The Informant

Mit The Informant, der US-Pay-TV-Verfilmung eines in den achtziger Jahren spielenden Romans zum Nordirlandkonflikt, greift Jim McBride die eröffneten politischen Konfliktlinien höchst unromantisch auf.

The Informant

In ländlicher Einöde steht ein Wohnwagen. Eine Titeleinblendung informiert: Nordirland, 1983. Drinnen schaut ein Mann aus dem Fenster und schreckt auf. Zwei zwielichtige Gestalten treten uneingeladen ein. Er versucht, sie abzuwimmeln: Er habe seine Jahre im Gefängnis abgesessen, er wolle nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Sie ermahnen ihn: Er habe einen Eid geleistet. Widerwillig lässt er sich von ihnen auf eine Autofahrt mitnehmen. Zu The Pogues´ irischer Folk-Punk-Variation von „Dirty Old Town“ als Vorspannmusik geht es für ihn nun vom ländlichen Frieden zurück in den urbanen Krieg, vorbei an mit Parolen bemalten Hausfassaden, an Panzerfahrzeugen, an brennenden Autowracks. Eine weitere Titeleinblendung informiert über den Zielort: Belfast.

The Informant ist eine Verfilmung des Nordirlandkonflikt-Romans Field of Blood (1985) von Gerald Seymour, einem Journalisten und Autoren, der sich in seinen Werken vorrangig mit politischen Krisenherden, Terroristen, Widerstandskämpfern und Geheimdiensten beschäftigt. Der amerikanische Pay-TV-Sender Showtime, in seinem Marktbereich der etwas finanzschwächere nächste Konkurrent zur Marktspitze HBO (Die Sopranos, 1999-2007, Elephant, 2003, Sex and the City, 1998-2004) bemüht sich mit The Informant vollauf um Erfüllung der in seinem Sektor herrschenden Ansprüche an personell gehobene Qualitäts-Eigenproduktionen: Die Darstellerriege ist mit dem Starfaktor des ehemaligen James-Bond-Darstellers Timothy Dalton ausgestattet, und künstlerisch findet sich das Projekt in die Hände von Regisseur Jim McBride gelegt, der unter den amerikanischen Film-Auteurs zwar nicht zu den bekanntesten zählt, aber dank David Holzmans Tagebuch (David Holzman´s Diary, 1967), dem Godard-Remake Atemlos (Breathless, 1983) und Der große Leichtsinn (The Big Easy, 1987) durchaus einige Titel zu verantworten hat, die im kulturgeschichtlichen Gedächtnis hängen geblieben sind.

The Informant

McBride lässt seine Figuren nach dem Vorspann noch ein paar Minuten höchst temporeich Bürgerkrieg spielen. Der Mann aus dem Wohnwagen, Gingy McAnally (Anthony Brophy), wird von der örtlichen IRA genötigt, mit einem Raketenwerfer einen Richter vor einem Regierungsgebäude in die Luft zu jagen. Die nachfolgende Flucht, eine Autoverfolgungsjagd, das Übertölpeln einer Straßensperre der britischen Armee und ein gut vorbereiteter Hinterhalt von rollenden Mülltonnen, die den britischen Verfolgern den Weg versperren, ist mehr von spieltaktischer Euphorie als Problematisierung der Gewalt erfüllt, aufgepeitscht zumal durch Fortführung des The-Pogues-Soundtracks, der erst einmal eine positive Identifikation mit der präsentierten Action nahelegt.

Doch genau diese euphorisierende Musik wird später in steigender Irritation an auch ganz anders gearteten Stellen wiederkehren: etwa, nach McAnallys Verhaftung, wenn er als der titelgebende „Informant“ seine IRA-Befehlsgeber verrät. Ebenfalls ertönt sie zur Verprügelung seines katholischen Jungen durch benachbarte Protestanten-Kinder, nachdem die Familie ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen wurde. Die Musik lässt sich hier nicht als kohärente Einfühlung für eine Richtung, eine Gruppe oder auch nur ein Individuum festlegen. Stattdessen befördert sie in ihrer überlegenen Kontrapunktierung eine fast schon höhnische Distanzierung des Films vom profanen politischen Schlamassel, in dem die Figuren gefangen sind.

Die IRA selbst zeichnet McBride als Gangsterfilm-Kabinett verschlagen dreinschauender Ganovengesichter, die sich in verrauchten Hinterzimmern an Billardtischen treffen und das eigene katholische Milieu kaum minder terrorisieren als die protestantischen Nachbarn und die britische Militärpräsenz. Ihr Verhalten ist dabei geprägt von einem blutigen Ehrbegriff, Erpressung, Gewaltandrohung und drakonischer Bestrafung vermeintlicher Verräter. Die IRA in The Informant ist Mafia.

The Informant

Aber auch in ihrer protestantischen Gegenfigur Detective Rennie (Timothy Dalton), die McAnally zum Geständnis seiner Auftraggeber treiben möchte, malt McBride kein allzu schönes Positiv zum fraglosen Negativ der IRA aus. Der Detective ist manipulativ, brutal und hinterhältig. Er wird von einem unrasierten Dalton aufs Allergenussvollste mit so grandioser Schmierigkeit und Obszönität gespielt, dass jede Szene, in der er auftritt, ganz allein ihm gehört.

Zwischen diesen Fronten stehen McAnally, frustrierend passiv und rückgratlos gegenüber den Bedrängungen jeder Seite, und der bis ins Naivste gutmütige britische Soldat Ferris (Carry Elwes), der ihn ursprünglich festnahm. Hier romantisiert der Film eine Männerfreundschaft herbei, die auf Seiten McAnallys peinlich obsessive Intensität bis zur Nicht-Duldung von Ferris´ Freundin erreicht. Gegenüber den zwielichtigen Räumen der mafiösen IRA und des fiesen protestantischen Detective ist diese Freundschaft irgendwo in einem gegensätzlichen dritten Raum, dem des Militärischen, verortet, dem der Film die Ehre zuschlägt, als bloße Ausführungs- und Ordnungsinstanz politisch indifferent zu sein. So kann McAnally Ferris die Hand reichen mit der Feststellung, sie seien doch beide nur Soldaten.

In ihrer Zeichnung als externe Polizei, die professionell-neutral über den innernordirischen Konfliktlinien und gegen den Terror beider Seiten zu stehen versucht, kommt die britische Militärpräsenz tatsächlich von allen Parteien im Film noch am Besten weg. Allerdings wirkt sie auch nicht als befähigt genug, um eine Lösung der Situation zu bewirken. Indem The Informant so dem Zuschauer die Lieferung eines einfachen Ausweges genauso verwehrt wie die sentimentale Identifikation mit wenigstens einer der Konfliktparteien, bildet er die Verzwicktheit und Moralfreiheit realer politischer Problemkonfigurationen weitaus gekonnter ab, als es ein mit seinen politischen Ambitionen lauter tönendes Kino oftmals vermag.

Kommentare


Criostoir

Der Film zeigt sehr gut die innere Zerrissenheit der Hauptperson auf, doch leider hat der ansonsten gute Film einen, meiner Meinung nach, großen Logik Fehler: Sämtliche IRA Aktivisten verüben die Anschläge ohne Maskierung.






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