The Florida Project

Bewegung ohne Ziel, Film ohne Gegenstand: Sean Baker spürt im Schatten von Disneyland kindlichen Energien und solidarischen Verkettungen nach. Und Willem Dafoe räumt hinterher.

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In der anfänglichen Feindin Jancey (Valeria Cotto) haben Moonee (Brooklynn Prince) und Scooty (Christopher Rivera) mittlerweile eine potenzielle Freundin ausgemacht, deshalb klingeln die beiden Kinder in der Wohnung in Futureland, dem Nachbarkönigreich des heimischen Magic Kingdom. Ob Jancey rauskommen will zum Spielen, fragen Moonee und Scooty, als ihre Mutter die Tür öffnet, aber bevor die die Frage an ihre Tochter weitergibt, fragt sie zurück: Was denn spielen? Ob Jancey rauskommen will zum Spielen, wiederholt Moonee. Hör mir zu, Kind, was wollt ihr denn spielen – aber die wiederholte Nachfrage wird nur von Schweigen beantwortet, nicht verstanden. Kinder gehen spielen, und was sie damit meinen, das ist nicht die Ausführung eines benennbaren Spiels, sondern eine gänzlich eigene Welt. Das Spielen hat kein Objekt, und ganz Ähnliches könnte man über diesen Film sagen, der eine Welt hat, aber keinen Gegenstand, und auf Rückfragen keine Antwort, weil er diese Fragen nicht richtig verstehen würde, weil er keinen Thesen, keinen Aussagen, sondern erstmal nur dieser Welt verpflichtet ist.

Hausmeister Dafoe

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Diese Welt befindet sich an den Outskirts von Walt Disney World, Orlando, Florida, in schäbigen Hotelkomplexen, die zwar noch verheißungsvolle Namen tragen, aber von Hotels de facto zu sozialem Wohnungsbau geworden sind. Hier hat sich Sean Baker nach seinem auf einem gepimpten iPhone gedrehten Tangerine L.A. (2015) niedergelassen, dieses Mal mit 35mm-Material und Kameramann Alexis Zabe, der Carlos Reygadas Filmen Stellet Licht (2007) und Post Tenebras Lux (2012) ihre wahnwitzigen Bilder geschenkt hat und jetzt kaum genug kriegen kann von diesem Magic Kingdom mit seinem lila Anstrich und so überdimensionierten wie ziemlich verlassenen Disney-Etablissements. Diese Welt hat einen Hausmeister, der von einem großartigen Willem Dafoe gespielt wird und mit viel Geduld ein wenig Ordnung ins Chaos bringt, und sie wird eben durchzogen von einer Kinderschar, von der zu behaupten, sie hätte nur Unsinn im Kopf, untertrieben wäre. Den Strom abstellen („Das ist der Raum, in den wir nicht dürfen“, initiiert Moonee Jancey, „lass uns also reingehen“), Eiskremgeld erschnorren, ein verlassenes Haus in Brand stecken und sich mit mehr als nur unflätigen Kommentaren allzu simplen Zuschauerzugriffen über Niedlichkeit entziehen. Wenn man diese Welt als einen Körper begreift, dann wäre die Gang ein ziemlich fieser Virus, der durch seine Bahnen saust, gegen den das Immunsystem keine Chance hat, höchstens ein bisschen hinterherräumt.

Labern und Handeln

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Ziellos ist also die Bewegung dieser Kinderschar, destruktiv, eine einzige Kriegsmaschine, reißt ständig wieder ein, was der Film sich gerade aufbaut: den Plot um Moonees Mom Halley (Bria Vinaite) etwa, eine supertätowierte junge Frau, von der zu behaupten, sie lasse sich nichts sagen, untertrieben wäre. Oder überhaupt alles, was nach Betroffenheit und Urteil riecht. Wie schon in Tangerine L.A. lässt sich Baker auf sozialrealistische Formen nicht ein, und zwar nicht, indem er sich möglichst neutral zurückzieht und beobachtet, sondern indem er die Kontrolle seinen Figuren überlässt, die unentwegt am Labern und am Handeln sind, und weil er seine Kinder als Vektoren filmischer Bewegung ernst nimmt und sie nicht in Erwachsenenbegriffe übersetzt. Sein Ansatz läuft dabei zum Glück auch nicht auf die Romantisierung einer culture of poverty hinaus. Die Widrigkeiten sind in The Florida Project nur deshalb nebensächlich, weil das Leben von den Kindern, deren Perspektive sich Baker verschrieben hat, noch nicht als der Überlebenskampf wahrgenommen wird, der er für Halley ist. Und wenn am Ende der Staat das Magic Kingdom stürmt und das tollste Mutter-Tochter-Gespann der jüngeren Filmgeschichte auseinanderzureißen droht, dann verfestigt diese Gewalthandlung nicht nur die Machtverhältnisse, sondern bremst zugleich die destruktive Bewegung, die diesen Machtverhältnissen zumindest einmal indifferent ist und stetig ihre Fluchtlinien einzieht. Aber auch dann können Kinder natürlich noch wegrennen.

Spaß bei der Strafe

Vor allem geht es aber in Magic Kingdom und Futureland immer heiß her, aber niemals im Sinne eines Survival of the Fittest. Da wird nicht nach unten getreten, da entstehen solidarische Allianzen immer wieder und ad hoc. Wenn die Kids in der ersten Sequenz zur Strafe das vollgespuckte Auto von Janceys Mutter saubermachen müssen, dann macht ihnen das so großen Spaß, dass die Straferin wütend wird, weil das ja nun wirklich nicht Zweck der Sache ist. Als dann auch noch die eigene Tochter, eigentlich Geschädigte, ihren Altersgenossen hilft, weil sie sieht, wie viel Freude die haben, und wenn dann auch noch die zwei Mütter über eine Zigarette ins Gespräch komm, ist die Logik der Ihr-Kind-hat-meinem-Kind-Beschwerde endgültig zugunsten einer gegenseitigen Neugierde gebrochen. Kein Konflikt, sondern Verkettung. Das ist das Florida-Projekt: „Projects“, das ist im US-amerikanischen Englisch ja eben ein Begriff für sozialen Wohnungsbau, für staatliche Projekte, um Geringverdienern ein Dach über dem Kopf zu ermöglichen; aber in Bakers Film entsteht durch die unbändige, unproduktive Bewegung des kindlichen Spielengehens eben auch ein utopisches Projekt. Nicht mittendrin, sondern am Rande des „happiest place on earth“. Zwischen Magic Kingdom und Futureland.

Trailer zu „The Florida Project“


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