The Invader

Ein Immigrant als Samurai in der Stadt.

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Spielfilme der letzten Jahre, die sich dem Thema der illegalen Immigration aus Afrika oder dem Nahen Osten nach Europa angenommen haben, drehen sich größtenteils um die Bemühungen und Gewissensbisse eines europäischen Protagonisten, dem Flüchtling in seiner Illegalität Zuflucht sowie Hilfe zur Flucht zu geben. Dem Immigranten fällt dabei meist nur mehr die (Neben-)Rolle des abhängigen Hilfesuchenden zu, was sich in stereotyper Besetzung von Kindern oder Frauen erschöpft: der siebzehnjährige Kurde in Welcome (2009) zum Beispiel, der vom Franzosen Schwimmunterricht erhält, um durch den Ärmelkanal bis nach England zu gelangen, oder der kleine Junge aus dem afrikanischen Gabun in Le Havre (2011), dem Versteck und Flucht dank der Anstrengungen eines ganzen französischen Stadtviertels gelingen. Ein differenziertes Bild eines Migranten liefert Anja Salomonovitz in Spanien (2012): Ein erwachsener Moldawier agiert hier gleichberechtigt als eine der Hauptfiguren. Offensiv verfolgt er seine Pläne, ohne sich der Opferrolle unterzuordnen.

Im Gegensatz zu den zwei erstgenannten Filmen und noch ambivalenter als in Spanien ist die Figur des Illegalen mit Amadou (Issaka Sawadogo) in The Invader (L’envahisseur) angelegt, dem ersten Spielfilm von Nicolas Provost: ein vor Kraft strotzender und mit Muskeln bepackter Afrikaner, der versucht, sich in Brüssel durchzuschlagen, und für den wir – im Gegensatz zu allen zuvor genannten Figuren – nicht immer Sympathien hegen.

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Zu Beginn des Films fungiert ein FKK-Strand im Sonnenuntergang als Metapher für ein unberührtes, romantisches Paradies, das sich mit dem Eindringen der an Land gespülten afrikanischen Bootsflüchtlinge in ein Schreckensszenario verwandelt. Die Kamera gleitet in einer Plansequenz über den nackten Körper einer weißen, europäischen Frau, schreitet mit ihr unbeteiligt an den mehr tot als lebendigen Schiffbrüchigen vorbei, um ihr Interesse schließlich mit einem Zoom auf das Gesicht von Amadou zu verlagern. Als Einziger stehend und bei Bewusstsein, blickt er uns mit ungebrochenem Stolz eines Kriegers und der Attitüde eines Eroberers in die Augen. Er ist so stark, dass er sogar noch einen Freund aus den Fluten ziehen konnte.

Amadou arbeitet fortan illegal als Bauarbeiter. Mit dem Schweiß auf seinem Oberkörper und dem Lärm seines Presslufthammers weicht die träumerische Stimmung des ersten Blicks auf die neue Welt der Unerbittlichkeit der Realität. Doch trotz seiner körperlichen Kraft, die immer wieder in Szene gesetzt wird, ist es auch ihm nicht möglich, gänzlich unabhängig in Europa Fuß zu fassen.

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Er ist ein urbaner Samurai, der im Dienste seiner Schlepper schuftet, um seine Schulden zu begleichen. Als diese seinen Freund töten, bricht er aus und schwört auf Rache. Getötet wird in The Invader denn auch ganz nach Tradition der japanischen Schwertkämpfer mit Muskelkraft und scharfer Klinge. Und wie bei eben diesen Kriegern bedeutet die Gegenüberstellung von individueller Ehre und bitterem Überlebenskampf, der wenig Spielraum für Moral lässt, bereits eine Hinterfragung der Machtverhältnisse. Sozusagen herrenlos, wandelt er fortan auf sich allein gestellt durch die Straßen von Brüssel, bis er auf Agnès trifft, eine Geschäftsfrau aus höheren Kreisen. Auf der Jagd nach einem besseren Leben folgt er ihr wie besessen, verführt sie. Doch mehr als ihren Körper bekommt er nicht.

Amadou ist Eindringling nicht nur in ihrer Welt. Eine Welt, die ihn nicht teilhaben lassen will. Ihre beiden Welten berühren sich kurz, aber vereinigen sich nie. Auf eine abstrakte Weise versinnbildlicht dies Provost in einem Einschub gleich zu Beginn: Mit einem Spiegeleffekt montiert er nächtliche Aufnahmen von Fahrten durch Straßen und U-Bahn-Schächte zu einer endlosen Einbahnstraße aneinander. Zwei Lebenslinien, die sich niemals kreuzen. Nicht nur hier werden die Affinität des Regisseurs zum Experimentalfilm und Parallelen zu seinen früheren Arbeiten sichtbar. In Plot Point (2007) montierte er mit einer versteckten Kamera aufgenommene Alltagsszenen von Menschenmassen auf dem Times Square in New York zu einem spannungsgeladenen Thriller.

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In einem ähnlichen Spiel aus Fiktion und Dokumentation beobachtet er Amadou halb versteckt hinter Autos oder räumlich getrennt durch Glasscheiben auf den Straßen von Brüssel, um wenig später sein Gesicht bis zur Großaufnahme heranzuzoomen und jeglichen Kontext in Verbindung mit atmosphärischen Klängen elektronischer Musik aufzulösen. Deren Nuancen vom traumwandlerischen Ambiente bis hin zum Störgeräusch übersetzen auch auditiv seine verschiedenen Stimmungslagen.

Mit The Invader folgt Nicolas Provost nicht der gewöhnlichen Schwarzweißmalerei von Migrationsfilmen. Vielmehr zeichnet er ein ambivalentes, kein Mitleid heischendes Bild von einer Person, die alles daran setzt, ihr Ziel von einem besseren Leben zu erreichen.

Trailer zu „The Invader“


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