The Homesman

Tommy Lee Jones erzählt ein Western-Märchen von einer Frau, die auszog, kein Mann mehr sein zu müssen.

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In Nebraska reicht der Himmel bis zum Boden, die karge Landschaft des Mittleren Westens gibt auf die majestätischen Wolken eine schüchterne Antwort. Wenn hier Mitte des 19. Jahrhunderts etwas wächst, dann unter größter Not, harter Arbeit und mit tiefem protestantischem Glauben. Der Titel gebende Homesman, der verlässliche Mann, der die Felder ohne Murren bestellt, ist eine Frau. Mary Bee Cuddy (Hilary Swank) ist sich selbst gegenüber unerbittlich und erwartet das auch von anderen. Sie ist ehrgeizig und getrieben. Nur ist sie bereits über dreißig und hat noch keinen Ehemann. Sie selbst wundert das am meisten. Den Nachbarn bekocht sie ab und an. Ihr Heiratsangebot lehnt er ab – sie sei zu autoritär, er wolle sich lieber im Osten eine Frau suchen. Dorthin zieht es auch sie schon bald, denn als ein Mann gesucht wird, der drei in den Wahnsinn getriebene Frauen in die alte Heimat transportiert, entpuppt sie sich als der einzige Homesman der ganzen Gegend. Sie nimmt die Verantwortung und Bürde einer wochenlangen Reise im harten Winter wie selbstverständlich auf sich.

Tommy Lee Jones als Hallodri

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So einsam sie ist, allein muss sie nicht bleiben: Tommy Lee Jones wird bald in einer überraschenden Rolle als Reisegefährte auftreten und von da an den von trockenem Humor durchzogenen Film zu einer bitter-sanften Komödie machen. Für seinen zweiten Kinospielfilm nach Three Burials (The Three Burials of Melquiades Estrada, 2005) hat sich Regisseur Jones selbst als Hallodri besetzt. Seine Figur, die bis zum Schluss nur einen spontan erfundenen Namen trägt, ist ein Vagabund, ein Dieb und Eigenbrötler. Ihm schenkt Jones die schönsten Momente. Das beginnt bei seiner Exposition – den beiden Szenen, die diesen George Briggs einführen: Ein Stein wird von wachsamen Bürgern in den Kamin geworfen, um Briggs aus dem Haus zu jagen, das er besetzt hat. Er rennt aufgescheucht, wild gestikulierend und voller Ruß im Gesicht aus der explodierenden Hütte. Der 67-Jährige springt durch die Totale mit jugendlicher Beweglichkeit, als ob er tanzte – in der komödiantischen Tradition des Slapsticks. Cuddy begegnet ihm kurze Zeit später auf einem Pferd, eine Schlinge um den Hals. Doch sie bindet ihn nicht einfach los, sondern lässt sich alle Zeit der Welt, nüchtern und in sich ruhend, bis sie ihm das Versprechen abgerungen hat, sie auf ihrer Odyssee in den Osten zu begleiten.

Ein Film über die conditio feminina

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Obwohl Cuddy im Mittelpunkt steht, ist es der Blick von Briggs, der den Film prägt. In ihm verbinden sich das Unbeteiligte des alten Drifters, den die Welt nichts direkt angeht, und eine kindliche Offenheit für das Fremde. Vor allem in dem sich nur langsam und nebenbei entfaltenden Porträt der drei Passagierinnen, von denen jede auf eigene Weise den Verstand verloren hat. Mittels elliptischer Rückblenden schildert The Homesman diese amerikanischen Schicksale der Periode, doch auch in der Jetztzeit fängt er immer wieder etwas von ihnen ein. Er gibt nicht vor, ihre Geschichten auszuerzählen, sondern entwickelt eher so etwas wie ein fragmentarisches Puzzle, das nie ganz aufgehen wird, zugleich feinfühlig und vorurteilsfrei, aber nicht weichgezeichnet. Dazu trägt auch die effektvolle Entscheidung bei, den Wahnsinn fast gänzlich unter Verzicht auf Sprache zu vermitteln, denn alle drei bleiben auf der Reise stumm. So ist The Homesman auch im Nebenstrang ein Film über die conditio feminina. Zu den Stärken und den Schwächen der Romanadaption gehört, dass das Frauengeschlecht stets ein Rätsel bleibt. Eines, das es wohlwollend zu beobachten gilt, in das aber nicht einzugreifen ist. Eines, das mehr im Kleinen denn im Großen Auswirkungen hat.

Demonstrative Bescheidenheit

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Jones nutzt seine breiten Bilder von Panorama-Motiven kaum für erhabene Aufnahmen. Das Staunen in The Homesman erwecken fast immer die Figuren. Erst kurz vor Schluss, bei der Ankunft in Iowa, dem einige hundert Kilometer weiter östlich liegendem Bundesstaat, gönnt sich der Film ein paar in sanftes Licht gebadete Einstellungen von der nun vollkommen verwandelten Landschaft, dem Frühling in einem von berstend grünen Bäumen geprägten Stadtbild einer scheinbar heilen Welt, die mit dem Ausgangspunkt in der Herbstdürre nicht stärker kontrastieren könnte. Tatsächlich hat Jones aber nicht nur einen den Jahreszeiten entsprechenden Wandel in Szene gesetzt, sondern einen demonstrativ bescheidenen Film gedreht, der in seinem Gestus der konzentrierten Wesentlichkeit seiner Protagonistin entspricht. Für ein mit Western-Archetypen, -Milieus und -Räumen arbeitendes Werk ist das eine mutige Entscheidung. Getragen wurde sie nicht zuletzt durch private Investoren und Mäzene, welche für die Produktion von US-Autorenfilmen, die sich auf das Spiel mit europäischen Festivals noch einlassen, eine inzwischen entscheidende Funktion eingenommen haben.

Eine Gelegenheit zum Tanzen

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Das von Jones zusammen mit Kieran Fitzgerald und Wesley Oliver verfasste Drehbuch sucht die Konflikte, um sie dann über Bande aus dem Bild verschwinden zu lassen. Die etwas schroffe Dramaturgie, die an ein Roadmovie angelehnt ist, verliert denn auch die anfänglich zentrale Auseinandersetzung mit dem Status der Frau aus dem Blick, um sich strukturell dem Drifter anzunähern. The Homesman wird dadurch zu einem intellektuell anregenden Film, der einem den Stoff auf halber Strecke entzieht. Der Wahnsinn hält Einzug und birgt für Jones ganz zum Schluss noch eine Gelegenheit zum Tanzen, doch dieses Mal ist er nicht mehr auf der Flucht, sondern ganz berauscht – in seiner existenziellen Krise endlich richtig angekommen.

Trailer zu „The Homesman“


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