The Infiltrator

Jedem Ende wohnt ein Anfang inne – und jedem Anfang ein Ende? Brad Furmans Mafiafilm um einen von Bryan Cranston verkörperten Undercover-Agenten löst die dramaturgische Struktur in einer Logik der Sucht auf. Der große Pablo Escobar ist ausnahmsweise mal nur ein Gimmick.

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„Jede Geschichte hat einen Anfang, einen Mittelteil und ein Ende“, betont die Direktorin der Drogenbehörde DEA und ermahnt damit im nächsten Atemzug ihren Angestellten, Undercover-Agent Robert Mazur (Bryan Cranston): „Das ist das Ende.“ Dass diese vielleicht grundsätzlichste aller erzähltheoretischen Feststellungen in solch einen Befehl mündet, ist einer simplen Tatsache geschuldet: Mazur will eben diese Geschichte in der Geschichte, deren Protagonist er selbst ist, eigentlich nicht zu Ende gehen lassen. Er begründet das mit der Möglichkeit eines noch größeren Ermittlungserfolges, eigentlich löst sich aber so nur ein, an was sich The Infiltrator bis hierhin, kurz vor dem Finale, inszenatorisch unter anderem abgearbeitet hat. Man kann das gut mit einer weiteren Floskel aus dem Film-Duden beschreiben, diesmal zu finden unter dem Oberbegriff Schauspiel: Er ist in seine Rolle hineingewachsen. Jene Rolle des in großem Umfang Geld waschenden Roberto „Bob“ Mussella, mit deren Hilfe er sich und seinen Partner Abreu (John Leguizamo) nach und nach in das mächtige Drogenkartell unter der Führung von Pablo Escobar einschleust. Und sich dabei immer mehr von seinem Leben als Ehemann und Vater, aber auch als rechtschaffender Staatsdiener entfremdet, entfremden muss.

Ein Breaking-Bad-Gefüge

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Eine von Bryan Cranston verkörperte Figur, hin- und hergerissen in einem Doppelleben, in dem eine neue Rolle sich zu mehr, zu einem Alter Ego auswächst? Wir kennen das, und dennoch setzt The Infiltrator von dieser Konstellation ausgehend andere Schwerpunkte als zu ihrer Zeit die Fernsehserie Breaking Bad (2008-2013). Zum einen wird der Fokus auf die Hauptfigur immer wieder durch zahlreiche Nebencharaktere um- und abgelenkt. Typisch für den Mafiafilm fährt The Infiltrator da eine ganze Armada an Gestalten auf, gerade zu Beginn wird einem bei den vielen Namen und Männern mit Sonnenbrillen ganz schwindlig. Doch Autorin Ellen Sue Brown, die wohl beim Schreiben vom ‚echten‘ Robert Mazur unterstützt wurde, und Regisseur Brad Furman, nutzen diese Menge nicht nur, um die Netzstruktur des organisierten Verbrechens erfahrbar zu machen, sondern auch um immer wieder kleinere, situative Dramaturgien zu kreieren. Oft nimmt sich das reichlich spaßig aus, wie etwa die Episode um den schwulen Mittelsmann Ospina (Yul Vasquez), der immer ganz in weiß auftritt und seine Verhandlungspartner gern auch ein bisschen betatscht. Überhaupt: Je mehr sich die Situation zuspitzt, desto stärker schälen sich die exzentrischen Eigenheiten der Figuren heraus, die noch cooler, noch nervöser, noch verführerischer werden. Oder ist es genau umgekehrt? Durch das große Ensemble hält The Infiltrator die (An-)Spannung ständig hoch; jederzeit, so hat man das Gefühl, könnte von jeder und jedem Einzelnen etwas ausgehen. Der Tod ist immer nur einen halben Meter entfernt, immer wieder wird eine Person in nächster Nähe zu den Protagonisten um die Ecke gebracht.

Das Undercover-Leben als Partydroge

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Lediglich der große Pablo Escobar bleibt, obwohl sein Name ständig fällt, inszenatorisch ein Phantom. Das ist nicht zuletzt vielleicht auch ein Kommentar auf die verstärkte mediale Bearbeitung dieser Figur in den letzten Jahren – nach einigen Biografien nimmt momentan Netflix mit Narcos den größten Drogenbaron aller Zeiten in den seriellen Blick, für 2018 ist ein Film namens El Patron (dann mit John Leguizamo in der Hauptrolle!) angekündigt, Oliver Stone liebäugelt ebenfalls schon länger mit dem Stoff. Für The Infiltrator bleibt „Don Pablo“ aber angenehmerweise lediglich ein Gimmick, interessiert sich der Film doch weniger für die Linearität (etwa von Aufstieg und Fall), sondern eben mehr für die Kippbewegungen zwischen zwei Welten ganz unterschiedlicher Dynamik und Moral – und letztendlich das sich stetig steigernde Wohlgefallen an der Welt des Anderen, und hier vor allem an der des ausschweifenden Bösen. Denn so wie Mazur die eigentliche Fake-Identität Mussella immer mehr und durchaus mit Genuss beherrscht, so entscheidet sich auch The Infiltrator in seinen ästhetischen Markierungen klar für die widersprüchliche Exzentrik der Mafiawelt: Immer wieder werden die unübersichtlich-hektischen Inszenierungen in schmierig dunklen Räumen überraschend von schimmernden Tableaus gekünstelter (wie im Falle Opinas) oder künstlerischer Performance (wie etwa jene der Nachtclubtänzerinnen) aufgebrochen. Das Undercover-Leben als Partydroge, von der man nicht mehr runterkommen will. Und die so schließlich auch die strenge Dramaturgie von Anfang, Mittelteil und Ende in eine Zeitlichkeit der ständigen Wiederholung, der Sucht überführt. Was wiederum zum vielleicht elementarsten Reiz der Fiktion führt: Austauschbarkeit. Jedes weitere Ende ist immer schon ein Anfang. Und umgekehrt kann jeder Anfang ein Ende sein, zumindest will uns das The Infiltrator mit seiner Schlusspointe spitzbübisch weismachen. Da wird nämlich Hochzeit gefeiert, doch diese Hochzeit stellt nicht etwa den Anfang, sondern den Schlusspunkt eines gemeinsamen Lebens dar.

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