The Grey - Unter Wölfen

Das Männliche und das Wilde: Alphatier Liam Neeson schlägt sich durch eine schneebedeckte Hölle.

The Grey 1

John Ottway (Liam Neeson) zückt seine Waffe und blickt durchs Visier. Einen Augenblick zuvor sahen wir ihn noch an der Bar Schnaps trinken, den Gewehrlauf in den Mund stecken, einen Brief schreiben. Nun liegt er im kalten Nirgendwo auf der Lauer. Die Bedrohung ist erfasst, mit einem gekonnten Schuss erlegt er sein Ziel. Überrascht blicken sich die Männer, die an den Leitungsrohren arbeiten, um. Von dem sich anpirschenden Wolf ahnten sie nichts. In diesen wenigen Augenblicken erfahren wir alles über Ottway, was wir wissen müssen. Wir beobachten einen gebrochenen Mann, voller Sehnsucht nach der Geborgenheit seiner Geliebten, widrigen Umständen und ständiger Gefahr ausgesetzt. Er leidet, doch er beschützt, er zweifelt, doch er kämpft. The Grey entspinnt Bilder archaischer Geschlechterkonzepte.

Ottway arbeitet für einen großen Ölkonzern in Alaska, seine Aufgabe ist es, die Arbeiter vor Angriffen wilder Tiere zu schützen. Nach seinem letzten Arbeitstag macht er sich mit einigen Kollegen auf die Heimreise, doch das Flugzeug gerät in einen Sturm und stürzt in der verschneiten Alaska-Tundra ab. Für die Überlebenden beginnt ein schier aussichtloser Todeskampf, doch Nahrungsmangel und Eiseskälte sind nicht die einzigen Sorgen der acht Männer. Ein aggressives Wolfsrudel nimmt Witterung auf und macht erbittert Jagd auf die Crew.

The Grey 2

Von da an heißt es Mann gegen Natur. Vom ersten Bild an ist The Grey darauf bedacht, eine undurchdringliche Atmosphäre des Unbehaglichen zu zeichnen. Das Zivilisierte hat hier zu keinem Moment Platz, auch die Szenerie um die Ölraffinerie ist ein kalter Nicht-Ort, eine Art Sammelbecken für „man unfit for mankind“, wie Ottway die daraufhin prügelnden Arbeiter zu bezeichnen pflegt. Das aktuelle Actionkino scheint wieder mehr Gefallen daran zu finden, das Geschehen um bestimmte Geschlechterbilder herum zu bauen. Während Ryan Gosling in Drive (2011) den wortkagen Stoiker gibt, dürfen in Haywire (2011) und Colombiana (2011) die Frauen aufs Resoluteste ans Werk gehen. Sicher, derartige Extremrollen kennt man zuhauf, doch kommt ihnen nach einer Welle hyperstilisierter Comicverfilmungen, bei denen die Figuren quasi schon im Fertigbausatz mitgeliefert werden, wieder ein neues Interesse zu.

Ganz so soziopathisch, wie der Film eingangs behauptet, sind diese Kerle aber dann doch nicht, und hinter dem noch so harten Erscheinungsbild liegt der berüchtigte weiche Kern. Der unbesiedelte Raum ist kein Lebensbereich für diese bärtigen, kräftigen Männer, deren Drang, zu Frau und Kind zurückzukehren, hinreichend Spielzeit einnimmt. Drehbuchautor Ian Mackenzie Jeffers und Regisseur Joe Carnahan drehen hier ordentlich an der Schraube biederer Wertevorstellungen. Die Familie steht der unmenschlichen Wildnis als Sehnsuchtsort gegenüber. Besonders stark zeigt sich dies im fast schon rituellen Sammeln der Geldbörsen der Verstorbenen. Sollte einer der Männer überleben, wird er diese den Angehörigen als Erinnerungsstücke überbringen. Trotz solcher Sentimentalitäten erweist sich in dieser Extremsituation aber letztlich tierisches Verhalten als mögliche Verteidigungsform. Das Animalische steht in Form der Wölfe als Kontrahent gegenüber, doch brechen derartige Muster auch zunehmend in die Phalanx der Männer ein. Das Alphatier steht von vornherein fest, und zum Schluss fährt der letzte übriggebliebene menschliche Kämpfer seine mit Glasfläschchen und Klebeband provisorisch zusammengeschusterten Krallen aus.

The Grey 5

Nun muss man Joe Carnahan als Filmemacher nicht unbedingt Sympathie entgegenbringen. Seine letzten Filme Das A-Team – Der Film (The A-Team, 2010)  und Smokin´ Aces (2006) sind nicht viel mehr als überladene Action-Nummernrevuen, besonders Letzterer geriet mit seiner enormen Überdrehtheit geradezu grenzdebil. Fehlendes Gespür für adäquate formale Umsetzung kann man Carnahan jedoch nicht vorwerfen. Gleiches gilt für The Grey, doch im direkten Vergleich zu seinen vorhergehenden Filmen drosselt der Regisseur hier sichtlich das Tempo und macht Platz für ordentliche Spannungsbögen und Gänsehautmomente, die meist in den mannigfachen Wolfsangriffen kulminieren. Carnahan bedient sich hier geschickt gängiger Horrorelemente, die er zwischen die Actionszenen einstreut. Leuchtende Augen und austretender Atem der ansonsten im Verborgenen liegenden, heulenden Raubtiere evozieren den Schrecken des Nicht-Sichtbaren in fast schon klassisch anmutender Gothic-Novel-Manier.

The Grey 10

Das ergibt einen ungemein konservativen, aber hocheffektiven Genrefilm über den Willen zu überleben. Einige Elemente mögen bei dem ein oder anderen Zuschauer ganz gewiss einen faden Beigeschmack hinterlassen, doch ist The Grey Carnahans bislang stärkster Film. Der fast schon haptisch im Kinosessel erfahrbaren Kälte durch den Kamerafilter kann man sich jedenfalls nur schwer entziehen.

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Kommentare


sk

ich finde, carnahan und der film kommen etwas zu schlecht weg.
seit narc, einem der besten copfilme der letzten 30 jahre, sowie ticker, dem besten beitrag der driver-kurzfilmreihe, ist carnahan ein hoffnungsträger für das amerikanische genrekino. etwas ausgebremst (und da geht es ihm vermutlich ähnlich wie fincher) hat ihn der versuch einer zusammenarbeit mit produzent tom cruise an mission impossible. smokin aces ist dann, ja, völlig daneben gegangen. aber schon a-team fand ich einen der gelungenreren spin-offs und letztlich sehenswerter als die serie.
the grey jedenfalls hat mich völlig begeistert. hier könnte man doch wirklich mal auf das klischee eines "poetischen" films zurückgreifen. die arbeit von kameramann takayanagi hat mich sehr beeindruckt und lange habe ich keine so wunderbaren 35-mm-farbchoreographien mehr gesehen. ein großer film über das sterben, denke ich.






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