Die Jagd

Wenn der Kindergärtner nicht pädophil ist.

The Hunt 02

Am Beginn und Ende von Die Jagd (Jagten) wird im Wald mit Gewehren auf schutzlose Tiere geschossen, als Sport und aus Tradition. Ein Männerritual, eine gesellschaftliche Notwendigkeit in der kleinen dänischen Ortschaft, in der Thomas Vinterberg seine neue Moralparabel angesiedelt hat. Dazwischen wird ein Mensch gejagt: Lucas (Mads Mikkelsen), ein im Dorf beliebter Mann, wird schnell merken, wie wenig die gepflegten Männerfreundschaften wert sind, wenn es hart auf hart kommt. Seitdem die Schule geschlossen hat, ist der Lehrer nun Kindergärtner. Er ist ein stiller Mann, der sein Schicksal würdevoll hinnimmt, aber auch zu kämpfen weiß, etwa für das Sorgerecht seines pubertierenden Sohnes. Bevor das Drama seinen Lauf nimmt, beobachten wir ihn in seinem Alltag, auf dem Weg zur Arbeit, bei der vorsichtigen Annäherung mit einer jüngeren Frau, beim Trinkgelage mit seinem Jagdclub, im liebevollen Umgang mit der kleinen Tochter seines besten Freundes, beim Herumtollen im Kindergarten. Stets strahlt er eine Ruhe und Genügsamkeit aus, die jeden in seinem Umfeld für ihn einzunehmen scheint. Ein Musterbeispiel moderner Virilität. Bis er für pädophil gehalten wird.

The Hunt 04

Die Versuchsanordnung ist gesetzt: Ein Dorf, ein Mann, eine Anschuldigung. Kindermund tut Wahrheit kund. Das glaubt jedenfalls die Kindergärtnerin Grethe (Susse Wold), als die kleine Klara (Annika Wedderkopp) ihr vom steifen Glied von Lucas erzählt. Zunächst zögert sie, fragt nochmal nach, will das Protokoll für solche Situationen strikt befolgen. Doch dann wird sie von Abscheu übermannt: „So etwas denken sich Kinder doch nicht aus!“ Mitten in der Befragung der Kleinen übergibt sie sich. Vinterberg ist ein Moralapostel und ein Sezierer gesellschaftlicher Perversionen. Während er aber etwa in seinem bis heute maßgeblichen Werk Das Fest (Festen, 1998) und auch in seinem letzten Film Submarino (2010) tatsächlichen Kindesmissbrauch und den gesellschaftlichen sowie persönlichen Umgang damit fokussiert, dreht er in Die Jagd die Konstellation um, lässt uns dezidiert für den Beschuldigten Partei ergreifen. Ambivalenz entsteht erst im Nachhinein, im Spiegel seines Umfelds, wo einer nach dem anderen sich von ihm abwendet. Kindermund tut Wahrheit kund.

The Hunt 03

Wo viele seiner bisherigen Werke sich formal aufdrängten, Authentizität und Symbolismus feierten, da ist Die Jagd viel zurückgenommener. Vom Jagd-Setting, das den Film rahmt, abgesehen, verzichtet Vinterberg auf unnötige Metaphern. Wie sein Protagonist, scheint auch der Regisseur hier ganz bei sich und seinem Stoff zu sein. Er findet eine beeindruckende Balance, die Dramatik Szene um Szene zu steigern, setzt die Stellschrauben sehr genau und treibt Lucas dabei nur langsam in die Enge. Im Spiegel des dörflichen Umfelds werden Vorurteile, mögliche und wahrscheinliche Reaktionen durchdekliniert. Eindringlich werfen sie die Frage auf einen selbst zurück: Wem würde ich glauben? Lucas’ Standkraft und seine Contenance wirken als Kontrast verstärkend. Er lässt sich nicht zum Opfer machen, er versucht sich erst gar nicht zu verteidigen, zu erklären. „Es ist absurd.“ „Es stimmt nicht.“ Alle Versuche von Gesprächen werden ohnehin von der Gegenseite geblockt. Fragen stellen, das wäre am Kinde zweifeln. Lukas ist aber längst persona non grata. Die Straßen, auf denen er zu Beginn noch ein verlorenes Mädchen nach Hause führte, Straßen, die er mit Gleichmut und Leichtigkeit entlang schritt, heißen ihn plötzlich nicht mehr willkommen. Vinterberg nutzt die schlichten Settings des Dorfes, um die zunehmende Verdrängung Lucas’ aus der Öffentlichkeit zu vermitteln. Überall, wo er fortan auf andere trifft, ist er ungebetener Gast.

The Hunt

Die Jagd ist in der Reihe an Filmen, die sich mit Pädophilie beschäftigen, eine Ausnahmeerscheinung. Einerseits weil er das übliche Moment der (falschen) Unschuldsvermutung des Täters umkehrt, der nette Nachbar ist hier immer schon verdächtig. Vinterberg inszeniert eine von Angst gezeichnete Gesellschaft, in dubio contra reum. Andererseits löst sich nichts in Wohlgefallen auf: Denn obgleich Lucas’ Unschuld für den Zuschauer nie in Frage gestellt wird, macht der Film es sich zugleich zur Aufgabe, Ursprünge und Deutungsmöglichkeiten der Anschuldigung ebenfalls zu erforschen. Kann es sein, dass Klara einfach nur „Blödsinn“ erzählt hat, wie sie wiederholt selbst sagt? Leugnet sie die Tat im Nachhinein vielleicht aus Scham? Woher kommen ihre Gedanken an steife Glieder? Einleuchtend und erschreckend, wie nachvollziehbar jede (Vor-)Verurteilung wirkt und wie machtlos demgegenüber die Vernunft ist. Haben wir uns in dem Glauben eingerichtet, dass grundsätzliche Paranoia in Sachen des Kindesmissbrauchs vernünftig ist? Männer als Kindergärtner verboten gehören? Lasst Priester nur noch supervisiert an unsere Kinder ran! Die Jagd macht sich daran, Interferenzen mit unserem Weltbild zu produzieren. Eine noble Aufgabe, ein hehres Ziel.

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Kommentare


sk

Schöner Text. Mein Eindruck war auch, dass in The Hunt sehr effektiv etwas durchschimmert von der Ohnmacht, mit der wir Pädophilie gegenüber stehen - während ein äußerst geradliniges Drama in bemerkenswerten Bildern eingefangen wird.


Peter Chylewski

Die Idee mit dem steifen Glied hat Klara von dem iPad, das ihr die andern Kinder zeigen.
Ansonsten eine gute Kritik.


Frédéric Jaeger

Das hab ich auch so gesehen. Die Szene wird einem als Zuschauer als Interpretation angeboten (und hilft bei der Unschuldsvermutung) - könnte aber (so dachte ich eine Weile) auch eine falsche Fährte sein. So oder so, diese Information haben die anderen Protagonisten nicht.


Peter Chylewski

Ausser Marcus' Patenonkel, der sagt an einer Stelle (sinngemäss) zu ihm: "Weisst Du, Kinder schnappen allerlei Dinge vom Fernsehen auf": Er hat - als einziger - die (richtige) Fährte aufgenommen, auch wenn er "Fernsehen" sagt und nicht "Computer" - er ist ja auch schon etwas älter. Ich glaube, die Drehbuchautoren haben ihn absichtlich "Fernsehen" sagen lassen, um seine Aussage umso glaubwürdiger (weil unvoreingenommen) zu machen, und dies zu Recht, da wir als ZuschauerInnnen ja die Wahrheit (Klara hat's vom Tablet-Computer aufgeschnappt) kennen.






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