The Green Inferno

Die unbarmherzige Bestrafung der amerikanischen Kultur: Eli Roth hat wieder einen Film gemacht.

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Wenn Eli Roth dem Kinopublikum etwas zeigen möchte, dann tut er es für gewöhnlich mit eiserner Vehemenz. Wobei: „Zeigen“ beschreibt es nicht hinreichend, es ist eher ein „Unter-die-Nase-Reiben“, wenn er uns am Durchbohren und Zersägen seiner meist jugendlichen Figuren teilhaben lässt. Das ist das eine. Doch woran mag es nur liegen, dass Roth stets Gefallen daran findet, seine Landsleute ausgerechnet in den Schattenreichen fremder Kulturen ins allergrausamste Verderben zu stürzen? Die gelinde gesagt makabren Culture-Clash-Dystopien seiner Hostel-Filme (2005–2007) suhlten sich regelrecht in der schonungslosen Zermarterung der amerikanischen Opfer. In The Green Inferno wird die Begegnung der Kulturen nun erneut zum Höllentrip.

Der italienische Kannibalenschocker der 1970er Jahre, dessen Vertreter im Abspann gar namentlich genannt werden, darf Pate stehen. Bereits die einleitenden Panoramaaufsichten des südamerikanischen Dschungels, auf denen die Credits in retroschickem Gelb ein- und ausfaden, sind solchen aus Genrevorbildern wie Cannibal Holocaust (1980) nicht unähnlich. Eine studentische Öko-Aktivistentruppe möchte einen Großkonzern daran hindern, den Lebensraum eines peruanischen Ureinwohnerstammes zu zerstören. Nach dem Absturz ihres Flugzeuges werden die Teenager jedoch von eben diesem verschleppt und eher als Nahrung und Ritusobjekt betrachtet denn als Retter.

„Fressen oder gefressen werden“ – symbolisch und buchstäblich

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So erscheint es auch wenig überraschend, dass sich die Dezimierung der Glücklosen alsbald mit größtmöglicher Explizität vollzieht. Bei Roth lohnt es sich jedoch immer, einen genaueren Blick auf das blutige Treiben zu werfen, denn tatsächlich war schon das Osteuropa-Massaker Hostel cleverer, als es an der Oberfläche zu sein schien. Die Bestrafung sexwilliger Touristen im verwunschen anmutenden Bratislava oder auch die Schilderung des vernetzten Folterersyndikats in Hostel 2 lassen sich durchaus als garstige Seitenhiebe auf die Ausschreitungen der globalisierten Weltwirtschaft samt Ausbeutung und Unterdrückung lesen. Sofern man natürlich bereit ist, im Meer aus Blut und Gedärm derartige Anprangerungen aufzuspüren.

The Green Inferno operiert ebenfalls gemäß solchen Anordnungen und ist doch ganz anders. Vom vielzitierten Torture Porn, einem Begriff, der Roths Kino allenthalben entgegengeschmissen wird, kann hier strenggenommen keine Rede mehr sein. Wo der Folterspaß einer dekadenten High Society dem reinen Fresstrieb weicht, da regiert aberwitziger, daherfantasierter Exploitation-Exotismus. Doch wird Roth nicht müde, die buchstäbliche Dekonstruktion der Zivilgesellschaft mit vielen kleinen Spitzen zu versehen. Herhalten muss freilich das Studentenvolk, das trotz Weltgewandtheit und sozial-ökologischem Gebaren auch nur schematische, pseudohippe Überflusskultur verkörpert, die in den mondänen Universitätsräumen New Yorks herangezüchtet wird.

Körper als Schmuck, Körper als Naturprodukt

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Während die eine darüber nachsinnt, mit welchem Tattoomotiv sie diese einzigartige Lebenserfahrung an sich festhalten könnte, braucht der andere erst einmal was Ordentliches zu rauchen, bevor es ans Werk geht. Bei allem weltverbesserischen Aktionismus dürfen selbstgefällige First-World-Attitüden also erhalten bleiben. Wenn dann schließlich alles Zivile der Primitivität archaischer Kulturen gewichen und der schöne junge Körper zur bloßen Naturalie verkommen ist, im Angesicht des Todes unverhohlen onaniert wird und die Funktionalität von Magen und Darm vollständig außer Kontrolle geraten ist, erhält der letzte Rest an Luxusgütern eine nie dagewesene pragmatische Dimension. Das signallose Handy etwa erweist sich als Ablenkungsmanöver und auch das Marihuana, dieses kleine Heilmittelchen der rauschsüchtigen Vergnügungsgesellschaft, kommt zu Hilfe. Kurzerhand verstaut man es in einem der leblosen Körper, der den Kannibalen zum Verzehr dienen soll, mit dem Ziel, diese in einen friedvolleren Zustand zu versetzen. Ein desperater Gegenschlag der Kultivierten.

Boshafte Lust an der Grenzüberschreitung

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Gewiss, all das wird unentwegt übertüncht von Roths boshafter Lust an der Grenzüberschreitung, seinem Faible für den simplen Schock. Doch die hundsgemeine Ironie – die, die man zu retten gedachte, werden zum ärgsten Feind – und einige kleine Kniffe tragen dazu bei, dass man dem Exzess bis zum Schluss Aufmerksamkeit schenkt. So wie sich das Grauen in Hostel zunächst unter dem Deckmantel der frivolen Klamotte verbirgt, rückt Roth in The Green Inferno erst etwas Teenieliebelei in den Fokus. Justines (Lorenza Izzo) Motivation, sich bei der Rettungsaktion zu beteiligen, ist eigentlich Gruppenführer Alejandro (Ariel Levy), der es ihr angetan hat. Der eigentliche Terror bricht erst los, nachdem dieser vermeintliche Gutmensch schon als hinterhältiger Schuft entlarvt ist, der in erster Linie eigenen Interessen hinterherjagt. Eine Gut-Böse-Dichotomie entsteht damit schon innerhalb der Gruppe, die schließlich gesamtheitlich als Opfer des Urwaldvolkes herhalten muss, was der Dynamik des Films zugute kommt.

Man mag zu Roths Terrorfantasien stehen, wie man will, doch muss man diesem schamlosen Geschichtenerzähler ein geraumes Maß an Geschick zugestehen, und das sowohl erzählerisch als auch inszenatorisch. Mit seiner leidenschaftlichen Hingabe, eine fragwürdige Schaulust beim Zuschauer wachzukitzeln, rüttelt er gekonnt am makabren Urprinzip des Kinos, das er stets in einen eigenen Kontext zu rücken und damit erfolgreich zu aktualisieren versteht. Das ist die absurde Anziehungskraft von The Green Inferno.

Trailer zu „The Green Inferno“


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