The Impossible

Body-Horror im Urlaubsparadies. Juan Antonio Bayona dreht seinen nächsten Emotionsschocker und schickt die Zuschauer ohne Erbarmen mitten in die Hölle der Tsunamikatastrophe von 2004.

The Impossible 01

Die Ankunft des Bösen kommt plötzlich und mit aller Gewalt. Die das Festland erreichende Welle monströsen Ausmaßes ist ein einziger Einschlag, mit aller aufzubietenden Wucht inszeniert. Was eben noch als abstraktes Dröhnen lediglich von der Möglichkeit des Bedrohlichen kündete, knallt nun regelrecht durchs Bild: Menschen werden mitgerissen, Bäume entwurzelt, Glas, Holz und Beton zerbersten durch die unaufhaltsame Kraft des Wassers. Familie Bennett, die im luxuriösen Strandressort von Kao Lak eben noch in harmonischer Eintracht ihre Weihnachtsferien genoss, wird von der Welle getrennt: Vater Henry (Ewan McGregor) und seine beiden jüngsten Söhne finden Zuflucht im steinernen Hauptkomplex der Ferienanlage, während Ehefrau Maria (Naomi Watts) und ihr ältester Sohn Lucas (Tom Holland) von den Fluten ins Landesinnere mitgerissen werden. Es bleibt kaum Zeit durchzuatmen, die wuchtige Action der aufs Land treffenden Naturkatastrophe wird umgehend mit der menschlichen Tragödie vernäht: Mutter und Sohn verlieren sich in einer extrem gedehnten und spektakulär animierten Über- wie Unterwasserszene immer wieder aus den Augen, werden unkontrolliert weggespült und von allerlei Treibgut malträtiert und aufgeschlitzt. Körperlich stark versehrt, doch vereint retten sie sich auf einen den Kräften strotzenden Baum.

The Impossible 05

Das Motiv der Zusammenführung der Liebenden, die Ungewissheit über das Schicksal der nächsten Verwandten ist dann auch handlungstreibender Motor der spanischen Produktion The Impossible (Lo Imposible, 2012). Das mit dieser nur allzu gut bekannten melodramatischen Konstellation verbundene und zumeist seelische Leiden der Figuren setzt Regisseur Bayona (Das Waisenhaus, The Orphanage, 2007) aber nun radikal körperlich um. Im Gegensatz zum gängigen US-amerikanischen Emotionskino, dessen Grundton sich der Film schon allein des Casts wegen – große Schauspielernamen verkörpern die weiße Vorzeigefamilie – annähert, schmeißt The Impossible Protagonisten wie Zuschauer einmal kräftig in die Torture-Pfanne. Halb abgeschnittene Gliedmaßen, Blut, Kotze und Leichenberge, eingefangen in unruhigen, aber drastisch anschaulichen Bildern, dazu verzerrte Gesichter in Großaufnahme und ins Mark fahrende Schreie der weiblichen Hauptfigur. Die Heftigkeit der beschriebenen Anfangsszenen scheint dabei unablässig nachzuhallen, jede Bewegung wirkt prekär, nur selten ermöglichen Luftaufnahmen der zerstörten Landstriche, die den Film wie Satzzeichen strukturieren, so etwas wie Kontemplation.

The Impossible 08

Die Melange des Schauderhaften wird potenziert durch mehrfach eingebaute, in hochpathetische Formeln verpackte Binnenerzählungen: Maria findet im Geröll einen kleinen Jungen und bringt ihn mit durch, Lucas hilft im überfüllten provisorischen Krankenhaus, getrennte Familienmitglieder wieder zusammenzubringen, Sönke Möhring spielt einen deutschen Touristen, der seine ganze Familie tragisch am Strand verloren hat und Henry ein zum hart umkämpften Kommunikationsmittel verkommenes Handy mit Akkurestlaufzeit leiht. Den physischen Schmerzen folgt die Realisierung des Verlustes, der Trauer die Freude des unverhofften Wiedersehens.

The Impossible 12

Eine solche Tour de Force der Gefühle kennt nur ein Jetzt der Fiktion. Fragen nach dem nicht Erzählbaren, nach der „true story“, wie es zu Beginn des Films exponiert heißt – die Handlung basiert auf dem Schicksal der spanischen Familie Belon – bleiben außen vor, The Impossible lässt sie mit seinem fiesen emotionalen Impact gar nicht erst aufkommen, macht sie nicht zu seinem Problem. Den nicht annähernd einen ähnlichen Druck aufbauenden TV-Bildern von damals und dramaturgisch wenig pointierten Internet-Videos der Geschehnisse setzt der Film eine konsequent kondensierte Verpflanzung der Naturkatastrophe in individuell-körperliches Leiden und dessen Ausstellung entgegen. Nichts ist dabei mehr außerhalb zu denken. „Think of something nice“, diese den Film durchziehende Phrase, richtet eine Krankenschwester gegen Ende an die dahin krepierende Maria kurz vor einer möglicherweise lebensrettenden Operation. Was folgt, ist eine Wiederaufnahme der unsteten Wasserszene zu Beginn des Films, als mentales Nahtodbild einer Protagonistin, die ihrer körperlichen Versehrtheit zum Trotz dann doch noch die Faust kämpferisch in den Himmel streckt.

Trailer zu „The Impossible“


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Kommentare


Martin

"konsequent kondensierte Verpflanzung"???
Sorry aber so eine geschwollen geschriebene Kritik liest man nicht oft.
Viele ineinander verschachtelte Fremdwörter verlangen ein mehrmaliges lesen um die Kritik zu verstehen.






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