The First Avenger: Civil War

Marvel läutet die dritte Phase seines Cinematic Universe ein: Im dritten Captain-America-Film müssen sich etwas zu viele Figuren zwischen Freiheit und Sicherheit entscheiden.

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Wenn es heißt, Serien seien das neue Erzählkino, dann denkt man dabei wohl vor allem an Produktionen für das Fernsehen und Streaming-Plattformen. Für Marvel gibt es da keinen Unterschied mehr. Das Studio erzählt seine Serie seit mittlerweile acht Jahren im Kino. Die TV-Serien Marvels Agents of S.H.I.E.L.D. und Agent Carter sind Beiwerke, die Hintergrund liefern, für die Handlung der Kinoproduktionen aber nicht essenziell sind. Das Filmuniversum rund um die Avengers ist mit einem globalen Umsatz von über 9 Milliarden US-Dollar schon jetzt die lukrativste Filmreihe aller Zeiten und kein Ende, weder des Franchises noch des Erfolgs, will sich abzeichnen. Ursprünglich war das Marvel Cinematic Universe, kurz MCU, auf drei Phasen angelegt, Produzent Kevin Feige hat mittlerweile allerdings schon die vierte angekündigt und mögliche Filme bis zum Jahr 2028 (!) geplant. Man mag das größenwahnsinnig oder visionär nennen – es steht zu erwarten, dass Marvel und Disney nicht aufhören werden, ihre Comichelden auf die Leinwand zu bringen, so lange es sich finanziell lohnt. Nun also The First Avenger: Civil War, aka Captain America 3 aka Folge 13 des MCU aka Teil 1 von Phase 3 – dem das komplexe serielle Erzählen in Filmform nur bedingt gelingt.

Skepsis gegenüber Weltenrettern

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Gerade erst sind sich die DC-Helden Batman und Superman im Kino prominent an die Gurgel gegangen, da folgen ihnen Captain America (Chris Evans) und Iron Man (Robert Downey Jr.) nach. Das ist nicht die einzige Parallele der Konkurrenz-Produktionen: In beiden Filmen gibt es besorgte Bürger; Antagonisten, die Superhelden-Hass entwickeln, nachdem diese bei ihrem Kampf gegen das Böse Gebäude und Ähnliches auf geliebte Menschen haben fallen lassen; Regierungen, die Personen mit übermenschlichen Fähigkeiten kontrollieren wollen; und tote Mütter, die den Ausgang des Geschehens entscheidend beeinflussen. An sich ist das kein Problem, die Motive sind bekannt und klingen in verschiedenen Variationen in fast allen Superhelden-Geschichten an. Die zeitliche Nähe der Kinostarts drängt dann aber doch zum unfreiwilligen Vergleich, und auch wenn Marvel dabei zweifellos besser wegkommt, ist durch die dramaturgische Ähnlichkeit eine gewisse Vorhersehbarkeit nicht zu leugnen.

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Nachdem die Avengers in Avengers 2 - Age of Ultron die katastrophale Suppe auslöffeln mussten, die ihnen Tony Stark eingebrockt hat, indem er versehentlich eine künstliche Intelligenz schuf, die dann die Menschheit ausrotten wollte, ist die Bevölkerung nun verständlicherweise etwas skeptischer eingestellt, was die Weltenretter-Gemeinschaft betrifft. Es folgen weitere Patzer und schließlich liegt ein UN-Vertrag auf dem Tisch, mit dem sich die Avengers verpflichten sollen, nur noch auf Befehl der Vereinten Nationen zu handeln und ihre Identitäten offenzulegen. Der demütige Tony Stark will den metaphorischen Patriot Act unterzeichnen, doch Steve Rogers, Supersoldat der USA, verweigert sich. Je nach politischer Überzeugung kann das entweder als interessanter Widerspruch oder als subtile Propaganda gesehen werden, denn letztlich nutzt Captain America seine vermeintliche moralische Überlegenheit, um sich die Möglichkeit zu autoritärem Handeln zu bewahren: „I am sorry, Tony. If I see a situation pointing south, I can’t ignore it. Sometimes I wish I could.“ So stehen die beiden scheinbar auf verschiedenen Seiten im ewigen Dilemma zwischen dem Bedürfnis nach Sicherheit und dem Wunsch nach individueller Freiheit. Doch anstatt die relevante Schwierigkeit, diese beiden Seiten in der Filmrealität – mit ihrem sehr aktuellen Bezug – in Einklang zu bringen, ernsthaft zu thematisieren, beziehen die Macher schon bald klar Position.

Speck und schwarzer Kaffee

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Visuell starten die Regie-Brüder Anthony und Joe Russo fulminant mit einer Verfolgungsjagd durch ein dicht besiedeltes Lagos und schaffen durch die stilisierte Künstlichkeit der Helden mit ihrer hochtechnisierten Ausrüstung und den minutiös durchchoreografierten Kampfhandlungen einen spannenden Konflikt zu der chaotischen Betriebsamkeit der rudimentären Schauplätze. Handkamera-Aufnahmen, Jump-Cuts und ein pointierter Tonschnitt verleihen den klobig-muskelbepackten Helden eine mitreißende Dynamik, die über weite Strecken der folgenden Dialogszenen in klinischen Räumen nachwirkt. Die Spannung verliert sich im weiteren Verlauf allerdings durch die ständigen Ortswechsel und neu aufgemachten Handlungsstränge, die nötig sind, um die etwas übereilt vorgestellten Charaktere zu etablieren, die in den kommenden Jahren ihre Solo-Filme kriegen. Black Panther und Spider-Man (in dritter Ausführung seit 2002) zählen zwar zu den charismatischsten Figuren, werden letztlich in der Masse aber doch verheizt. Der Bösewicht Zemo, dessen Bedrohlichkeit einführend dadurch belegt wird, dass er zum Frühstück stets nur Speck und schwarzen Kaffee bestellt, bleibt, wie die meisten Marvel-Antagonisten, eher blass, was nicht nur an Daniel Brühls verkrampfter Darstellung liegt.

Bombastische Pflichtübung

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Nach dem Vertrags-Ultimatum versammeln sich die Helden hinter Captain America und Iron Man, und tatsächlich gelingt es trotz der Vielzahl an Figuren, ihre jeweiligen Motivationen dahinter größtenteils nachvollziehbar darzulegen. Die Gruppendynamik, von der die Avengers-Filme bisher gelebt haben, kann so aber nicht aufrechterhalten werden, die Szenen wechseln in hastiger Montage größtenteils zwischen Zweierkonstellationen und -konflikten hin und her, bis schließlich alle in einer riesigen Kampfsequenz aufeinanderprallen. Die Seiten sind an diesem Punkt allerdings schon so verschwommen, dass das Ausfechten nur noch als bombastische Pflichtübung daherkommt. Die vermeintlichen Fronten rennen aufeinander zu, auch wenn klar ist, dass niemand dem anderen wirklich Gewalt antun will – humoristischer Trash-Talk, Gimmick-Präsentationen und Slapstick-Einlagen beherrschen das Geschehen.

Der Pathos, der bei Batman v Superman irgendwann zum Störfaktor wurde und in den von Joss Whedon inszenierten Marvel-Filmen in seiner Naivität nicht jedermanns Sache war, ist hier fast komplett verschwunden. Die Russo-Brüder wehren sich gegen visuelle Symbolhaftigkeit und verlieren dabei einen wichtigen emotionalen Faktor, der den Reiz an Comics und ihren Verfilmungen ausmacht. Den dramaturgischen Höhepunkten fehlt es auch deshalb an Durchschlagskraft, der zentrale Konflikt kann sich optisch nicht entladen.

Mehr noch als die anderen Teile des MCU wirkt The First Avenger: Civil War auch deshalb nicht wie ein eigenständiger Film, sondern fungiert letztlich mehr als Zwischenvehikel für weitere Fortsetzungen.

Trailer zu „The First Avenger: Civil War“


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