The Fog of War

Die elf Lehrsätze des früheren amerikanischen Verteidigungsministers Robert McNamara, zusammengestellt von der Dokumentarikone Errol Morris, kunstvoll arrangiert mit der Musik seines langjährigen Weggefährten Philip Glass und bereits ausgezeichnet mit dem Oscar. Die dadurch geschürten Erwartungen werden nicht enttäuscht in einem der Filmhighlights des Spätsommers.

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Robert McNamara ist ein bestimmender und kontrollierender Mensch, ein Organisator und Krisenmanager. Gleichzeitig sich selbst und die Fragenden im Griff zu haben trainierte er über Dekaden. Verbindlich lächelnd gibt er sein Geheimnis Preis und deckt gleichzeitig das einzige Problem des Films auf: früh habe er gelernt, unbequeme Fragen zu überhören und statt jenen eine Wunschfrage zu beantworten. Im Epilog von The Fog of War (The Fog of War: Eleven Lessons from the Life of Robert S. McNamara) scheint sich Regisseur Errol Morris dafür entschuldigen zu wollen: die finale Sequenz offenbart per Tonband hintereinander geschnittene Verweigerungen McNamaras auf seine Fragen. Der heutige Privatier und frühere Chef der Weltbank begründet das mit dem unverändert immensen Gewicht seines Wortes. Diesen eitlen Schlusssatz gönnt Morris seinem Protagonisten, denn so ganz falsch wird der damit nicht liegen.

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Diese Konstellation besagt einiges über den Porträtierten und seinen Film. Zum einen sind seine Reflexionen von bestechender Eloquenz und Tiefe. Dieser Mann hat etwas zu sagen und weiß dies zu formulieren. Zum anderen ist er sich dessen so ungemein sicher. Die Folge ist eine zweischneidige: der ehemalige Politiker getraut sich noch heute einen Kommentar zu den entscheidenden Fragen dieser und wahrscheinlich jeder Zeit, Fragen nach Krieg und Frieden, abzugeben. Davon abgesehen spricht er mit einer Vorsicht, die ihn für Fallen eines Fragenstellers immun erscheinen lassen. Nur die Konsequenz dieser Einschätzungen und Selbsteinschätzungen vermag der Altweise nicht zu verbergen: er ist gezeichnet von Eitelkeit. Diese weiß The Fog of War aufzudecken, wenn er in verschiedensten Formen den jungen wie den alten McNamara mit Urteilen sein Ego, seine Intelligenz und seine Arroganz betreffend konfrontiert. Dann nämlich enthuscht diesem ein ums andere Mal ein von tiefster Selbstüberzeugung durchdrungenes Lausbubenlächeln, das die eigenen Worte konterkariert: „nein, ich halte mich nicht für schlauer als die anderen…“.

Wenn eben von dem Porträtierten und seinem Film die Rede war, so ist dies durchaus wörtlich zu verstehen. McNamara ist selbst zu sehr Manipulator, um sich manipulieren zu lassen. Er trifft die Aussagen und er bestimmt selbst-bewusst die Aussage von The Fog of War. Regisseur Errol Morris akzeptiert diese Konstellation mit der Gewissheit des noch jüngeren, aber selbst schon erfahrenen Medienfachmannes, in seinem Metier ebenfalls als Institution gefeiert.

In seinem einflussreichen Meisterwerk The thin blue Line (1988) kulminierte die Suche nach Antworten und Wahrheiten in der Aufdeckung eines Justizirrtums. Durch die damals aufgenommenen Aussagen der beiden Protagonisten erlangte einer von ihnen nach einem Dutzend Jahren unschuldig in Haft seine Freiheit zurück.

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Selbst wenn eine solche Demonstration journalistischen Geschicks gepaart mit filmischer Intelligenz und Eleganz nicht zu wiederholen ist, bestätigt Morris mit seinen bewährten filmischen Mitteln die eigene Meisterschaft. Neben dem Einsatz verschiedenster Bildmaterialen (neben dem Interview verwendet der Regisseur historische Aufnahmen, Archivmaterial, Photos, nachgestellte Szenen, Dokumentar- und Spielsequenzen) erreicht Morris vor allem durch die Symbiose mit der Tonebene und seine Montage eine teils atemberaubende Intensität. Dabei setzt sich der Ton aus der Musik des Komponisten Philip Glass, dem Sound der Bildquellen und sowohl aktueller als auch historischer Tonbandaufnahmen zusammen.

So gelingt es Morris durch seine Inszenierung das McNamarasche Selbstporträt in die Sphäre einer Meditation über ein halbes Jahrhundert amerikanischer Geschichte zu heben. Dabei entpuppen sich die Worte des reifen Herrn als hochaktuell und es gelingt, per historischem Blick zurück den Blick in die nahe und ferne Zukunft schweifen zu lassen.

Der Regisseur strukturiert The Fog of War durch elf McNamara entlehnten Leitsätzen. Wie von selbst ordnen sie eine Lebensbeichte, die jedoch mehr von Affirmationen denn von Eingeständnissen geprägt ist und nie zur Entschuldigung geriert, in historische Epochen. Die Weltwirtschaftskrise, Anstoß für ein Wirtschaftsstudium, der Zweite Weltkrieg mit dessen dunklen Seiten auch aus amerikanischer und für McNamara persönlicher Sicht, das Comeback des Autoherstellers Ford unter McNamaras Ägide in den Fünfziger Jahren und schließlich der Vietnamkrieg. Als verlängerter Arm diente er damals den Präsidenten Kennedy und Johnson.

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Wenn McNamara von dem Tod Kennedys spricht, wird die Traumatisierung des amerikanischen Volkes ob des Todes seines Hoffnungsträgers spürbar. Der sonst so distanzierte Mann kämpft mit den Tränen, als er von dem Attentat und der letzten Ruhestätte seines Präsidenten spricht. McNamaras Fazit könnte deutlicher nicht sein: mit Kennedy an der Macht hätte der Vietnamkrieg diese Form nie angenommen. Wenn er betont, eine der ersten Amtshandlungen Johnsons´ sei die Rücknahme des Vorgängerbeschlusses, die Soldaten innerhalb von zwei Jahren aus dem Kriegsgebiet zurückzuziehen, gewesen, betreibt er damit nicht nur Johnson-Kritik und Kennedy-Mythisierung. Was er hiermit verhohlen, dennoch ungetrübt deutlich ans Tageslicht fördert, ist die eigene Position, denn er war es, der Kennedy zum Truppenrückzug geraten hatte.

So feilscht und fälscht, so trickst und manipuliert der alte Mann, immer im Duell Mann gegen Mann mit seinem Interviewer. Neben der Reflexion und Kontemplation über existentielle Fragen erzeugt eben jenes Duell den besonderen Reiz dieses Films.

Trailer zu „The Fog of War“


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