Verblendung

Geschichten aus dem europäischen Winter.

Verblendung US 09

Die Vergangenheit hat uns in der Gewalt. Wollte man das Figurenkabinett von Stieg Larssons Multi-Millionen-Bestseller Verblendung auf eine Konstante bringen, könnte sie so oder ähnlich lauten. Dort treffen keine Charaktere aufeinander, sondern Biografien. Wer die relevanten Informationen über den anderen kennt, kennt sein Intimstes, weiß um alle Schwachstellen und Passionen. Gewalt ist angewandte Macht – und Wissen ist die Möglichkeitsbedingung der Macht. Was einmal geschehen ist, kann potenziell immer erinnert werden. Dieser Satz ist zugleich Hoffnung wie Fluch – je nachdem, ob man ihn aus der Sicht des Opfers oder des Täters ausspricht. Und in Zeiten einer neuen Unerbittlichkeit des kollektiven Gedächtnisses, in der ein jeder überall digitale Spuren für die Ewigkeit hinterlässt, ist dieses Themenfeld konstant virulent. Denn auch der generell unbescholtene Bürger wird schnell verdächtig, wenn nur das falsche Foto auf Facebook auftauchen sollte. Vielleicht erklärt sich aus der Verquickung dieser beiden Diskurse – der Erinnerung und des Cyberspace – die bewundernswerte Langlebigkeit von Stieg Larssons Millennium-Trilogie.

Verblendung US 04

Nach den schwedischen Filmadaptionen Verblendung (Män som hatar kvinnor), Verdammnis (Flickan som lekte med elden)und Vergebung (Luftslottet som sprängdes) von 2009 folgt nun die zweite Wiedergeburt des ersten Larsson-Romans. Hollywood konnte sich dieses lukrative und erfolgserprobte Franchise schwerlich durch die Finger gehen lassen. Doch David Finchers Verblendung (The Girl with the Dragon Tattoo) ist wesentlich mehr als ein rein kommerziell motiviertes Aufwärmen – diese Verfilmung ist, im Gegensatz zum eher lauen skandinavischen Vorgänger, die Adaption, die Larsson verdient.

Verblendung US 06

Bei einem derart etablierten Stoff kann man natürlich kein wirkliches Neuland betreten – zu bekannt ist mittlerweile die Geschichte um das schräge Paar aus Mikael Blomkvist (Daniel Craig) und Lisbeth Salander (Rooney Mara), die dem jahrzehntelang unbemerkten Treiben eines Serienkillers auf die Schliche kommen. So krankt auch Finchers Version an den Schwächen der Vorlage, vornehmlich deren überambitioniertem Versuch, in einem einzigen Fall maximal viele Stränge aus verdrängter schwedischer Geschichte, sexuell motivierter Gewalt, Kapitalismus- und Religionskritik zusammenzuführen. Stichwort: steinreiche katholische Killer-Nazis.

Verblendung US 03

Doch Fincher profitiert auch von den Stärken des Buches: Mit Lisbeth Salander ist Autor Larsson bekanntlich ein kleiner Geniestreich gelungen, eine Figur, die zwar auf geradezu haarsträubende Weise zusammengeschustert ist (bisexuell, Asperger-Syndrom, hochintelligent, fotografisches Gedächtnis, unmenschliche Hackerfähigkeiten, Meisterin der Selbstverteidigung ...), aber dabei dennoch einen Lebensentwurf präsentiert, der so unmittelbar als Reaktion auf den Zustand unserer Gesellschaft gelesen werden kann, dass er restlos überzeugt. Bei ihr verknoten sich die oben erwähnten Fäden aus digitaler Hochtechnologie und dem Ausgeliefertsein an die Vergangenheit zu einem Knäuel aus Widersprüchen in Menschengestalt. Rooney Mara spielt die Lisbeth denn auch mit einer Hingabe und Starrköpfigkeit, die ihr zu Recht Beifall bei Kritik und Publikum eingebracht hat.

Verblendung US 05

Grimmiger, dunkler, kälter als selbst die Bücher kommt Finchers Film daher – aufgekratzt von einem Soundtrack zwischen schreiendem Industrial und unendlichen Drones (komponiert vom Nine-Inch-Nails-Gespann Trent Reznor und Atticus Ross), in tiefes Dunkel getaucht von Jeff Cronenweth’ sparsam ausgeleuchteten, aber präzise komponierten Bildern. Manchmal, in kurzen, fast gewalttätig in den Schnittfluss eingefügten Flashbacks (die keiner Figur anzugehören scheinen, sondern wie eigensinnige Gipfel der Zeit aus der Vergangenheit ragen), dringt auch Sonnenlicht hinein, hängt eine schiefe Pianoharmonie angenehm lange nach. Aber der Grundton des Filmes ist geradezu desperat: Craigs Blomkvist hat nichts von einem idealistischen Aufklärer, aber viel von einem ausgebrannten Zyniker, Schweden in Finchers Blick besteht aus endlosen Winterstürmen, nachgedunkeltem Prunk und entmenschlichtem Funktionsdesign.

Verblendung US 07

Hier schaut ein Amerikaner auf ein von der Vergangenheit niedergerungenes Europa, eine Welt, in der die Geschichte (sei es die verborgene nazistische Schwedens, die in Missgunst und Gewalt erstarrte der Industriellenfamilie Vanger oder die traumatische Lisbeths) jede Zukunft schon von vornhinein in den Klauen hält. Aber sein Blick ist nicht distanziert, sondern auf eine ambivalente Art empathisch – als wüsste Fincher, dass es mit Amerikas nach vorne gewandter Vitalität schon lange vorbei ist. In der Originalversion sprechen auch alle Schauspieler – selbst die angelsächsischen – ein Englisch mit skandinavischem Fake-Akzent: ein sprachlicher Bastard, eine Schicksalsgemeinschaft.

Dabei kleidet Fincher seine Reise in ein Europa der verkrusteten Größe in fast altmodische Genregewänder – Verblendung ist ein formal enorm präzise inszenierter, niemals allzu gewagter Psychothriller. Neben der erwähnten sprachlichen Altertümlichkeit lässt sich dieser beizeiten fast Pastiche-artige Klassizismus nirgendwo besser ablesen als an der James-Bond-artigen Titelsequenz. Zu Trent Reznors und Karen O.’s noisigem Cover von Led Zeppelins Immigrant Song fließen da pechschwarze Flüssigkeiten wie Teer, Öl und Lack ineinander, formen die Gesichter der Protagonisten und zerstäuben wieder im Schlag des Beats – aus der Schwärze gerinnen Gestalten, gleichsam wie Erinnerungen, geformt aus bis zum Bersten verdichtetem Vergessen.

 

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Kommentare


sk

Dem letzten Absatz kann ich mit einer Ausnahme zustimmen: der formalen Präzision. "Nicht gewagt" trifft es. Und ja, die Titelsequenz ist so interessant wie losgelöst vom Film. Überhaupt die Musik: am nettesten noch der Gag mit Enya als Killermusik. Ansonsten, wie Jochen Werner in seinem lesenwerten Text (http://www.schnitt.de/202,6992,01) schreibt: wo ist der Mehrwert - jener gegenüber der ersten Vorlage, aber auch gegenüber dem Buch?
Und wo hat sich der Autor Fincher versteckt - jetzt, wo er noch nicht einmal mehr seinem Drang nach Technikspielereien nachgeht? Wo "Social Network" noch fast wie ein Comeback wirkte, erinnert mich "Girl with the Dragon Tattoo" in seiner Leere und dramaturgischen Unausgewogenheit eher an Das BB-Desaster.


sk

lieber stefan,

ganz ehrlich - wo ist die rechtfertigung? im letzten absatz in den beobachtungen, zailian sei (minimal noch) näher an der vorlage und mara spiele anders als rapace???
und davor die erkenntnis hollywood dreht literaturadaptionen, weil sie lukrativ sind?
und bond im strickpulli?
übrigens hätte ich durchaus interessant gefunden, mal ernsthaft über den schauspieler craig nachzudenken.

lg


Stefan Jung

mal davon abgesehen, dass man leider nicht auf jeder website so genau argumentieren darf/kann - kult.de ist keine profi-seite wie critic.de - finde ich es ein bisschen entwürdigend, dass du jeden Satz der dir in meiner, sicherlich nicht so professionellen Kritik in der Luft zerreißt.
was ist an meiner erkenntnis denn so falsch, dass hollywood immer und immer wieder lukrativ sein will. auf kult.de möchte ich so manchen cinemaxx-gänger, der wahrscheinlich noch nie von einer seite von critic.de gehört hat, geschweige denn sich näher mit filmhintergründen befasst, neben einer kompakten besprechung auch ein bisschen die logik der maschinerie erläutern. Viele Leser, viele Kinogänger sind häufig (leider) abgeschreckt von detaillierten Schriften, ich dachte du siehst in meinem text vielleicht auch etwas positives. Aber dein Tonfall: "Lieber Stefan - ganz ehrlich" wirkt auf mich eher entrüstet. Bitte lass mir meine kleinen dummen Spielereien mit "Bond im Strickpulli" - das ist für die Leser, manche findens nett und lesen sich die Kritik bis zum Ende durch. Für eine Analyse der Person Craig können wir ja demnächst ein Special bei hardline schalten - bei kult.de kommt sowas leider nicht unter.
Tatsächlich ist aber das Hauptargument, die Nähe an der Vorlage, ich bezeichne Finchers Film als sehenswert, eben auch aufgrund der Rückkehr zu der mutigen (für US-Verhältnisse) Wendung zur Gewalt, die ja in der Vorlage basiert.
Das verstehe ich dann manchmal nicht bei dir: du nimmst meinen Bond im Strickpulli, findest ihn Scheiße, und übergehst zum Beispiel diesen Absatz: "Mit „Verblendung“ kehrt Fincher zu jener filmischen Gewalt zurück, die ihn tatsächlich wieder als besonders auszeichnet: Der Mann hat für über 100 Millionen Dollar einen Film fast nur für Erwachsene gedreht – das macht heute sonst niemand mehr."
Und ich versteh auch generell nicht, warum einige die Frage diskutieren, ob so ein scheinbar überflüssiges Remake wirtschaftlich-moralisch korrekt ist. Klar, brauch man sowas nicht unbedingt, aber ich fand den Film eben noch einen der besten von Fincher, der m.E. generell überschätzt wird. 1995-99 war der Mann gut, kein guter Schnitt. Verblendung fand ich daher angenehm anzuschauen, du sagst ja selbst in deinem ersten Kommentar: formale Präzision. Dagegen ist wohl nichts einzuwenden, oder?


Stefan Jung

bezüglich Craig nochmal: interessiert mich nicht, mich interessiert wenn dann Fincher als Regisseur. Dann - sorry - muss mich jetzt selbst verbessern, du hattest ja eben "keine formale Präzision" gesehen. Das hatte ich missverstanden. Aber warum? Der Film ist in seiner narrativen Struktur eben gerade viel dichter am Buch - darauf gehe ich ja zumindest ganz kurz in meiner kult.de-besprechung ein. Er ist stringent und filmischer als die skandinavische Version. Fincher schafft es trotz seiner unverkennbaren Digitalkamera-Ästhetik eine "klassizistische" Note zu geben. Der erste Film war wie ein guter TATORT, TV-Ästhetik, zu viel Dialog, mal mehr, mal weniger schöne close-ups.
mara spielt zudem nicht nur "anders", sie spielt VERLETZLICHER - genau wie im Buch. auf programmkino.de hab ich jetzt auch keine argumentativ schlüssige Besprechung gefunden, aber Harald Steinwender bringt es für mich auf den Punkt (3. Absatz):
http://www.filmgazette.de/index.php?s=filmkritiken&id=601

lg






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