The Forbidden Room

Es spukt im Kino: Guy Maddin weckt die Geister verlorener Stummfilme.

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2011 gelang der Oscar-Jury und den Multiplex-Kinos eine sensationelle Entdeckung: Vor langer, langer Zeit gab es anscheinend einmal Filme, die ohne Ton auskamen. In diesen sogenannten Stummfilmen wurde nicht gesprochen, es kamen darin keine Musik und keine Umweltgeräusche vor. Der Star-Archäologe, dem dieser wundersame Fund geglückt war, hieß Michel Hazanavicius, galt fortan als Wiederentdecker des Stummfilms und wurde für seinen eigenen Beitrag The Artist mit so ziemlich jedem Preis beworfen, den man irgendwo finden konnte. Als The Artist aus den Kinos verschwand, löste sich zeitgleich auch das eben noch so verzückte allgemeine Interesse am Stummfilm wieder auf.

Critic.de veröffentlichte etwas später eine Liste mit Neo-Stummfilmen – Werken aus den letzten 40 Jahren, die sich bewusst der Stilistik des frühen Kinos annähern. Ein Name taucht dabei besonders häufig auf: Guy Maddin. Der Kanadier hat in den letzten 30 Jahren quasi nichts anderes gemacht, als sich dem Stummfilm – halb huldigend, halb parodierend – zu widmen. Take that, Michel Hazanavicius! Allein in der Zeit von 2000 bis 2007 gelangen Maddin mindestens vier wunderschöne Liebeserklärungen an diese Ära: vom nur sechs Minuten langen, aber sehr dichten The Heart of the World über die Dokufiktion My Winnipeg und das Bier-getränkte Musical The Saddest Music in the World bis hin zum Meisterwerk Brand upon the Brain.

Die Untoten der frühen Filmgeschichte

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In The Forbidden Room belebt er nun gleich eine ganze Reihe von Stummfilmen wieder. Werke, die nie fertiggestellt wurden oder verloren gingen. Maddin geht es dabei allerdings nicht um eine Rekonstruktion, sondern um eine Reimagination – eine postmodern überkandidelte Vorstellung, wie es hätte sein können, und nicht eine Nachstellung dessen, was diese Filme tatsächlich waren. Entsprechend unbekümmert vermischt der Regisseur die Stilmittel verschiedener Epochen: Zwischentitel und hörbare Sprachen tauchen gleichzeitig auf, poppige Technicolorfarben folgen auf entsättigte oder viragierte Bilder. Allein schon die anfängliche Credit-Sequenz wirbelt Titelkarten in vielleicht zehn verschiedenen Formtypen durcheinander.

Die einzelnen Episoden schälen sich wie bei einer Matroschka auseinander heraus. Da ist das U-Boot, das nicht auftauchen kann, weil sonst der darin gelagerte Sprengstoff explodiert. Als den Seeleuten langsam die Luft ausgeht, essen sie Pfannkuchen, weil diese Teigblasen voll Sauerstoff enthalten. Da ist ein Holzfäller, der in Hunderten Metern Tiefe in das U-Boot eindringt und von der Bande der Roten Wölfe berichtet, die irgendwo in den Gletscherlandschaften Holstein-Schleswigs (sic!) eine junge Frau gekidnappt haben. Der Holzfäller sucht Gefährten, um sie durch archaische Rituale zu befreien – darunter Fingerschnippen und Tierblasen-Schlagen. Und da ist die Geschichte, in der sich ein Mann in eine Vampirbanane verwandelt. Jawohl, eine Vampirbanane!

Sakrileg: Digitale, bunte Bilder

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Maddins absurder, hier mitunter auch recht trashig-alberner Humor lässt sich mit Worten kaum adäquat wiedergeben. Aber wie so oft in den Filmen des Kanadiers geht es ohnehin eher um die Formsprache als um den melodramatischen Plot mit seinen grotesken non-sequiturs. Die Form von The Forbidden Room unterscheidet sich in einigen Punkten deutlich von Maddins bisherigen Arbeiten. Zum zweiten Mal verwendet er digitale Kameras, orange-rote Farbfilter ersetzen die sonst üblichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen, und es kommen – oh Schreck! – sogar einige computergenerierte Bilder vor. Das mag für langjährige Anhänger Maddins etwas schwer zu verkraften sein, aber keine Sorge: Trotz digitaler Technik schreibt sich der gewohnte Look des (Neo-)Stummfilms in das Material ein. Risse und Flecken überlagern die Aufnahmen, Zelluloid verbrennt im Projektor, der Filmstreifen löst sich in Blasen auf, die Tonspur knattert und entgleist.

Maddin-Aficionados dürften auch einige erzählerische Motive wiedererkennen: Die Hirn-Operationen und die Rückkehr des toten Vaters aus Brand upon the Brain, das Höhlenmädchen aus Careful, die von Amnesie geplagte Frau aus The Saddest Music in the World. Auch viele Schauspieler kennt man schon aus vorherigen Filmen des Regisseurs.

An die erwähnten Werke kommt The Forbidden Room aber nicht heran. Einzig das Finale – „The Book of Climaxes“, in dem die verschiedenen Episoden alle zum gleichen Zeitpunkt überkochen – entwickelt eine gewisse Sogkraft. Ansonsten ist der Film zu inkohärent, sind die Episoden zu disparat, um einen vergleichbar in den Bann ziehen zu können. Maddins Stummfilm-Reanimationsversuche sind – von ein paar Längen im zweiten Drittel abgesehen – zwar jederzeit unterhaltsam. Die hochgradig idiosynkratische Fantasie des Regisseurs ist aber ein zweischneidiges Schwert: Sie macht den Film einzigartig, zugleich aber für Außenstehende mitunter auch etwas hermetisch.

Trailer zu „The Forbidden Room“


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