The Innkeepers

Der Horror-Auteur Ti West nimmt die überfällige Entpostmodernisierung des amerikanischen Horrorfilms vor.

The Innkeepers 01

Der größte Wurf des amerikanischen Horrorfilmregisseurs Ti West besteht wohl darin, dass er es immer wieder schafft, seinem Publikum weiszumachen, er sei ein Postmodernist. Vielleicht haben wir uns auch nur schon zu sehr daran gewöhnt, dass popkulturell versierte und mit allen Kniffen und Klischees vertraute Jungregisseure das Genre dominieren, die die zweieinhalb Jahrzehnte seit der endgültigen Postmodernisierung des Horrorkinos überwiegend damit verbracht haben, immer wieder aufs Neue ihre eigene Videosammlung zu verfilmen. Und dann kommt jemand wie West daher, deutet mit ein paar scheinbar unmissverständlichen Zeichen, an der Oberfläche seiner Bilder verstreut, einen leicht trashigen und unbedingt retronostalgischen Modus an – um dann vor allem damit zu überraschen, dass es nichts zu überraschen gibt. In der Tat scheint Ti West nicht nur die große Hoffnung des amerikanischen Horrorkinos zu sein, sondern vor allem auch ein waschechter Klassizist.

Dies deutet sich in nahezu allen bisherigen Arbeiten Wests an. Bereits sein Debüt The Roost (2005), für sichtlich kein Geld inszeniert, schmiegt West in einen ironischen Retronostalgierahmen im heraufbeschworenen Stil jener trashigen amerikanischen TV-Horrorshows ein, in denen gar grauslig geschminkte Gastgeber mehr oder minder klassische Schwarzweißgrusler kommentieren. Mit der eigentlichen Inszenierung der durchaus mit Trashpotenzial aufwartenden Haupterzählung um garstige Vampirfledermäuse hat dieser Rahmen, der zum boshaften Ende hin dann gar in einen zeitgemäßen Blair Witch-Epilog kippt, dann freilich wenig bis nichts zu tun, denn aus dem kaum zu kaschierenden Mangel an (finanziellen) Mitteln holt West sehr viel heraus, indem er seinen Film gerade nicht als hell ausgeleuchtetes Trashfest mit Gummifledermäusen und Kunstblutfontänen inszeniert, wie es das postmoderne Genrekino so gern zelebriert, sondern eher als nachtverliebtes, experimentelles Schattenspiel, in dem das Grauen in jeder finsteren Ecke lauert.

Zu einem ersten Höhepunkt führte West diese minimalistische Ästhetik dann 2009 in The House of the Devil, einem beeindruckend effektiven Schauerstück in 70er-Jahre-Camouflage, das sich nicht für eine Sekunde auf nerdiges Zitateraten oder überhaupt auf den Modus der Ironie einlässt. Man könnte meinen, spätestens an diesem Punkt wird Ti West zum dezidierten Anti-Postmodernisten: Wo diese klassische Genremodelle aufnehmen, um sie ironisch zu brechen und mit ihnen zu spielen, nimmt West ihnen ihr Spielmaterial weg und täuscht durch seine Etüden in Retroästhetik an, einen ähnlichen Modus zu bedienen – nur um dann in dieser Verkleidung ganz ungebrochen wieder an klassische Genreerzählungen anknüpfen zu können.

The Innkeepers 02

The Innkeepers, die fünfte Regiearbeit Wests, ist dagegen schon wieder einen Schritt weiter. Zwar hat er die ganze Tradition des Spukhausfilms in sich aufgesogen und insbesondere auf Kubricks Shining (1980), zentrales und grenzensprengendes Hauptwerk des Subgenres, scheint er auch gelegentlich direkt zu verweisen. Und auch wenn die beiden Protagonisten, die nerdigen Rezeptionisten Claire und Luke, die in einem vor der Schließung stehenden Hotelkomplex auf Geisterjagd gehen, auf den ersten Blick aus dem Baukasten des Geekmasturbationskinos à la Kevin Smith zusammengesetzt wirken, erschöpft sich The Innkeepers nie im (selbst-)ironischen Zitieren und Variieren stereotyper Genresituationen. Im Grunde geht er nicht einmal – obwohl er sehr lustig und sehr gruselig ist – in der Form der Horrorkomödie auf. Insofern, als das Schaudern hier nicht durch Humor relativiert wird, der Schrecken nicht abgemildert wird durch die Emphase auf einen Pakt zwischen Film und Zuschauer, dass jener sich auf den spielerischen Spaß am Erschrecken konzentriert, aber niemals zu furchterregend sein darf.

Ti Wests Filme sind das, was sie in einem bestimmten Moment sind, stets ungebrochen. Und so wie The House of the Devil ästhetisch auf eine historische Epoche des Horrorkinos verweist, ohne diese Zitathaftigkeit zur Markierung der eigenen Künstlichkeit zu instrumentalisieren, greift The Innkeepers auf die stereotypen dramatis personae des naturgemäß stark zum Nerdismus neigenden postmodernen Horrorfilms zu – aber, und das macht einen großen, entscheidenden Unterschied aus, ohne seine Protagonisten je zu bloßen popkulturellen Collagen zu degradieren. Die Komik im ersten Teil von The Innkeepers entwickelt West ganz aus der Figurenzeichnung heraus, und der Horror, der sich langsam in die Inszenierung hineinschiebt, ist durchweg genuin und, dank Wests Talent vor allem für Timing und Sounddesign, tatsächlich erschreckend. Allein dafür, dass man sich endlich wieder einmal im Kinosessel gruseln darf, sollte man Ti West, dem Entpostmodernisierer des amerikanischen Horrorfilms, sehr dankbar sein.

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Kommentare


The Critic

Ti West hat beim FrightFest Q&A explizit negiert, irgendwelche <I>Shining</I>-Zitate verwendet zu haben. Bewußt habe er versucht jegliche Ähnlichkeiten zu vermeiden, was sich schwierig gestaltet, wenn eine Steadycam einen Hotelkorridor abtastet.

Gefilmt wurde übrigens in dem Hotel, in dem die Crew für <I>House of the devil</I> nächtigte.






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