The Illusionist

Der leise Abschied des Magischen und die schöne Geburt des Kinos – Sylvain Chomets The Illusionist ist ein kleines Animationswunder.

The Illusionist

Wie viel Magie steckt im Betrug, und wie viel Wahrheit in der Illusion? Wenn das Leben niemals ganz durchschaubar ist, wenn es immer aus einer Überlagerung von Gewissheit und Lüge bestehen muss, weil wir nie gänzlich durchblicken können, was wahr ist und was falsch, dann ist der Illusionist praktischer Philosoph. Er macht sich die erkenntnistheoretische Unbehaustheit des Menschen zunutze und zur Profession. Bleibt nur zu hoffen, dass er ein Spaßvogel und Menschenfreund ist und kein scharfsinniger Manipulator wie jener Cipolla, den Thomas Mann einst in seiner Erzählung „Mario und der Zauberer“ beschrieb. Denn dann kann aus der Bühnenshow schnell Ernst werden.

The Illusionist geht aber in eine ganz andere Richtung. Hier ist es weniger der Magier, der die Verlogenheit der Welt demaskiert, sondern andersherum die Welt, die von den spielerischen Betrügereien des Illusionisten nichts mehr wissen will. Aber dann gibt es noch einen Dritten im Bunde: die große Illusionsmaschine Film, die den Cipolla spielt und uns Zuschauern das Possenspiel unseres Lebens vor Augen führt.

The Illusionist

The Illusionist erzählt von Magiern und ihrem Verschwinden, davon, dass die moderne Gesellschaft keinen Sinn mehr darin sieht, von einem alten Mann mit Zylinder an der Nase herumgeführt zu werden. Wir wollen Involvierung, Ein- und Durchsicht, nicht Betrug. Doch wir sehen nicht, wie wir, das charmante Betrogenwerden durch den Magier zurückweisend, unser ganzes Leben in eine Lüge verwandeln. Der Magier betrog die Menschen nur, um sie abzulenken, nicht um sie ins Bockshorn zu jagen. Ihr Leben war in seiner Härte so wirklich, so entbehrungsreich, war ganz und gar entzaubert. Und wahrscheinlich ist es das noch immer, doch neue Magier traten an den Platz des Jahrmarktkünstlers. Am Ende steht unser Illusionist, traurig und lächerlich zugleich, in einem Schaufenster, zaubert Büstenhalter aus Handtaschen, nur mehr Helfershelfer des Großmeisters des Make-Believe: der kapitalistischen Funktionsweise.

Wen eine solche fein beobachtete und mit leisem Humor inszenierte Konsumkritik ein wenig nostalgisch stimmt, denkt in die richtige Richtung. The Illusionist basiert auf einem Originaldrehbuch Jacques Tatis, das Sylvain Chomet sehr einfühlsam zu einem Animationsfilm umschrieb. Es ist der erste Auftritt eines gezeichneten Monsieur Hulot.

The Illusionist

Chomets Adaption ist getragen von einer Stimmung melancholischer Elegie, wahrscheinlich, weil anders der etwas angestaubte Stoff nicht ins Heute hätte übertragen werden können. So schaut man den Film mit verklärten Augen, blickt in eine entrückt wirkende Vergangenheit, gleich einer Erfahrung, die schon immer Erinnerung war. Es ist ein sanfter Film, keiner der großen Effekte und Gesten (von einigen unnötigen 3-D- Animationen einmal abgesehen).

Choment vertraut auf doppelbödige Inszenierung, auf nicht ganz ausbuchstabierte Anklagen und Fingerzeige, auf eine schlichte, schöne Gestaltung. Und trotzdem reflektiert er sehr weitsichtig über unterschiedliche Logiken des Betrugs und deren Bedeutung für unser Leben und unsere Positionierung in der Welt. Der Animationsfilm ist für sich genommen ja schon eine einzige Betrügerei, indem er uns Welten vorgaukelt, die ganz und gar erdacht und erschaffen sind. Aber das ist Kino ja sowieso, und es gibt nicht wenige, die im Animationsfilm die wirkliche Essenz des Kinematografischen, die echte Illusion der Bewegung erkennen wollen. Der Realfilm sei nur ein Modus von Animation unter vielen, und er hat sich nur deshalb durchgesetzt, weil er praktisch ist. Chomet würde dem wahrscheinlich zustimmen, aber auf die ihm eigene, hintergründige Art. So lässt er seinen gezeichneten Hulot in eine Kinovorstellung von Mein Onkel (Mon oncle, 1958) stolpern. Auf einmal blickt die Zeichnung dem Original, oder dem Abklatsch, entgegen. Der Magier in The Illusionist heißt übrigens Tatischeff, Tatis echter Name. Realfilm und Animation treffen sich auf der Fläche der Leinwand, ein Vorgaukeln von Welt sind beide.

The Illusionist

Neben dem Magier gibt es noch eine zweite Hauptfigur; ein Mädchen, das ihm aus den schottischen Highlands nach Edinburgh folgt und mit weit aufgerissenen Augen jedem seiner Tricks mit aller Kraft Glauben schenkt. Ihre Entwicklung ist seiner entgegengesetzt. Ganz allmählich wird sie zur Verkörperung einer modernen Idee von Illusion. Ihr Lieblingstrick ist der schlichteste im Repertoire des Magiers: die Münze hinterm Ohr. Für Geld erhält man Dinge und Träume. Weil das Mädchen ans Zaubern ernsthaft glaubt, sieht sie nichts von der Armut und der Verwahrlosung des Magiers, er kann sich ja stets herbeizaubern, was er will. Oder was sie will.

So kommt sie vom Land in die Stadt, in abgerissener Kleidung und mit offenen Augen für die Schaufensterpuppen und Vitrinen an den Gehsteigen. Immer mehr wird sie zur Schaufensterpuppe, Stück für Stück lässt sie sich die Kleidung austauschen von dem unglücklichen Magier. Als sie am Ende des Films wieder ins Schaufenster blickt, blickt sie in einen Spiegel und sieht sich selbst. Hinter ihr steht ein neues Mädchen in abgerissener Kleidung, sieht beide Puppen und glaubt, „die da hat es geschafft“. Kleider machen Leute, man kennt das, aber im Zusammenhang des Filmes ist diese Szene Sinnbild der Wachablösung einer Schauindustrie durch die nächste.

Als sich dann ein Junge in das Mädchen, oder besser: in ihre repräsentable Form verliebt, ist endgültig kein Platz mehr für den Magier. Er haut ab, hinterlässt nur Blumen, etwas Geld und eine kurze Notiz: „A magician does not exist.“ Das stimmt. Er hat sich aufgelöst, ist diffundiert in unsere Welt, in ihre Plakate, Zeitschriften, Songs und Kinofilme, und in diese Kritik.

Kommentare


raymond

Falsch: er stolpert nicht in eine Vorstellung von Playtime, sondern von Mon Oncle!!


Frédéric

@raymond
Danke für den Hinweis, ist korrigiert.






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