The Founder

Ein Leben lang am Milchshake nuckeln: The Founder schildert die Entstehung von McDonald’s als Geschichte einer ungehemmten Expansion und erforscht am Rande die Gründe unseres Verlangens nach Nuggets und Happy Meal.

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Ratschen und Klimpern einer Kasse, nebeneinander vor schwarzem Hintergrund. Gleich in diesen ersten Augenblicken von The Founder fühlt man sich unmittelbar angesprochen – denn offenkundig rechnet der Film damit, dass es etwas gibt, worauf diese Zeichen verweisen können, etwas, das nur aktiviert werden muss, um das Bild einer voll ausgeformten Wirklichkeit entstehen zu lassen. McDonald’s ist ein Mythos, der im Kern jedoch nichts mit der Nahrungsaufnahme oder mit bestimmten Essensritualen zu tun hat, sondern mit dem bloßen Gefühl einer zugleich aufdringlichen wie eigenschaftslosen Nähe: das Produkt, das McDonald’s anbietet, ist nicht diese oder jene Auswahl an Burgern und frittierten Beilagen, sondern eine standardisierte Allgegenwart, eine durch die Jahrzehnte und über die Kontinente ungebrochene Gleichförmigkeit. Das Bedürfnis, das McDonald’s bedienen will, ist das nach einer Wirklichkeit, die allen Veränderungen in Raum und Zeit enthoben ist, in der selbst die frühesten Jahre der eigenen Kindheit nicht mehr ganz so fern und selbst die unbekanntesten Ecken der Welt nicht mehr ganz so fremd erscheinen – denn schließlich gibt es immer und überall die gleichen Burger zu essen, mit den gleichen Beilagen in der gleichen Inneneinrichtung.

Die Gründung vollzieht sich in der Vervielfachung

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Diese Doppelnatur von McDonald’s – einer Burger-Imbisskette, deren wahres Produkt nicht der Burger, sondern die eigene Homogenität ist – bestimmt auch die Struktur von The Founder. Denn der Gründungsmoment eines derartigen Unternehmens liegt nicht in der Ausgestaltung der ursprünglichen Einzelfiliale, sondern in dem Impuls zu ihrer Vervielfachung – erst in der ungehemmten und grenzenlosen Expansion wird McDonald’s zu dem, was es eigentlich ist. Der tragische Umstand, von dem The Founder seine (wenn auch überschaubare) Energie bezieht, ist nun, dass sich diese doppelte Gründung, die scheinbare und die eigentliche, auf unterschiedliche Personen aufteilt – auf die namensgebenden Brüder Richard und Maurice McDonald (Nick Offerman, John Carroll Lynch), die das ursprüngliche Burger-Rezept und das effiziente Zubereitungs- und Serviersystem entwickelten, und den Geschäftsmann Ray Kroc (Michael Keaton), auf dessen emsiges Treiben hin sich die McDonald’s-Filialen von Kalifornien über den Mittleren Westen bis an die amerikanische Ostküste und schließlich über die ganze Welt ausbreiteten. In der Darstellung des unvermeidbaren Konflikts, den diese so verschiedenen Gründungsakte nach sich ziehen, will sich The Founder jedoch weder mit echter Verzweiflung noch mit wirklicher Schuld auseinandersetzen. Die Tatsache, dass Kroc die McDonald-Brüder irgendwann rücksichtlos aus dem gemeinsamen Unternehmen drängt, wird aus dramaturgischen Gründen zwar bedauert, doch zugleich wird das Geschäftsmodell, das diesen brutalen Bruch notwendig macht, als große Innovation gefeiert. Denn schließlich war es die Vision einer Trias aus Kreuz, Flagge und goldenen Bögen, mit der Kroc die McDonald-Brüder von seinen Wachstumsplänen überzeugte: McDonald’s sollte zu einem festen Rahmen werden, der das gesamte amerikanische Leben umfasste – und dem man sich nur entziehen konnte, indem man der Gesellschaft als Ganzes den Rücken zukehrte.

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Immer wieder setzt The Founder somit zu einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive an, doch bleiben die vielen politischen und historischen Bezüge stets bloße Markierungen. Die Rolle, die McDonald’s im Gewebe der amerikanischen Gesellschaft einnimmt, wird in The Founder kaum beleuchtet – vor allem auch, weil sich der Film für die Grundlagen dieser Rolle kaum interessiert. So werden etwa die anfängliche Verwirrung und das später umso größere Genusserlebnis der ersten McDonald’s-Kunden mit einer Emphase geschildert, die bewusst überzogen wirkt – freudige Kindergesichter, die in Zeitlupe in einen mickrigen, fetttriefenden Burger beißen –, doch wird dieser Überzeichnung nie erlaubt, ins Groteske abzudriften. Man hat den Eindruck, dass sich der Film hier dem eigenen rhetorischen Überschwang willenlos hingibt, dass er treuherzig einer vom Vorstand abgesegneten Erklärung für den Erfolg von McDonald’s aufsitzt – denn eines scheint sicher: der Stellenwert, den McDonald’s in unserem Leben einnimmt, rührt sicherlich nicht daher, dass die Burger einfach so gut schmecken.

Kein Platz für wilde Jugendliche

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Nur selten eröffnet sich eine Perspektive, in der sowohl die fadenscheinige gesellschaftliche Einbettung als auch die lauwarmen persönlichen Konflikte in den Hintergrund treten und etwas Ungeordnetes in den Film Einzug hält. Wie etwa in jener Szene, in der Kroc von der Frau eines Filialinhabers überzeugt wird, Milchshakes anstatt mit Eiscreme künftig mit einem vorgefertigten Instant-Mix zubereiten zu lassen. Lange und lasziv verrührt die Frau das Pulver in einem hohen Glas, und nachdem sie davon getrunken hat, bleibt ihr roter Lippenstiftabdruck am Rand zurück. Der Abfall von den eigenen Idealen, den die Einführung dieses Instant-Pulvers darstellt, besteht jedoch nicht in der Abkehr von der Zubereitung mit natürlichen Zutaten, sondern darin, dass Kroc sich von den eigenen lüsternen Impulsen zu einer Geschäftsentscheidung hinreißen lässt und somit der Sexualität und dem Erwachsen-Sein Einlass in die McDonald’s-Welt gewährt. Denn schon von Anfang stellt der Film es als ein Grundprinzip des innovativen Geschäftsmodells dar, dass in McDonald’s-Lokalen für wilde Jugendliche mit ihren abgerissenen Kleidern, ihrer lauten, unordentlichen Musik und ihrer dadurch ausgedrückten Fähigkeit zum körperlichen Begehren kein Platz ist. Die Jugendlichen müssen vertrieben werden – damit die Kinder kommen können. Immer wieder erscheinen lächelnde, unschuldige Kindergesichter vor der Bestelltheke und wünschen sich nichts sehnlicher, als einen dieser wunderbaren Hamburger mit Pommes Frites zu kaufen. Natürlich wird in The Founder nichts davon ausbuchstabiert oder auch nur weiterverfolgt, doch der dargestellte Triumphzug gründet sich offenbar auf eine rücksichtslose Bemächtigung unseres nie ganz abgeschlossenen Reifungsprozesses. Man will unsere Kindheit besetzen, um uns dann – vermittels unbewusster Erinnerungsspuren und unseres Hangs zur Nostalgie – auch noch als Erwachsene zu beherrschen. Das ist das oberste Ziel von McDonald’s, das ist die Strategie, die sich zum Modell für eine auf Standardisierung und lückenlose Vertrautheit ausgerichtete Konsumwirtschaft eignet: Uns soll das unüberwindbare Bedürfnis eingebrannt werden, ein Leben lang am Milchshake unserer Kindheit zu nuckeln.

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