, den vorbeiwehenden Weiten der Volksrepublik China. Die Mechanik kreischt, dröhnt, zischt in den Waggongängen, manchmal wehen Instrumentals westlicher Popkonserven durch dieses endlos anmutende Innen. Das Sounddesign legt die Lärmschichten fast musikalisch übereinander. Der Blick nach draußen allerdings wird ziemlich lange und ziemlich heftig verweigert. Stattdessen widmet sich J. P. Sniadeckis Kamera mit umso größerer Hingabe dem Zuginnern: den Oberflächen, den Menschen, ihren Handlungen.

Transitzonen durch die Peripherie

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Über drei Jahre verteilt hat der Filmemacher aus dem Stall des Sensory Ethnography Lab der Harvard University Zugfahrten auf den mehr als 100.000 Kilometern des Streckennetzes der China Railways Corporation gefilmt; in ratternden, bald ausrangierten Provinzzügen und in den neuen Bullet Trains zwischen den Wirtschaftsmetropolen, auf mehrtägigen Überlandfahrten und auf minutenkurzen Pendlerstrecken. Am Ende hat er Aufnahmen aus mehreren Entwicklungsstufen der chinesischen Eisenbahngeschichte zu einem einzigen, phantasmagorischen Querschnittszug montiert – und dabei zugleich ein Mosaik der parallel nebeneinander stehenden Existenzweisen des Vielvölkerstaats zusammengesetzt.

Entstanden ist eine Art dokumentarischer Wahlverwandter zu Bong Joon-hos Gesellschaftskarikatur Snowpiercer (2013). Wo dort aber handlungskinodienliche Ordnung herrschte, die sozialen Klassen fein an der kapitalistisch-industriellen Perlenschnur aufgereiht waren (hinten: Proletarier, vorne: die Ausbeuter, ganz vorne: der Führer), herrscht in The Iron Ministry ein großes Dickicht des gesellschaftlichen Nebeneinander. Das scheint vor allem aus Randgruppen und Minderheiten komponiert – als bestünde China wesentlich aus Peripherie.

Die Transitzeit der Reise würfelt Bevölkerungsgruppen durcheinander, man kommt ins Gespräch. Vor allem in den Stegen über den Waggonkopplungen, wo geraucht wird, blitzen in kurzen Unterhaltungen Schlaglichter auf die komplex verwobene chinesische Multiethnizität. Hui-Muslime diskutieren da mit Han-Chinesen über Religionsfreiheit und Glaubenspraxis. Später wispert eine Tibeterin von einer alten Legende. Ein Uigure wird vom Schaffner aus dem Zug geworfen. Und ein kleiner Junge mit Entertainer-Qualitäten verhohnepipelt den Parteisprech: „Bitte bringen Sie Sprengmaterialien mit an Bord und zünden Sie an überfüllten Orten. Damit leisten Sie Ihren Beitrag zu unserer nationalen Strategie der Bevölkerungskontrolle.“ Menschen im Zug wie Blutkörperchen in den eisernen Adern Chinas.

Techno-Doku

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Angesichts der sonstigen Arbeiten des Sensory Ethnography Lab ist es übrigens gar nicht selbstverständlich, dass bei The Iron Ministry das humane Element so stark im Zentrum steht. Die technoaffinen visuellen Anthropologen aus Harvard erforschen beständig formal wie inhaltlich die unauflösbaren Bande zwischen menschlichen, tierischen und materiellen, im engeren Sinne mechanischen Akteuren. Ob mit seekranker GoPro-Optik auf Hochseefischfang (Leviathan, Lucien Castaing-Taylor und Verena Paravel, 2012) oder mit stocksteifer 16mm-Kamera in der Gondelkabine (Manakamana, Stephanie Spray und Pacho Velez, 2013): Die drängelnde Hervorhebung des Technischen ließ die Filme des SEL gerne und schnell inhuman werden – im unproduktiven, weil tendenziell affektierten Sinne.

Nicht so The Iron Ministry, der mit seiner hochmobilen, durchaus reizgeilen Kamera die Menschen, ihre Gesten und Gespräche sehr deutlich ins Zentrum rückt und sich nebenher auf kleine Streifzüge in die sie umgebende Dingwelt des Zuges begibt, immer auf der Suche nach Kleinst- und Kleinigkeiten des improvisierten Transitlebens. Die resultierende Mischung aus Nüchternheit und Ablenkungsbereitschaft, aus Passivität und Reaktivität lässt viele Einstellungen zu kleinen, verwinkelten Mini-Erzählungen werden. Im dokumentarisch orientierten Kino ist damit vielleicht am ehesten die „Gestirne“-Trilogie des hierzulande eher wenig bekannten Leonard Retel Helmrich vergleichbar.

In The Iron Ministry kann minutenlang eine Unterhaltung (drei Jungs erwägen Pro und Kontra der Emigration) mit Schwenks zwischen den einzelnen Sprechern gefilmt werden, nur um sich ganz plötzlich an einen Kehrbesen zu heften, der den Abraum Hunderter Zugstunden über den geriffelten Boden treibt. Ein andermal folgt die Kamera einem Imbissverkäufer gefühlte Ewigkeiten durch absurd mit Menschen vollbepackte Gänge, bis ein unvermittelter Reißschwenk bei einem zwischen Paketen eingezwängten Schlafenden landet und dort verharrt.

Träumen von draußen

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Apropos Schlafen: Keine „Handlung“ fängt Sniadeckis umherschnüffelnde Kamera häufiger ein: Überall und bei jeder sich bietenden Gelegenheit scheinen die Chinesen zu schlummern. In Kojen, auf Koffern und Taschen, nebeneinander, beieinander, übereinander, in der Hocke, im Stehen. Diese allgemeine Erschöpfung, der man im einschläfernden Geruckel des Zuges nachgeben kann, sie ist die vielleicht stärkste Aussage, die The Iron Ministry über das große, chaotische, mysteriöse Land vor den Fenstern macht. Denn irgendwann blickt die Kamera dann doch nach draußen und fängt in heillos verwackeltem Zoom eine Kaskade von quasi abstrakten, unmöglich zu ordnenden und verortenden Eindrücken ein: Farbschlieren, Lichtgeflacker, vorüberrasendes Zuviel.

Mit entrücktem Blick lehnt gen Ende eine junge arbeitslose Frau am Fenster, schaut hinaus und erzählt von ihrem größten Traum: ewig und für immer schlafen zu können. Unleugbar zeigt der Film große Sympathie mit ihrem Wunsch. Diese sanfte Kapitulation vor dem Draußen bleibt haften, weil es eine Geste der Bescheidenheit in einem eigentlich recht unbescheiden auftretenden Film ist. Hier wird nicht der Versuch unternommen, pars pro toto „China“ zu erklären oder „die chinesische Gesellschaft“ aufzuschlüsseln. Stattdessen werden mit großer Sensibilität kleine Details eines in vielen Geschwindigkeiten und in alle Himmelsrichtungen zugleich strebenden Landes gesammelt, auf die es eine große, heimliche Reaktion gibt: die Ermüdung. Aber geschlafen wird dann doch in Bewegung.

Trailer zu „The Iron Ministry“


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