The Immigrant

Eine Hure als Lady Liberty.

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Es sind Aufnahmen einer existenzialistischen Depression, wie aus der Erinnerung gerissen, subjektiv überformt, abstrakt und von großer, tieftrauriger Klarheit. In der Ferne leuchten die Taschenlampen von Polizisten in warmer Farbe; gerahmt von der ewigen Nacht, tanzen sie im Dunkel der Furcht, durchstoßen den Raum der unendlichen Gefahren, bilden die bittersüße Hoffnung auf einen Weg ans Tageslicht der rechtschaffenen Bürger und sind doch gleichzeitig selbst eine Bedrohung für Ewa (Marion Cotillard), polnische Einwanderin mit ungesichertem Status, und ihren Beschützer Bruno (Joaquin Phoenix). Von Anfang an umgibt ein Schleier des Schmerzes die Bilder von James Grays The Immigrant. Der zweite Historienfilm des Regisseurs – nach Helden der Nacht (We Own the Night, 2007) –, angesiedelt im New York des Jahres 1921, steht in der erzählerischen Tradition der großen amerikanischen Epen und deutet die eigene Geschichte mithilfe von mythisch überhöhten, persönlichen Schicksalen von Schuld, Rache und Sühne. Zugleich prägt ihn eine intime Verbindung zum direkten Vorgänger in Grays Werk, Two Lovers (2008), dessen visuelle Verdichtung und emotionale Intensität er fortführt.

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The Immigrant ist als spannungsgeladenes Programm angelegt: Trotz aller Abstraktion und affektiver Zuspitzung interessiert sich der Film für ein klar umrissenes, soziohistorisches Biotop, für die von der alten Welt gezeichneten Einwanderer, für die Transitpunkte wie Ellis Island, für das New York der kleinen Gangster, der Zauberer und Zuhälter. Gray strebt zeitgleich in entgegengesetzte Richtungen: die der Analyse und die der Synthese. Nur ganz selten nutzt er als Übergang zwischen beidem Dialoge, die dann und wann didaktisch ins Geschehen eingreifen, das Empfundene ans Historische, das Persönliche ans Soziale zurückbinden. Auch in den Figuren sind beide Vektoren stets präsent: Kein Schauspieler, der nur die losgelöste Privatperson verkörpern würde, denn jeder Protagonist trägt die Last seiner Funktion und seiner Herkunft.

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Cotillard steht als katholische Polin im Zentrum von The Immigrant, als Außenseiterin in einer jüdisch geprägten Einwandererschaft, sie gibt ihrer Figur den Stolz einer über ihre Verhältnisse Gebildeten, aber auch eine Leere in den Augen, die die Scham der sich gegen alle Widrigkeiten durchschlagenden Frau nachempfinden. Gray lässt sie sich immer wieder verstecken und zurückziehen, in die Settings hinein, hinter die sie umgebenden Menschen. In der Revue-Show, für die sie der Zuhälter Bruno verpflichtet, spielt sie die „Lady Liberty“ im Kostüm der Freiheitsstatue. Sie soll tanzen und unterhalten, stattdessen steht sie eingepfercht zwischen zwei anderen einfach nur still. Nichts hat sie von der Grazie und Statur dieser Figur, die die Einwanderer willkommen heißt, obwohl ein jeder in ihren feinen Gesichtszügen ihr Potenzial zu erkennen glaubt. Ihrer Zierlichkeit stehen die anderen Frauen mit Kraft und vulgärem Selbstbewusstsein, mit stattlichen Hüften und voluminösen Brüsten gegenüber. Sie gehören zu Bruno, der selbst nur ein Mittelsmann ist, aber alle für sich einnimmt. Er ist ein bulliger und charismatischer Protagonist, der gewieft Fremde wie Nahestehende umgarnt und eine faszinierende, bodenständige Präsenz entwickelt, die im Angesicht von Ewa langsam zu bröckeln beginnt. Zunächst inszeniert er sich selbst als hilfsbereiten Lebemann, dann wechselt er in einen kalkulierten Wutausbruch, um Ewa ihre Grenzen aufzuzeigen, anschließend gibt er den nüchternen Geschäftsmann, der ihr die Prostitution als offensichtlichen und einzigen Ausweg nahelegt, bevor er ihr nach und nach verfällt und selbst zum Spielball wird.

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Gray ist ein Meister in solch geladener Schauspielführung, die anders als beim Landsmann Paul Thomas Anderson, der zuletzt für The Master ebenfalls mit Phoenix zusammenarbeitete, mehr auf kleinere Vibrationen als auf das große Beben setzt. Nicht zuletzt ist das schon daran abzulesen, wie viel Raum Phoenix in The Immigrant Cotillard lässt. Bis zum Schluss, wo Gray ihm einen monumentalen, leidensgeplagten Auftritt schenkt, fügt er sich in die fotografisch komponierten Bilder, anstatt sie zu dominieren. Und Jeremy Renner, der die Rolle des zweiten Manns im Leben von Ewa übernimmt, hat man vermutlich noch nie so verspielt und empfindsam gesehen wie hier. Sein Orlando, der Magier, ist Hoffnung und Mär eines besseren, leichteren Amerika, das sich mit der Immigration nicht die Schuld der Welt aufbürden muss, sondern den Neuanfang unbeschadet wagen kann. Ewa, die längst von ihrem Gewissen geplagt ist, wagt kaum daran zu glauben, dass sie einen Weg ohne Opfer finden wird, die Abschiebung ihrer erkrankten Schwester noch zu verhindern. Ihre Hoffnung ohne Zuversicht, ihre Verdammung zur Sünde durchdringt den Film vor allem in Form einer ausgefeilten Lichtdramaturgie.

The Immigrant 01

The Immigrant prägen seltsam flache Bildkompositionen, bei denen das spitze, zugleich meist gedämpfte Licht innerhalb der in Sepiatönen getränkten Aufnahmen für Kontraste und Rahmungen sorgt. Gray und sein Kameramann Darius Khondji, der bekannt ist für Arbeiten mit Jean-Pierre Jeunet, Wong Kar-Wai und David Fincher, setzen starke Akzente, gestalten immer wieder entrückte Momente und eine ganze Reihe an Affektbildern, bei denen sich die Gefühle sehr direkt vermitteln. Der epochale Gestus und die epische Natur der Erzählung machen sich wiederum in den Zurichtungen dieser Bilder bemerkbar, der Einprägung von Perspektiven und Blicken, die den Film stets als Erinnerung, als Spur eines – freilich fiktiven – Zeugnisses rekonstruieren. Damit lädt Gray den Film mit Bedeutung und mit Schlagkraft auf, wo die entschleunigte Dramaturgie dagegenhält. Die Geschichte der Vereinigten Staaten als notwendiger Sündenfall fasst er in eine superbe Einstellung ganz am Schluss, die Montage zweier gegenläufiger Bewegungen in ein und demselben Bild, hinaus in die Weite der USA, hinein in die Sühne.

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