The International

„Everybody is involved“. Tom Tykwer versucht im Berlinale-Eröffnungsfilm Globalisierungskritik und Tourismuswerbung unter einen Hut zu bringen.

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Lou Salinger (Clive Owen) beobachtet aus sicherer Entfernung. In den nächsten Wochen wird er diesen Sicherheitsabstand verlieren und Grenzen überschreiten. Altmodisch hinter Häuservorsprüngen wird er sich trotzdem weiter verstecken. Gerade blickt er auf den Berliner Hauptbahnhof. Kurz darauf bricht sein Kollege tödlich zusammen. Die Kamera fährt nah ans Gesicht des Toten, windet sich, fast als wolle sie hineinkriechen.

Schon das Eingangsbild zeigt den Star ganz nah, sein markantes Frontprofil füllt das gesamte linke Bildfeld aus. Regisseur Tom Tykwer kommt seinen Protagonisten häufig sehr nah, vor allem aber ist er auf der Suche nach Bildern. Besonders angetan haben es ihm gläserne Gebäude. Das Berliner Polizeipräsidium sieht in dieser Welt von außen fast genauso aus wie die luxemburgische Konzernzentrale der International Bank of Business and Credit (IBBC). Das eine ist eigentlich am Potsdamer Platz beheimatet, das andere im selben Touch gehalten.

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Die Bank steht paradigmatisch für multimillionenschwere multinationale Unternehmen mit einem kaum noch zu entschlüsselnden komplexen Geflecht wirtschaftlicher Interessen. Wobei „multimillionenschwer“ genau zu definieren wäre. Der italienische Waffenproduzent Calvini erklärt Salinger und seiner Kollegin Eleanor Whitman (Naomi Watts) nämlich, dass weniger mit Profit als vielmehr mit Schulden gehandelt und spekuliert wird. Sie zu kontrollieren sei die Kunst. Calvini ist nebenbei auch die Hoffnung der italienischen Politik. Unter dem international verständlichen Motto „Il futuro che desidero” kandidiert er aussichtsreich für den Posten des Ministerpräsidenten. Auf einem Mailänder Prunkplatz hält Calvini eine Wahlkampfveranstaltung, direkt nach seiner Rede will er mit Salinger und Whitman sprechen. Thrillerfreunde wissen: Das verheißt nichts Gutes.

Tykwer zeigt den Ort wie so viele in einer Aufsicht. Ein Scharfschütze nimmt Calvini ins Visier, feuert – und verfehlt. Lädt nach und – Calvini ist bereits tot. Der Sündenbock weiß was hier gespielt wird und der Zuschauer auch: Verschwörung!

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Tykwer will seinen Film im Kontext der amerikanischen Paranoia-Filme verankert wissen, mit der Bank als abstraktem Bösen. Im Gegensatz zu seinen Vorbildern aus den 70er Jahren wird die Bedrohung hier aber sehr konkret und bekommt gleich mehrere Gesichter. Eines von ihnen gehört Jonas Skarssen (Ulrich Thomsen), dem Vorsitzenden der IBBC, ein anderes dem ehemaligen Stasi-Offizier Wilhelm Wexler (Armin Mueller-Stahl), seinem Berater.
Salinger folgt beiden bis nach Istanbul. Hier, am Schauplatz von Crossing the Bridge wird sein moralisches Dilemma versinnbildlicht. Das lautet: „Which bridge to cross and which bridge to burn“. Tykwer zeigt die Brücke in Aufsicht.

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Neben Mailand, Berlin und Istanbul hat The International auch New-York-Bilder zu bieten, die allerdings vor allem in Babelsberg entstanden sind. Hier haben Tykwer und seine Mitarbeiter das Guggenheim-Museum kurzerhand nachgebaut, nur um es dann wieder zu Klump schießen zu lassen. Bis zu Salingers Treffen mit dem grandios von Brian F. O’Byrne verkörperten „Consultant“ an diesem Ort ist The International vor allem Thriller, hier verdient er sich das Prädikat Actionthriller. Mit Anleihen bei John Woo, sichtbarer Freude, vor allem aber großer Präzision, kommt es inmitten der Installationen zum Shootout.

Bemerkenswert ist das Timing dieser Sequenz vor allem deshalb, weil es ausgerechnet dem Regisseur von Lola Rennt (1998) nie gelingt, seinem Film Tempo zu verleihen.
Im Gegensatz zu Das Bourne Ultimatum (2007), der atemberaubend von einem Schauplatz zum anderen hetzt, bremst sich Tykwer bei den ständig neuen Orten aus, auf der ständigen Suche nach Bildern.
Und dann, kurz vor dem Ende, findet er eines, ein wunderbares Bild für das Verschwinden.

Trailer zu „The International“


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Kommentare


prot

Alles beginnt mit einer Großaufnahme: Ein Mann steht angespannt wartend im Regen. 5 Minuten später liegt dieser Mann auf der anderen Straßenseite und blickt in die toten Augen eines Freundes.
Allein die ersten 5 Minuten von "The International" sind die Eintrittskarte wert. 5 Minuten, in denen jede einzelne der ruhigen, unaufdringlichen Einstellungen sitzt, in denen jedes Bild die perfekte Umsetzung des gesprochenen Wortes darstellt. 5 Minuten, in denen der Zuschauer auch ohne das gesprochene Wort versteht.

Tom Tykwer ist derzeit Deutschlands Exportschlager in Sachen Regie Nr. 1. Zu Recht. Ohne die Leistungen von großartigen Kollegen wie Hans-Christian Schmid schmälern zu wollen: Der Mann hat Stil. Seinen Stil. Für manche zu verspielt, zu selbstverliebt. Für mich immer konsequent der jeweiligen Geschichte angepasst. Als er seine rote Lola dreimal zeitgleich durch Berlin hetzte, war so wenig Zeit, dass sie sich die Leinwand mit sich selbst teilen musste. Split-Screen geht mir für gewöhnlich gehörig gegen den Strich. Hier war sie nur logisch. Ähnliche Beispiele ließen sich für all seine Filme von "Die tödliche Maria" bis hin zu "Heaven" problemlos finden (dass ich ausgerechnet "Das Parfum" bislang erfolgreich gemieden habe, wäre eine andere Geschichte). Für "The International" haben Tykwer und sein langjähriger Kameramann Frank Griebe aufs Neue die perfekte visuelle Umsetzung gefunden - eine moderne "David gegen Goliath"-Geschichte, die allerdings mit der Sagenwelt der Antike genauso wenig am Hut hat wie mit der Märchen-Ideologie Hollywoods.

Im Mittelpunkt der Handlung, die von Berlin über Mailand und New York nach Istanbul führt, stehen Interpol-Agent Louis Salinger (Clive Owen), die New Yorker Staatsanwältin Eleanor Whitman (Naomi Watts) und ihr verzweifelt-verbissener Versuch, die mächtige fiktive Weltbank IBBC für deren verbrecherische Machenschaften zu Fall zu bringen. Klingt nach einer actiongeladenen Weltreise an exotische Schauplätze à la James Bond? Weit gefehlt.

"The International" ist kein Film zur Bankenkrise - obwohl seit der Berlinale-Eröffnung allerorts davon die Rede sein mag. Vielmehr ist er eine Referenz an den präzis-sachlichen Politthriller-Stil der 70er Jahre, der glücklicherweise nicht totzukriegen ist. Es ist offensichtlich, welche Vorbilder Tykwer vor Drehbeginn im Hinterkopf hatte - und welche nicht. Coppolas "Der Dialog", Paculas "Die Unbestechlichen", Costa-Gavras "Z" und "I wie Ikarus" - Filme, geprägt von den Watergates ihrer Zeit, vorangetrieben durch ein packendes Drehbuch, welches das Tempo vorgibt und deshalb einen durch schnellen Schnitt zusätzlich forcierten Spannungsbogen überhaupt nicht nötig hat.
Auch wenn mittlerweile ein Jason Bourne und selbst ein neuer James Bond im internationalen Sumpf der Wirtschafts- und Politikverbrechen mitmischen: Die modernen Supermänner haben mit "The International" wenig gemein. Ich bin kein Freund von Sinnsprüchen. Doch dieser Film hat einiges zu bieten, das sich zu zitieren lohnt: „Es gibt einen Unterschied zwischen Wahrheit und Fiktion: Fiktion muss einen Sinn ergeben.“ Obwohl Tykwer im vorfinalen Showdown im Guggenheim Museum eindrucksvoll beweist, dass er durchaus das Zeug zum Actionfilmregisseur hätte: Diese Hetzjagd rund um den Globus ist kein Ballerfilm. Sie ist Fiktion auf der Suche nach Wahrheit. Sie ist ein Statement.

Da lässt es sich sogar verschmerzen, dass die Hauptakteure eher blass bleiben. Vor allem die normalerweise einzigartig hautlose Naomi Watts wirkt deplaziert. Überzeugender gelöst wurde diese in der Natur der Sache liegende Problematik in Stephen Gaghans viele verschiedene Erzählstränge umfassendem "Syriana". Der Episodenfilm war Tykwers Sache jedoch nie. Er konzentriert sich lieber auf den klassischen Sympathieträger - und bestätigt damit letztendlich doch ein wenig den Heldenmythos. Ein weiterer Kernsatz des Film, ausgesprochen vom freundlichen Bankberater unseres Misstrauens (Armin Müller-Stahl), lautet: „Manchmal findet man sein Schicksal dort, wo man ihm zu entgehen glaubt.“ Der Mensch - zumindest wenn er ein Held sein will - definiert sich nicht durch sein Denken und Fühlen, sondern durch sein Handeln. Auch wenn dieses von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist.

Es spricht für Tykwer & seinen kongenialen Partner Frank Griebe, dass sich "The International" auf eine einzige Einstellung zusammenfassen lässt. Keine Großaufnahme eines Schauspielergesichts, sondern eine Totale. Salinger steht vor der IBBC-Zentrale in Luxemburg. Ein verschwindend kleines Individuum vor der Allmacht eines großen Komplexes, in dem jedes einzelne Zahnrad seine Funktion erfüllt bzw. bei Nicht-Erfüllung problemlos ersetzt werden kann. Mensch gegen Maschinerie.

Nicht ohne eine gewisse Ironie lief vor dem Hauptfilm der Trailer zu "Terminator 4". Nein, Louis Salinger ist nicht John Connor. Tykwer mag visuell ein Poet sein, er ist auch Realist. Und die bittere Wahrheit jenseits der Fiktion ist: Die Maschine gewinnt immer.


Jojoone

Dieser Film war eine Enttäuschung! Leider... Habe von Tom Tykwer größeres erwartet :-(






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