The Horseman – Mein ist die Rache

This is not your average vigilante movie!

Brisbane, Queensland. Der Exterminator kommt. Ein apokalyptischer Racheengel, der stoisch von einem Opfer zum nächsten zieht, ehe er ein Mädchen in seinen Lieferwagen aufnimmt, das seine Tochter sein könnte.

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Worin besteht die Faszination für Vigilante-Filme? Mir ist bislang keine ernsthafte Auseinandersetzung und Analyse mit dem Subgenre bekannt (für Hinweise wäre ich dankbar). Anscheinend ist das Forschungsfeld ähnlich verpönt wie sein Gegenstand. Wenig verwunderlich, handelt es sich doch um Produktionen, die per se reaktionär sind, denen ihre zu verachtende politische Haltung immer schon eingeschrieben ist. Fernab von spezialisierten Fan-Festivals bleibt ihnen meistens nur die Videothek als Heimat, in die reguläre Kinoauswertung schafft man es mit diesem begründeten Ruf nur selten. Und wenn sich ausnahmsweise mal ein waschechter Star wie Nicolas Cage gegen gute Bezahlung für ein solches Projekt entscheidet, kommen die allerschlimmsten Vertreter des Genres heraus. Oder aber seltsam optisch weichgespülte, in ihrer Gesinnung allerdings nicht minder verachtenswerte Streifen wie Sleepers (1996).

Seinen Höhepunkt hatte das Genre nachvollziehbarerweise in den eisernen 1980er Jahren der Reagans, Thatchers und Kohls. Mit Death Wish 3 (1985) und der Ikone Charles Bronson verbündete sich der Rachefilm mit dem Militär- und Bandenfilm. Als reine Actionorgie bündelte er Rassismen, Ressentiments und infantile Männerfantasien zur rechten Weltordnungsformel. Doch weit nach Schließung der Bahnhofskinos erfahren die Rächer weltweit neue Wertschätzung vor allem junger Regisseure. Erst kürzlich war hierzulande der Versuch des oscarprämierten englischen Talents Daniel Barber zu sehen, Michael Caine als Bronson-Mutation Dirty Harry Brown wieder in den Krieg zu schicken.

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Im Zentrum mit einer Ausnahme jedes Death Wish-Spektakels steht ein Sexualverbrechen mit tödlichen Folgen. Spätestens seit Paul Schraders Hardcore hegt das Subgenre eine zusätzliche Faszination für die Pornoindustrie. Seine Protagonisten sind manchmal Ehemänner, meist Väter. Die Legitimation zur Selbstjustiz kommt fast immer aus dem Munde der Mütter. 8 mm (1999) dekliniert die Genreprinzipien in dieser Hinsicht genüsslich durch.

Auch der neuere australische Film The Horseman folgt hier dem Genrestandard: Christian (Peter Marshall) hat seine Frau und seine Tochter verloren. Erstere durch Scheidung, Letztere in Folge von Drogen, die sie während eines Pornodrehs konsumierte. Christian sucht das Drehteam auf, einen nach dem anderen.

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Bei einem so limitierten Genre spielen die Darstellungsmodi eine noch größere Rolle als bei anderen Formaten. Und hier – so viel steht fest – geht es prinzipiell um die Darstellung von Gewalt. Worin eine gewisse Nähe zu den Torture-Flicks der vergangenen Jahre besteht. Während Filme wie Hostel (2006) sich aber dezidiert einem gruselnden Teenypublikum zuwenden, das mit den Fantasiewelten von Drehbuchautoren konfrontiert wird, stellt sich The Horseman in die Reihe ernstzunehmender Erwachsenenfilme. Regiedebütant Steven Kastrissios macht das Einzige, was einem der Vigilante-Film nahelegt: Er eruiert die Formen der Darstellbarkeit des Kampfes um Leben und Tod sowie die Reaktionen der Zuschauer. Er wählt den schmalen Grat zwischen Schauwert und Analyse. Während Hostel und 8 mm Ersteres zugunsten des Zuschauerkomforts klar in den Vordergrund stellen und in ihrer warmen Hochglanzästhetik ein Refugium bieten, ist The Horseman so rau und ungeschliffen, dass er weh tut.

Die erste Dreiviertelstunde des Films ist eine Stilübung par excellence. Wenn Knochen und Gelenke brechen, ist der Zuschauer so nah dran und involviert, dass er meint, den Schmerz zu fühlen. Den Schmerz auf beiden Seiten. Der Vigilante-Film arbeitet sich stets an dem Paradox ab, dort, wo Opfer zu Tätern werden, doch klare Opfer-Täter-Dichotomien zu entwerfen. Bei The Horseman ist das lange Zeit anders. Christian ist schuldig, daran besteht kein Zweifel. Immer mehr setzen ihm seine eigenen Taten zu. Hier durchbricht The Horseman die Logik der Death Wish Reihe, wo den Protagonisten nach und nach alle Zweifel verlassen, ehe er sogar einsieht, nicht nur die eigene Ordnung, sondern die der gesamten Gemeinschaft wiederherstellen zu müssen. The Horseman stellt die Redundanz der Taten heraus. Immer wieder: Detektion, Konfrontation, Exekution. Schließlich kauert Christian neben seinem Opfer auf dem Boden, und niemand weiß mehr, wie es weitergehen soll. Hier, nach einer knappen Stunde, könnte der Film enden, seine Protagonisten und Zuschauer entlassen. Leider tut er das nicht. Was folgt, ist ein letztes Filmdrittel, das nach einem retardierenden Moment noch einmal alles auffährt, was das Genre zu bieten hat, inklusive Showdown und Katharsis. Christian, die mythische Figur, wird ihren Auftrag erfüllen, daran besteht von vornherein kein Zweifel. Dass darüber hinaus aber noch eine Rückkehr in die Menschlichkeit möglich scheint, ist zu viel des Guten.

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Was einen Wermutstropfen bedeutet, aber auch nicht mehr, denn dieser rohe, direkte und intensive Film mit seinem umwerfenden Hauptdarsteller ist unbedingt sehenswert, beispielsweise als Double-Feature mit der anderen aktuellen australischen Rache-DVD Red Hill.

Kommentare


Mad Max

Ich stimme der Kritik zu!
Sie stellt eine, wie ich finde, sehr genaue Analyse des Rache-"Schauwerts" dar. Da ich selbst zwangsläufig mit Streifen wie Death Wish und 8MM aufgewachsen bin und immer auch eine äußerst verhaltene Begeisterung für eben genannte Filme empfunden habe, finde ich die Gegenüberstellung von "Analyse" und "Schauwert" sehr treffend! Die Erkenntnis, das Torture-Flicks wie Hostel und Saw optisch extrem überladen sind - damit meine ich die Reizüberflutung der Splatter-Effekte, die ohne jeglichen Zusatz von Spannung initiiert werden und zu unerträglicher Langeweile dahinmodern - ist zwar nicht neu, bestätigt aber einmal wieder das kellertiefe Niveau der meisten Mainstream-"Schocker".

Sehr gut gefallen hat mir der Vergleich mit Harry Brown. Als Fan von Barber und Caine war der Film schlichtweg eine derbe Enttäuschung, obwohl er durch die düstere Bildsprache bisweilen eine gute visuelle Ästhetik entwickelt.
Das ist auch der Punkt, den ich an The Horseman am meisten loben möchte und den Sie auch angesprochen haben. Textur und Bilddimension sind umwerfend. Sie ziehen den Zuschauer unmittelbar ins Geschehen, anstatt eine pervers-spannermäßige Distanz zu entwerfen, die bei vielen Vigilante-Streifen eine verqueres Beobachtungsgefühlt erzeugen.

Ich bin mir allerdings nicht ganz sicher, ob ich nun die eben genannten Filmsemiotischen Qualitäten den offensichtlichen Drehbuchschwächen von The Horseman auf eine solche Weise vorziehen möchte, dass ich The Horseman als UNBEDINGT empfehlenswert ansehen kann. The Horseman liegt aber definitiv über dem Durchschnitt, wie ihr Titel treffend beschreibt.

Nun möchte ich auch noch meine Meinung zur Faszination der Vigilante-Movies zum Besten geben. Ich sehe den Ursprung im amerikanischen Gangsterfilm bwz. auch den Western der 1930er Jahre. Ein Film wie Dirty Harry 40 Jahre später begeistert meiner Meinung nach nicht nur durch die perfekte Bildsprache, sondern v.a. auch durch den ambivalenten Charakter des Protagonisten. Die Filme von Olivier Marchal (Mr 73) funktionieren zu großen Teilen auch nach diesem Prinzip. Ich würde es wirklich auf die Unergründbarkeit der Figuren beziehen, die in innerhalb ihres Umfelds desorientiert und reaktionär verhalten. The Horseman funktioniert ja die ersten 60 Minuten in dieser Hinsicht wirklich famos, aber die Katharsis ist, wie Sie schon sagten, einfach überflüssig.
Da liegt der Film, zumindest im Ende - und das ist beim Vigilante Film ja durchaus bedeutungsschwer - WEIT hinter Klassikern wie Death Wish (1974) oder Point Blank von John Boorman, über den hier noch gar nicht gesprochen wurde...

MfG






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